Austausch-Log USA: Liberal ist, wer konservativ denkt

Die Stimmung ist aggressiv, die politische Debatte aufgeheizt: Austauschschüler Maximilian Lüderwaldt, 17, erlebt eine bewegte Zeit in den USA. Er diskutierte mit einer bekannten Journalistin und testete im Unterricht seine politische Einstellung - mit einem verwirrenden Ergebnis.

Austausch-Log USA: Von griffbereiten Pistolen und unsicheren Fahrern Fotos
Maximilian Lüderwaldt

Als ich mit meiner Gastfamilie aus einem Urlaub in den Bergen Marylands zurückfuhr, wurde unsere Reise immer wieder durch das schlechte Wetter verzögert. Was in Deutschland schnell als extremer Winter bezeichnet wird, ist in den nördlichen Staaten der USA bis in den März hinein Normalzustand.

Während wir sicher ankamen, häuften sich im Radio die Berichte über Unfälle auf den Straßen. Jahr für Jahr kommt dabei in den USA die Diskussion um das Führerscheinalter auf. Gab es in Deutschland bei der Senkung der Fahrzulassung auf 17 Jahre große Bedenken, kann man in den USA schon mit fünfzehneinhalb hinter dem Steuer sitzen, auch wenn die Eltern dabei sein müssen.

Das Gefährliche: Zehntklässler fahren ohne Fahrpraxis auf gefrorenen Straßen und bauen regelmäßig Unfälle. Viele Orte in den USA sind allerdings so klein und abgelegen, dass die Einwohner ohne Auto aufgeschmissen wären. Das kann auch für Austauschschüler schnell zum Problem werden. Ich habe das Glück, dass meine Gasteltern immer bereit sind, mich zu fahren und auch meine Freunde bringen mich gerne von A nach B, wenn es sein muss.

Diskussion über die aggressive Stimmung im Land

Sind Gastfamilie und Freunde jedoch nicht so flexibel und hilfsbereit, kann es einigen Austauschschülern aufgrund der kaum vorhandenen Infrastruktur im öffentlichen Nahverkehr schnell einmal passieren, dass sie auf Dauer in ihrem Haus festsitzen.

Dort haben sie dann immerhin viel Zeit, Zeitung zu lesen und fernzusehen. Von internationaler Politik werden sie dann aber wenig mitbekommen. Innenpolitisches hat in den Medien meist Vorrang. Wird in einem politischen oder gesellschaftlichen Ereignis entweder ein "Hero" (Held) oder eine "Tragedy" (Tragödie) gewittert, kann man sich vor dem Informationsfluss aus Fernsehen, Radio und Internet kaum retten.

Dazu kann Christine Brennan eine Menge erzählen. Sie wuchs in der Nachbarschaft in Ottawa Hills auf, in der ich nun ein Schuljahr verbringe. Als ich mich mit der bedeutenden Sportjournalistin traf, unterhielten wir uns über die aufgeheizte Stimmung in den Medien und der Politik.

Auch wenn Brennan hauptsächlich über Sport berichtet, hat sie eine politische Bedeutung. Sie war eine der ersten respektierten Frauen, die über den Männersport Football an prominenten Stellen berichten durfte. Wir fragten uns, wann sich die Aggressivität, die in den USA zu spüren ist, das nächste Mal entladen würde. Lange mussten wir nicht warten. Einige Zeit nachdem wir uns trafen, ereignete sich der Anschlag in Tucson, Arizona, bei dem sechs Menschen getötet sowie zwölf weitere Menschen verletzt wurden.

Am nächsten Schultag diskutierten wir in meiner Highschool über den Vorfall und das Waffenrecht, das auch Austauschschüler betrifft. Fast in jedem Haushalt auf dem Land liegen Pistolen griffbereit, manchmal auch alte Sturmgewehre aus Zeiten des kalten Krieges. Als ich in den Bergen Marylands war, mischten sich dort urlaubende Familien mit jagenden Hobbyschützen im Freizeitgebiet.

Was in den USA liberal ist, heißt in Deutschland konservativ

Interessant war eine Politikstunde in der Schule, in der wir den Rechtsruck der USA diskutierten und später auch einen Fragebogen ausfüllten. Am Ende sollte unsere politische Einstellung gemessen werden. Ich wagte ein kleines Experiment. Ich beantwortete alle Fragen aus deutscher Perspektive mit möglichst konservativen oder politisch rechten Ansichten.

Gab ich beispielweise an, dass Waffenbesitz erlaubt sein sollte, dies aber auf den Erwerb eines Waffenscheins begrenzte, wurden mir dafür null konservative Punkte gegeben. Weitere Fragen folgten. Am Ende des Tests wurde mir eine linksliberale Einstellung nachgesagt, obwohl ich aus deutscher Sicht rechts-konservativ abstimmte.

Viele Leute in Ohio sind deutscher Abstammung und kennen sich daher mit deutscher Politik zumindest oberflächlich aus. Unter den Parteien im Bundestag gibt es nach ihrer Ansicht nur linke Parteien oder Parteien der Mitte. Aus ihrer Sicht vertritt keine der deutschen Parteien wirklich rechte Ansichten.

Was den Inder Aajal zum Staunen brachte

In den USA erlebe ich daher nun das erste Mal, was Rechts wirklich bedeutet, vor allem wenn ich den Sender Fox einschalte und Kommentatoren wie Sarah Palin sehe. Viele Freunde berichten mir, dass Bushs Präsidentschaft die USA ihrer Meinung nach zu weit nach rechts gerückt habe. Auch ich konnte seit meiner Ankunft beobachten, dass rechtspopulistische Äußerungen in den Staaten längst keinen Aufschrei mehr auslösen.

Wenn ich von der Diskussion um Thilo Sarrazin erzähle, können die meisten die Aufregung um das Thema in Deutschland kaum verstehen. Sie seien so etwas schließlich gewöhnt. Es ist politisch gesehen eine interessante Zeit, um in den USA zu leben. Mich fasziniert es, wie schnell die Stimmung einen solchen Schwenk nehmen kann.

Die US-Austauschschüler des vergangenen Jahres kamen aus einem Land zurück, in dem auffällig viele junge Leute "Change"-T-Shirts trugen und Obama-Anhänger waren. Nur ein Jahr später lebe ich unter eben jenem moderaten Präsidenten, und erlebe, wie wenig Begeisterung für ihn übrig geblieben ist.

Als vor kurzem die Hälfte meines Jahres in den USA um war, machte ich mit meiner Gastmutter und einem anderen Austauschschüler aus Indien einen Trip nach Cleveland, um die "Rock and Roll Hall of Fame" anzusehen. Wir hatten eine tolle Zeit. Doch Aajal aus Indien war weniger von Johnny Cash oder den Rolling Stones fasziniert, sondern von dem Blick aus dem Fenster der Ausstellung: Er sah an diesem Tag das erste Mal in seinem Leben eine Schneeflocke.

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insgesamt 82 Beiträge
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1. Nichts Neues im Westen
Hermann Löns 18.02.2011
Das was dem Austauschschüler jetzt auffällt, ist auch mir schon in den 70er Jahren bei meinen ersten Besuchen in den USA aufgefallen: Unser politisches Spektrum im Bundestag umfasst ausschließlich linke bis linksradikale Parteien - aus amerikanischer Sicht. Schon damals habe ich festgestellt, dass die Positionen der damals als Alternative zur NPD aufkommenden Republikaner der Mitte des amerikanischen Spektrums zugerechnet werden kann, die NPD-Programmatik respektierte parlamentarische Rechte darstellt - das gilt allerdings für viele Länder in dieser Welt, z.B. auch für islamische "Gottesstaaten". Und linksliberale Positionen wurden als purer Kommunismus angesehen, was heute wahrscheinlich nur noch abgeschwächt gilt. Als besonders befremdlich habe ich empfunden, dass vor jedem Sportereignis, und sei es noch so unbedeutend, die Nationalhymne intoniert wird. Ebenso mussten die Schulkinder bei Unterrichtsbeginn die Nationalhymne singen. Offensichtlich eine Notwendigkeit für ein Einwanderungsland zur Identitätsstiftung und deren Fehlen ein Kritikpunkt von Immigranten in Deutschland darstellt, denen etwas deutscher Nationalpathos fehlt.
2. Nichts neues ...
ratem 18.02.2011
Zitat: "In den USA erlebe ich daher nun das erste Mal, was Rechts wirklich bedeutet, vor allem wenn ich den Sender Fox einschalte und Kommentatoren wie Sarah Palin sehe." Das ist nun wirklich ein alter Hut ... und die USA sind auch voellig unfaehig sich aus der Umklammerung von ultrarechts (Republikaner) und ziemlich konservativ (Demokraten) zu loesen. Mit ein Grund, warum ich fuer dieses Land (mal abgesehen von den wirklich tollen Landschaften dort) so gar nichts uebrig habe.
3. Die USA sind rassistisch und waren dies auch immer
Demokrator2007 18.02.2011
Zitat von Hermann LönsDas was dem Austauschschüler jetzt auffällt, ist auch mir schon in den 70er Jahren bei meinen ersten Besuchen in den USA aufgefallen: Unser politisches Spektrum im Bundestag umfasst ausschließlich linke bis linksradikale Parteien - aus amerikanischer Sicht. Schon damals habe ich.....
Es sollte nicht vergessen werden das gerade in den USA die Sympatie für die Nationalsozialisten immer noch mit am größten ist. In den amerikanischen Gefängnissen genießt die "White Aryan Resistance" hohes Ansehen. Auch in der US-Armee gibt es eine Menge Nazi-Sympatisanten. Ich habe selbst US-Soldaten kennen gelernt die Rudolf Heß inm Spandauer Kriegsverbrechergefängsniss bewachten und "gewisse Sympatien" für ihn und seine Ansichten hegten. Tatsächlich spielen die USA immer noch eine der größten Rollen weltweit beim Thema Rassismus. Ciao DerDemokrator
4. Dr. KTzG
fettfleck 18.02.2011
Zitat von Hermann LönsAls besonders befremdlich habe ich empfunden, dass vor jedem Sportereignis, und sei es noch so unbedeutend, die Nationalhymne intoniert wird. Ebenso mussten die Schulkinder bei Unterrichtsbeginn die Nationalhymne singen.
Tja, für Ihre persönlichen Komplexe können die Amerikaner leider nichts. Das müssen Sie selbst verarbeiten, falls nötig mit professioneller Hilfe. Seltsam, ich war 2002/2003 auch als Austauschschüler in den USA und musste NIRGENDS und NIE irgendeine Hymne singen. In welchem Kaff sind Sie denn um Gottes Willen gelandet, dass dort Zwang zum Hymnesingen ausgeübt wurde? Dass die Nationalhymne oder 'America, the Beautiful' zu Sportveranstaltungen gehören: So what? Der Respekt vor Ihrem Gastland gebietet es, sich einfach zu erheben, Ihre Kopfbedeckung abzunehmen und eine Minute still zu stehen. Big Deal. Vor Unterrichtsbeginn dasselbe: Einfach aufstehen, ruhig verhalten und dem 'Pledge of Allegiance' lauschen. Kein Zwang, nirgendwo. Zum Artikel und der Aussage, die USA seien so schrecklich rechts und von menschlicher Kälte geprägt: Typisches Geschwätz von Europäern, die sich kulturell und moralisch überlegen fühlen und sowieso alles besser wissen. Nicht vergessen, liebe Gutmenschen: Wo entstanden all die modernen Graswurzelmassenbewegungen, die Ihr euch in Deutschland so gerne ans Revers heftet? Umweltbewegung, Schwulenbewegung, Frauenbewegung, Friedensbewegung,...? In den US of A.
5. Den Amerikanern steht eben das Wasser bis zum Hals
Fricklerzzz 18.02.2011
Amerika steckt in der Krise, die Leute haben Angst. Die Presse spielt Angriffszenarien und Anschläge hoch, dadurch noch mehr Angst. "Man muss sich bewaffnen". Jedes Land das ein deutliches Aussenhandelsdefizit hat geht irgendwann Pleite, das sehen wir doch auch hier. Das Geld der Amerikaner ist doch schon längst in Asien, ohne eigene Exporte kommt Amerika nie aus den Schulden heraus. Das einzige was Amerika den Anderen noch voraus hat ist Waffentechnik und Militärmacht, deswegen wird dies auch so hoch bewertet, sie haben sonst nichts mehr , worauf sie stolz sein können. Das widerum stärkt rechte politische Kräfte. Eigentlich wissen die Amerikaner das Ihr "Way of Life" den Bach runter gegangen ist, deswegen klammern sie sich verstärkt an Nationalismus und konservative Ansichten. Ihnen wird aber immer mehr klar das sie sich bald wirklich ändern müssen und das macht sie ärgerlich und greizt. In Europa wird man auch bald feststellen das man nur durch den Verkauf von Produkten Geld verdienen kann die man selbst produziert, die "Importländer" der EU sind auch schon aggressiv und greizt. Denn der Rettungsschirm ist jetzt schon löchrig und viele stehen im Regen. Fricklerzzz
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