Als ich mich vor fast zwei Jahren für den Schüleraustausch beworben habe, wusste ich nicht, wohin ich eigentlich wollte. Erst fand ich Frankreich toll, dann Kanada, dann Neuseeland und Australien, Argentinien klang auch nicht schlecht. Mir wurde ein Platz in Mexiko angeboten. Ich nahm ihn an, ohne auch nur eine Idee zu haben, was damit auf mich zukommen würde.
Auch kurz vor dem Abflug wusste ich noch nicht, was mich erwartet. Abgesehen von ein paar Stichwörtern hatte ich in meinem Kopf nichts unter "Mexiko" abgespeichert. Nervös hob ich vom Frankfurter Flughafen ab und landete in Guadalajara. Als mich meine Gasteltern zu meinem neuen Zuhause fuhren, wusste ich gar nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte.
Nach und nach verliebte ich mich in Tacos, Begrüßungsküsschen, erlaubtes Zuspätkommen, bunt bemalte Totenköpfe und die Agavenfelder, die um Guadalajara lagen.
Nicht immer war alles wunderbar
Ich verliebte mich in Dinge, die ich nun zurück in Deutschland vermisse. Jetzt verstehe ich die ehemaligen Austauschschüler, wenn sie mir vom besten Jahr ihres Lebens erzählen. Dabei habe ich diesen Satz in Mexiko einige Male verflucht. Denn nicht immer war alles wunderbar.
Vor allem am Anfang: Ich hatte es mir einfacher vorgestellt, neue Freunde zu finden, ohne richtig ihre Sprache zu sprechen. Ich wollte mich an scharf gewürztes Essen gewöhnen und bekam von Chili Bauchschmerzen. Und auch in die Kultur musste ich mich hineinfinden - vor allem wie die Mexikaner zu Zeitangaben und Versprechungen stehen. Vom Heimweh blieb ich natürlich ebenso wenig verschont.
Jetzt denke ich: Fast jeder Austauschschüler muss durch die nicht ganz so einfache Anfangszeit durch, um danach wunderbare Monate und Momente zu verbringen.
Erfahrungen, die in Erinnerung bleiben
Momente, in denen mich meine Freundin verdutzt angeschaut hat, weil ich etwas zu ihrer Deutscharbeit sagte. "Woher willst du das denn wissen? Du bist doch gar nicht im Deutsch-Unterricht!", sagte sie. Sie hatte vergessen, dass ich aus Deutschland kam.
Oder Momente, in denen ich beim Dominospielen gewann - und deshalb nicht das Geschirr abwaschen musste. In denen ich die Großmutter meiner besten Freundin um Rat fragte oder in denen ich mit Freunden Tacos aß.
Ebenso gern denke ich an das Grinsen, das sich mir und meiner Freundin ins Gesicht schlich, wenn die Quersumme der Nummer unseres Bustickets 21 ergab. Die 21er kann man gegen einen Kuss eintauschen. Gemacht hat das natürlich nie jemand, doch gesammelt haben sie alle.
Das schönste ist jedoch zu wissen, dass es ein zweites Land gibt, in dem ich mich zu Hause fühle - obwohl mich dieses zu Hause bis zum Schluss immer wieder mit neuen, unbekannten Dingen überrascht hat.
Was mir von diesem Jahr bleibt? Erfahrungen, Erinnerungen, eine Liebe zu Tacos und der Wunsch, wieder zurückzufliegen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Querweltein | RSS |
| alles zum Thema Austausch-Log | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH