Als ich mit meiner Gastfamilie aus einem Urlaub in den Bergen Marylands zurückfuhr, wurde unsere Reise immer wieder durch das schlechte Wetter verzögert. Was in Deutschland schnell als extremer Winter bezeichnet wird, ist in den nördlichen Staaten der USA bis in den März hinein Normalzustand.
Während wir sicher ankamen, häuften sich im Radio die Berichte über Unfälle auf den Straßen. Jahr für Jahr kommt dabei in den USA die Diskussion um das Führerscheinalter auf. Gab es in Deutschland bei der Senkung der Fahrzulassung auf 17 Jahre große Bedenken, kann man in den USA schon mit fünfzehneinhalb hinter dem Steuer sitzen, auch wenn die Eltern dabei sein müssen.
Das Gefährliche: Zehntklässler fahren ohne Fahrpraxis auf gefrorenen Straßen und bauen regelmäßig Unfälle. Viele Orte in den USA sind allerdings so klein und abgelegen, dass die Einwohner ohne Auto aufgeschmissen wären. Das kann auch für Austauschschüler schnell zum Problem werden. Ich habe das Glück, dass meine Gasteltern immer bereit sind, mich zu fahren und auch meine Freunde bringen mich gerne von A nach B, wenn es sein muss.
Diskussion über die aggressive Stimmung im Land
Sind Gastfamilie und Freunde jedoch nicht so flexibel und hilfsbereit, kann es einigen Austauschschülern aufgrund der kaum vorhandenen Infrastruktur im öffentlichen Nahverkehr schnell einmal passieren, dass sie auf Dauer in ihrem Haus festsitzen.
Dort haben sie dann immerhin viel Zeit, Zeitung zu lesen und fernzusehen. Von internationaler Politik werden sie dann aber wenig mitbekommen. Innenpolitisches hat in den Medien meist Vorrang. Wird in einem politischen oder gesellschaftlichen Ereignis entweder ein "Hero" (Held) oder eine "Tragedy" (Tragödie) gewittert, kann man sich vor dem Informationsfluss aus Fernsehen, Radio und Internet kaum retten.
Dazu kann Christine Brennan eine Menge erzählen. Sie wuchs in der Nachbarschaft in Ottawa Hills auf, in der ich nun ein Schuljahr verbringe. Als ich mich mit der bedeutenden Sportjournalistin traf, unterhielten wir uns über die aufgeheizte Stimmung in den Medien und der Politik.
Auch wenn Brennan hauptsächlich über Sport berichtet, hat sie eine politische Bedeutung. Sie war eine der ersten respektierten Frauen, die über den Männersport Football an prominenten Stellen berichten durfte. Wir fragten uns, wann sich die Aggressivität, die in den USA zu spüren ist, das nächste Mal entladen würde. Lange mussten wir nicht warten. Einige Zeit nachdem wir uns trafen, ereignete sich der Anschlag in Tucson, Arizona, bei dem sechs Menschen getötet sowie zwölf weitere Menschen verletzt wurden.
Am nächsten Schultag diskutierten wir in meiner Highschool über den Vorfall und das Waffenrecht, das auch Austauschschüler betrifft. Fast in jedem Haushalt auf dem Land liegen Pistolen griffbereit, manchmal auch alte Sturmgewehre aus Zeiten des kalten Krieges. Als ich in den Bergen Marylands war, mischten sich dort urlaubende Familien mit jagenden Hobbyschützen im Freizeitgebiet.
Was in den USA liberal ist, heißt in Deutschland konservativ
Interessant war eine Politikstunde in der Schule, in der wir den Rechtsruck der USA diskutierten und später auch einen Fragebogen ausfüllten. Am Ende sollte unsere politische Einstellung gemessen werden. Ich wagte ein kleines Experiment. Ich beantwortete alle Fragen aus deutscher Perspektive mit möglichst konservativen oder politisch rechten Ansichten.
Gab ich beispielweise an, dass Waffenbesitz erlaubt sein sollte, dies aber auf den Erwerb eines Waffenscheins begrenzte, wurden mir dafür null konservative Punkte gegeben. Weitere Fragen folgten. Am Ende des Tests wurde mir eine linksliberale Einstellung nachgesagt, obwohl ich aus deutscher Sicht rechts-konservativ abstimmte.
Viele Leute in Ohio sind deutscher Abstammung und kennen sich daher mit deutscher Politik zumindest oberflächlich aus. Unter den Parteien im Bundestag gibt es nach ihrer Ansicht nur linke Parteien oder Parteien der Mitte. Aus ihrer Sicht vertritt keine der deutschen Parteien wirklich rechte Ansichten.
Was den Inder Aajal zum Staunen brachte
In den USA erlebe ich daher nun das erste Mal, was Rechts wirklich bedeutet, vor allem wenn ich den Sender Fox einschalte und Kommentatoren wie Sarah Palin sehe. Viele Freunde berichten mir, dass Bushs Präsidentschaft die USA ihrer Meinung nach zu weit nach rechts gerückt habe. Auch ich konnte seit meiner Ankunft beobachten, dass rechtspopulistische Äußerungen in den Staaten längst keinen Aufschrei mehr auslösen.
Wenn ich von der Diskussion um Thilo Sarrazin erzähle, können die meisten die Aufregung um das Thema in Deutschland kaum verstehen. Sie seien so etwas schließlich gewöhnt. Es ist politisch gesehen eine interessante Zeit, um in den USA zu leben. Mich fasziniert es, wie schnell die Stimmung einen solchen Schwenk nehmen kann.
Die US-Austauschschüler des vergangenen Jahres kamen aus einem Land zurück, in dem auffällig viele junge Leute "Change"-T-Shirts trugen und Obama-Anhänger waren. Nur ein Jahr später lebe ich unter eben jenem moderaten Präsidenten, und erlebe, wie wenig Begeisterung für ihn übrig geblieben ist.
Als vor kurzem die Hälfte meines Jahres in den USA um war, machte ich mit meiner Gastmutter und einem anderen Austauschschüler aus Indien einen Trip nach Cleveland, um die "Rock and Roll Hall of Fame" anzusehen. Wir hatten eine tolle Zeit. Doch Aajal aus Indien war weniger von Johnny Cash oder den Rolling Stones fasziniert, sondern von dem Blick aus dem Fenster der Ausstellung: Er sah an diesem Tag das erste Mal in seinem Leben eine Schneeflocke.
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