Austausch-Log Russland: Soll ich vor den Russen Angst haben?

Sie wollte nie nach Russland - doch mittlerweile ist Tanja Hausdorf, 17, froh, dass es sie nach Klin bei Moskau verschlagen hat. Ihr Gast-Opa mästet sie mit fetten Speisen, in der Schule ist sie der Star. Nur der viele Müll und ihre fünf neuen Vornamen bereiten ihr manchmal Kopfzerbrechen.

Austausch in Russland: Mayonnaise, Müll und liebe Leute Fotos
Alex Sieber

Nach Russland zu gehen, war nie meine erste Wahl. Ich habe mich um verschiedene Stipendien beworben und für Russland hat's geklappt. Es war meine einzige Chance, ein Auslandjahr zu machen. Als ich die Zusage bekam war ich nicht gerade glücklich, jetzt bin ich es. Sehr sogar.

Ich musste mir viele komische Sachen anhören, dass die Russen ihre Kinder schlagen, dass ein Schüleraustausch organisierte Kinderarbeit ist und immer wieder, ob ich nicht Angst habe. Vor was sollte ich Angst haben, vor den Russen?

Russland ist in Deutschland eher unbeliebt. Wenn ich jetzt daran denke, fühle ich mich so traurig und auch ein bisschen wütend. Ich wohne in Klin, 90 Kilometer nordwestlich von Moskau. Deutschland ist hier beliebt, alle sind sehr interessiert, keiner ist mir je mit Misstrauen begegnet.

Das Essen in meiner Gastfamilie ist wirklich sehr gut, auch wenn für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Öl und Mayonnaise benutzt wird. Ich habe hier Borschtsch gegessen, eine Rote-Beete-Suppe, Reis mit Hühnchen und natürlich Blini zum Frühstück. Das sind Pfannkuchen die man mit Kompott oder dicker, gezuckerter Milch essen kann. Ich habe gehört, man nimmt zwischen 3 und 30 Kilo zu im Austauschjahr. Ich bin gespannt. Mein Gast-Opa Wowa, der auch bei uns lebt, bietet mir alle fünf Minuten etwas zu essen an.

Tatjana, Tan, Tanjusch, Tanka

In Russland wird man nie so genannt, wie man wirklich heißt. Mein Name Tanja wird hier zu Tatjana, Tan, Tanjuschka, Tanjusch, Tanka. Es gibt hier so viele Dinge, über die ich mich wundere. Die Sache mit dem Abfall zum Beispiel: Es gibt absolut keine Mülltrennung, Kunststoffe werden mit Papier und Biomüll, sogar Batterien und Elektrogeräten entsorgt.

Auf den Grünflächen neben der Straße liegt überall Unrat. In den ersten Tagen habe ich gesehen, wie leere Trinkbecher aus Fastfood-Restaurants einfach aus dem Autofenster geschmissen wurden. Ich habe dann versucht zu erklären, dass wir in der Schule beigebracht bekommen, dass die Umwelt unsere Zukunft ist. Und dass es in unserem eigenen Interesse ist, sie für unsere Kinder sauber zu halten. Meine Gastschwester hat mich nur ausgelacht, denn wie soll dieser kleine Plastikbecher irgendeine Bedeutung für jemanden haben, der noch gar nicht geboren ist?

Ganz anders ist es in den Wohnungen, dort ist es absolut sauber. Wirklich jeder wohnt in Hochhäusern, außer der kleinen Zahl Neureicher. Man hat keine Betten, sondern Schlafsofas, die man abends auseinanderklappt. Es gibt nur wenige Zimmer und jeder Raum hat mehrere Funktionen: Das Wohnzimmer ist auch das Schlafzimmer von meinem Gastopa, die Küche zugleich Esszimmer und Treffpunkt für die ganze Familie. Unsere Wohnung ist ziemlich modern eingerichtet, sie hat eine rote Küche und eine pinkfarbene Toilette - aber natürlich gibt es auch einen Wandteppich und überall hängen und stehen Staubfänger wie Plüschtiere, Plastikfiguren und Behälter für Zahnstocher.

Wie in einer anderen Zeit

Obwohl Russland nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt ist, fühle ich mich hier oft wie in einer anderen Welt, oft sogar wie in einer anderen Zeit. Es gibt Männer, die mit Reisigbesen die Wege fegen. Wenn man in unserer Straße einkaufen geht, befinden sich alle Produkte hinter der Theke und man muss die Verkäuferin danach fragen. Gestern war ich mit meiner Gastmutter bei einem Schuhmacher. Dort sah es aus wie in einem Museum. Der Mann hatte Goldzähne und überall lagen altertümliche Werkzeuge herum.

In der Schule werde ich behandelt wie ein Star, jeder grüßt mich und will mir tausend Fragen stellen. Alle sind sehr offen und haben keine Angst, mich anzusprechen. Jungs halten den Mädchen die Türen auf und bieten ihnen Sitzplätze an. Am Anfang dachte ich, dass sie das nur aus Spaß machen. Aber nein, sie meinen das wirklich ernst und wenn ich mich dann bedanke, freuen sie sich wie kleine Kinder, weil es für sie so selbstverständlich ist.

Für mich ist es nicht einfach, die kyrillische Handschrift meiner Lehrer zu lesen. Ich habe dann mein Russischbuch ausgepackt und versucht, die entsprechenden Druckbuchstaben herauszufinden. Sofort haben alle Schüler um mich herum auf die Buchstaben gezeigt und der Lehrer hat es noch mal extra in Druckbuchstaben an die Tafel geschrieben.

Die Menschen sind lieb und immer für einen Spaß zu haben. Es ist im Moment noch sehr schwer, tiefer gehende Gespräche zu führen, obwohl ich das gerne möchte. Ich lerne aber jeden Tag dazu und bald werde ich so weit sein, alles fragen zu können. Ich möchte alles verstehen und auch meine Kultur mit ihnen teilen. Es soll ein richtiger Austausch werden.

Tanja Hausdorf hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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insgesamt 50 Beiträge
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1. -
vielblabla 20.10.2011
// Russland ist in Deutschland eher unbeliebt. Wenn ich jetzt daran denke, fühle ich mich so traurig und auch ein bisschen wütend. // Länder in den Menschen einfach ihren Dreck überall hinwerfen sind bei mir persönlich immer ein wenig unbeliebt. Das gilt nicht für die Menschen direkt. Z.B. mag ich Spanien sehr aber die Art und Weise wie die teilweise mit ihrer Umwelt umgehen finde ich wirklich abstoßend.
2. Nicht so dick auftragen.
habash 20.10.2011
Zitat von vielblabla// Russland ist in Deutschland eher unbeliebt. Wenn ich jetzt daran denke, fühle ich mich so traurig und auch ein bisschen wütend. // Länder in den Menschen einfach ihren Dreck überall hinwerfen sind bei mir persönlich immer ein wenig unbeliebt. Das gilt nicht für die Menschen direkt. Z.B. mag ich Spanien sehr aber die Art und Weise wie die teilweise mit ihrer Umwelt umgehen finde ich wirklich abstoßend.
Dann hoffe ich, dass du bei dir selbst auch ein wenig unbeliebt bist. Deutschland ist ja wahrlich kein sauberer Garten Eden nur weil man auf den Straßen nicht ganz so viel Müll sieht. Im Schadstoffausstoß von Kohlekraftwerken steht Deutschland beispielsweise an der europäischen Spitze. In anderen Fällen wird die hiesige Umweltverschmutzung einfach in andere Länder (z.B. China) exportiert. Ein anderer SPON-Artikel sagt dazu: "Wo sitzen die größten Öko-Sünder, welches Land ist vorbildlich in Sachen Umweltschutz? Experten haben dazu beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine globale Studie veröffentlicht. Deutschland schneidet überraschend schlecht ab. And the winner is..." http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,338978,00.html Ich würde daher nicht zu dick auftragen.
3. Armut
azainal 20.10.2011
Zitat von vielblabla// Russland ist in Deutschland eher unbeliebt. Wenn ich jetzt daran denke, fühle ich mich so traurig und auch ein bisschen wütend. // Länder in den Menschen einfach ihren Dreck überall hinwerfen sind bei mir persönlich immer ein wenig unbeliebt. Das gilt nicht für die Menschen direkt. Z.B. mag ich Spanien sehr aber die Art und Weise wie die teilweise mit ihrer Umwelt umgehen finde ich wirklich abstoßend.
Das hat meistens mit Armut zu tun, und die gibt es in der Welt häufiger als ihr Gegenteil. Sehen Sie mal wie reich Sie sind! (und Spanien, oder sogar Europa als Ganzes, ist in Sachen Müll noch harmlos) Sie können sich um Ihre Umwelt kümmern, weil sie ein Dach über dem Kopf haben, Krankenversicherung, Elektrizität, Kühlschrank, Internet, etc... wenn jemand diese Sachen aber nicht hat, meinen Sie dass er/sie noch soviel Kraft und Energie hat um sich ständig über die Umwelt Gedanken zu machen? Ich finde das alles auch nicht in Ordnung, aber es hilft mehr, Leute zu verstehen, statt sie zu kritisieren. Aber meistens will man ja nicht anderen helfen, sondern nur das eigene Ego. Trifft wohl auch auf mich zu.
4. Re: einfach ihren Dreck überall hinwerfen
shine31 20.10.2011
Zitat von vielblablaLänder in den Menschen einfach ihren Dreck überall hinwerfen sind bei mir persönlich immer ein wenig unbeliebt.
Also da müßte man außer Deutschland und der Schweiz fast alle Länder der Welt nicht lieben... Und in Deutschland sieht man auch immer mehr wilde Müllplätze...
5. ohne Worte
cepnik1 20.10.2011
Zitat von sysopSie wollte nie nach Russland - doch mittlerweile ist Tanja Hausdorf, 17, froh, dass es sie nach Klin bei Moskau verschlagen hat. Ihr Gast-Opa mästet sie mit fetten Speisen, in der Schule ist sie der Star. Nur der viele Müll und ihre fünf neuen Vornamen bereiten ihr manchmal Kopfzerbrechen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,788881,00.html
Wenn ich das lese, da fehlen mir die Worte, ich lebe seit rund 10 Jahren in Moskau, aber soetwas klischehaftes wie diesen bericht habe ich selten gelesen, haengen Teppiche an der Wand, der Schuhmacher wirkt wie ein Museum, auf der Strasse ist alles dreckig, die Deutschen sind sehr beliebt und und und, aus welchem Reisefuehrer wurde das denn abgeschrieben.... keine Ahnung von dem aber recht viel , aber haubtsache nen Artikel schreiben, wenn es sooooo dreckig ist hier dann geh zurueck und bleibe in deinem ach so schoenen Deutschland !!
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