Austausch-Log USA: Post von der neuen Familie

Austauschschülerin Elisabeth Schröter, 16, hat ihre Gastfamilie bislang nur auf dem Foto gesehen - und trotzdem kann sie sich keine andere mehr vorstellen. Kurz vor der Abreise in die USA zweifelt sie jedoch: Schaffe ich es, auf alles zu verzichten, was mein Leben bislang ausmachte?

Elisabeth Schröter: Ich packe meinen Koffer - nur was aus meinem Zimmer nehme ich mit? Zur Großansicht
Elisabeth Schröter

Elisabeth Schröter: Ich packe meinen Koffer - nur was aus meinem Zimmer nehme ich mit?

Tagelang habe ich auf diesen besonderen Umschlag gewartet. Denn der Brief, auf dem das Wort "Platzierung" steht, sollte all meine Fragen beantworten: Wo komme ich hin? Wie sehen meine Gasteltern aus? Haben sie Kinder? Wenn ja: Wie viele und wie alt sind sie?

Diese Fragen beschäftigen mich seit Wochen. Denn bald werde ich meine Familie und Freunde verlassen und zehn Monate als Austauschschülerin in Georgia, in einem Vorort von Atlanta leben. Ich war so ungeduldig und wollte endlich mehr erfahren. Bisher war alles noch unendlich weit weg, und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, bald auf einem anderen Kontinent zu sein.

Das änderte sich schlagartig, als der langersehnte Umschlag endlich in unserem Briefkasten steckte. Meine Eltern waren wohl mindestens genauso aufgeregt wie ich. Noch einmal tief Luft holen und dann: Auf damit! Darin: Ein kurzer Steckbrief und Fotos meiner Gastfamilie.

Ich kann mir keine andere Familie mehr vorstellen

Das erste Foto zeigt drei Personen: Eine Frau, ein Mädchen und einen Jungen. Sie sahen so nett aus, schon in diesem Moment konnte ich mir keine andere Gastfamilie mehr vorstellen. Erst ein paar Minuten später fiel mir auf, dass gar kein Mann mit auf dem Foto zu sehen ist. Vermutlich ist die Mutter alleinerziehend.

Ich habe ihnen sofort eine E-Mail geschrieben. Ich bedankte mich, dass sie mich gewählt haben und schrieb, dass sie alle sehr nett aussehen und, dass ich es gar nicht erwarten kann, sie kennenzulernen.

Danach wusste ich nicht mehr, was ich schreiben sollte. Ich wollte auch erst mal wissen, wie sie reagieren werden. Sie antworteten sofort, seitdem haben wir oft gemailt. Einmal haben sie mich so viel gefragt, dass ich mir eine Liste gemacht habe, damit ich nichts vergesse zu beantworten. Dass sie so viel wissen wollen, freut mich sehr. Es gibt mir das Gefühl, dass sie sehr interessiert an mir sind. Dass ich ihnen wichtig bin.

Der schönste Abschied: Alles ist wie immer

Ich freue mich, bin gespannt - und bekomme manchmal auch Zweifel: Schaffe ich es, ein Jahr auf alles zu verzichten, was bisher mein Leben ausgemacht hat?

Aber ich werde keinen Rückzieher machen, das wäre falsch. Auch wegen des Geldes, das meine Eltern sicher gern gespart hätten, wenn mir nicht die Idee mit dem Auslandsjahr gekommen wäre.

Vor meinem Abflug versuche ich möglichst viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden zu verbringen. Meine Mutter sagt, sie möchte sich gar nicht vorstellen, wie es ohne mich ist. Deshalb denkt sie gar nicht erst darüber nach. Wenn ich traurig bin und sage, dass ich nicht gehen will, sagt jeder: "Ein Jahr geht schneller vorbei, als du denkst!" Als ich Geburtstag hatte, haben mir die meisten Fotos geschenkt, die auf jeden Fall einen Platz in meinem neuen zu Hause finden werden.

Jetzt sage ich noch mal allen auf Wiedersehen. Eine Abschiedsparty mache ich nicht. Der schönste Abschied ist für mich, wenn einfach alles so ist wie immer. Denn daran möchte ich mich erinnern.


Elisabeth Schröter hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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