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Austausch-Log: "Pleite, aber glücklich"

"Ein Austauschjahr, super - aber willst du ernsthaft nach Israel?" Anna, 16, will unbedingt, Angst hat sie keine. Im Austausch-Log berichten sie und drei weitere Schüler in Brasilien, Australien und Paraguay, worauf sie sich freuen und was am Anfang schiefläuft.

Anna, 16, in Israel: Ungläubige Blicke Zur Großansicht
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Anna, 16, in Israel: Ungläubige Blicke

"Wem auch immer ich von meinem Austauschjahr erzähle: Jeder schaut mich ungläubig an. Wirklich Tel Aviv?

Manche reagieren schrecklich besorgt, andere finden es supertoll. Sie sagen: 'In Tel Aviv kriegst du von dem Konflikt eh nichts mit.' Trotzdem frage ich mich jeden Tag, ob es die richtige Entscheidung ist, jetzt nach Israel zu gehen. Ich verfolge die Nachrichten rund um die Uhr. Kaum hatte ich meinen Flug gebucht, wurde der Flughafen in Tel Aviv geschlossen. Zwei Tage vor meiner Abreise kam die Nachricht eines Waffenstillstands - doch wie lange der hält, ist ungewiss.

Dabei hatte ich mich so gefreut, als nach mehreren Skype-Interviews mit der Eastern Mediterranean International School im November letzten Jahres die Zusage kam, dass ich dort mein internationales Abitur machen könne.

Ich möchte in Israel mein Austauschjahr beginnen, weil ich daran glaube, dass es weitergehen muss. Wir sind 75 Schüler aus aller Welt, die auf dem Schulcampus in Kfar Yarok ohne Vorurteile friedlich zusammen leben und lernen wollen. Den Campus habe ich im Frühjahr mit meinen Eltern besichtigt: Es ist ein abgeschlossenes, familiäres Areal. Es gab zwar viele Sicherheitskontrollen, aber ich fühlte mich gut.

Nur wenn die Situation total eskalierte wäre, hätte ich mich umentschieden. Die Schule selbst hat keine Signale gegeben, dass wir internationalen Schüler gefährdet sein könnten. Und: In dreieinhalb Stunden könnte ich wieder zu Hause sein."

Jannes, 16, in Brasilien: Bloß nicht von Fußball sprechen Zur Großansicht
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Jannes, 16, in Brasilien: Bloß nicht von Fußball sprechen

"Vor ein paar Wochen habe ich zum ersten Mal auf meinem Handy eine Nachricht mit einer noch nie gesehenen Vorwahl bekommen. Es war mein Gastbruder, und weil er während meines Brasilien-Aufenthalts ein Jahr in Finnland verbringen wird, hat er mir schon einmal die Nummern seiner Klassenkameraden in Apucarana geschickt. Wenn ich Fragen hätte, würden sie mir bestimmt helfen.

Das war ein herzliches Zeichen der Gastfreundschaft. Die Ungewissheit, wie alles werden wird, nervt noch ein wenig. Es bleibt auch noch einiges zu tun: Meine Taschen sind noch nicht gepackt und ich grübel immer noch, wie ich meine Gitarre mitnehmen kann, ohne dafür 300 Euro bezahlen zu müssen. Für meine besten Freunde möchte ich noch eine Abschiedsparty machen.

'Warum fährst du denn nach Brasilien - die WM ist doch schon vorbei', fragen meine Freunde. Dabei war Fußball für mich schon immer nebensächlich. Und nachdem die deutsche Mannschaft der brasilianischen so eine demütigende Niederlage beigebracht hat, ist es vielleicht auch gut, dass mich Fußball kaum interessiert. 'Erwähne das Spiel unter keinen Umständen, wenn du hier bist', schrieb mir eine Austauschschülerin, die während der WM dort war.

Und wenn mich dann Leute fragen, ob ich denn gar keine Angst oder Sorgen hätte, ob ich meine Heimat wirklich ein ganzes Jahr verlassen will - dann würde ich sagen: 'Sim, eu quero' - Ja, ich will. So viel Portugiesisch kann ich schon."

Ravina, 17, in Paraguay: Nur ein paar Brocken Spanisch Zur Großansicht
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Ravina, 17, in Paraguay: Nur ein paar Brocken Spanisch

"Ich hatte noch nie einen Brief an mich selbst geschrieben. Für mein Austauschjahr in Paraguay musste ich das tun. Es ist Teil des Vorbereitungsprogramms meiner Austauschorganisation: Wir schreiben über unsere Vorfreude, unsere Ängste und Erwartungen. In einem Jahr, nach meiner Rückkehr, werde ich diesen Brief dann öffnen. Er wird mir zeigen, wie sehr ich in meinem Austauschjahr gewachsen bin. Jetzt sind es nur noch ein paar Tage, bis ich meinen Traum leben kann.

Eigentlich hatte ich mich für die USA beworben. Ecuador, Costa Rica und Paraguay waren meine Alternativen, schließlich spreche ich kein Spanisch. Zugegeben: Ich wusste nicht viel von diesen Ländern. Aber die Angst vor dem Neuen verflog ziemlich schnell, als ich Blogs von anderen Austauschschülern las. Seit einigen Monaten lerne ich ein paar Spanisch-Grundlagen in einem Onlinekurs.

Nach meiner Ankunft in der Hauptstadt Asunción werde ich die ersten zwei Tage in einem Camp verbringen. Dort treffen sich alle Austauschschüler, die das nächste Jahr in Paraguay verbringen werden. Einige Schüler habe ich schon bei Vorbereitungstreffen und über Facebook kennengelernt. Wir lernen wichtige Verhaltensregeln und werden bestimmt unseren ersten Tereré trinken - der Mate-Tee, der mit Eiswasser aufgegossen wird, ist das Nationalgetränk.

Schwierig fand ich die Auswahl von Gastgeschenken für eine Familie, die ich noch gar nicht kenne. Meinen Gasteltern in Hernandarias bringe ich einen Sampler mit deutschen Songs mit, ein Buch über Deutschland mit spanischen Erklärungen und ein selbst gemachtes Fotoalbum über meine Heimatstadt Zwickau. Auch Süßigkeiten für meine drei Gastgeschwister habe ich dabei."

Tobias, 17, in Australien: Pleite, aber glücklich Zur Großansicht
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Tobias, 17, in Australien: Pleite, aber glücklich

"Endlich meine deutschen Schulbücher abgeben, alle Sachen packen, mich von Familie und Freunden verabschieden - das alles ließ für mich die Vorfreude immer größer werden. Ich merkte, wie sehr ich mich auf Australien freute, wie toll diese Chance ist, ein anderes Land so nah mitzuerleben.

Mein Flug ging nicht direkt nach Perth zu meiner Familie, sondern zunächst nach Sydney zum Vorbereitungstreffen mit anderen Austauschschülern aus der ganzen Welt. Wir hörten echt viele Vorträge, bekamen einige Hinweise und Regeln, unternahmen eine Tour in die Innenstadt und besichtigten das Opernhaus.

Diesen Ausflug werde ich wohl immer in Erinnerung haben. Zum einen, weil ich die ersten Eindrücke von Australien sammeln konnte - zum anderen, weil mir sogleich mal der Geldbeutel gestohlen wurde. Es muss auf der großen, alten Fähre auf dem Weg nach Manly, einem Surferstädtchen, passiert sein. Ich hatte den kostenlosen Internetzugang im Innenraum der Fähre genutzt, um erste Nachrichten von meiner Ankunft nach Hause zu schicken, dabei hat sich jemand meine Börse aus der hinteren Hosentasche geangelt. Sehr ärgerlich.

Die anderen Austauschschüler spendierten mir ein paar asiatische Nudeln zum Abendbrot. Nach dem Vorbereitungstreffen flog ich nach Perth, dort erwartete mich schon meine Gastfamilie mit einem riesigen Schild, auf dem 'G'day Tobi' stand. Während der gesamten Autofahrt zu unserem Haus hatte ich trotz Übermüdung ein Grinsen im Gesicht. Ich war endlich angekommen. Und mal ganz im Ernst: Pleite war ich schon - was konnte also jetzt noch schiefgehen?"

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