Austausch-Logger Max in Japan: Der große Blonde mit der perfekten Uniform

Max Larson, 16, träumte schon als Kind von Japan. Kaum ist er dort, zeigt er sich ganz korrekt: Seinen Schuldress trägt er so perfekt, dass man ihn zum Uniform-Vorbild erklärt. Joggen in seinem neuen Heimatort fühlt sich an wie eine Zeitreise in die Welt der Samurai.

Max in Japan: Halt mich wach, herrlicher Grüntee Fotos
Max Larson

Ob ich dieses Land in einem Jahr erleuchtet oder komplett verwirrt verlassen werde, kann ich nach ein paar Wochen noch nicht sagen. Aber ich weiß, dass es eine der spannendsten Zeiten meines Lebens wird. Viele fragten "Warum Japan?" und konnten meine Entscheidung nicht verstehen - besonders jetzt, nach der Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomunfall. Aber nun bin ich hier, in dieser so fremden Kultur, und bereue es kein bisschen.

Schon als Kind hat mich das Land der Samurai fasziniert, die Disziplin, das tägliche Streben nach Perfektion. Als ich den Französisch-Unterricht in der siebten Klasse enttäuschend fand, hat meine Mutter mich beim Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin für Sprachstunden angemeldet.

Nicht viel später habe ich beschlossen, ein Austauschjahr in Japan zu verbringen. Auch die Naturkatastrophe und die Kernschmelzen konnten mich nicht lange abschrecken, besonders als mir zugesichert wurde, dass ich in einen Ort südlich von Tokio kommen würde - also hoffentlich außerhalb der Gefahrenzone.

Einziger Ausländer weit und breit

Jetzt lebe ich in Kakogawa, einer kleinen Stadt nicht weit von Kobe. Das Haus meiner Gastfamilie ist auf drei Seiten von Reisfeldern umgeben, in der Nähe steht ein buddhistischer Tempel. Ich bin weit und breit der einzige Ausländer, und wenn ich abends joggen gehe, kommen Kinder aus ihren Häusern, um mir nachzuschauen. Rund um Kakogawa ist vieles noch sehr urtümlich. Auf dem Weg zur Schule sehe ich jeden Morgen Bauern in ihren Reisfeldern, höre das Rauschen der Bewässerungskanäle und fühle mich wie in einem Dorf vor 150 Jahren. Weil vieles aussieht wie Relikte aus der Edo-Zeit, war es wohl kein Zufall, dass hier Teile des Films "The Last Samurai" gedreht wurden.

Anfangs war es schwer, mich hier als blonder Europäer anzupassen. Mittlerweile aber bin ich in dieser fremden Kultur so gut wie zu Hause. In meiner Gastfamilie fühle ich mich absolut wohl, und meine zahlreichen Fehler werden mir schnell vergeben.

Eine Sache war besonders peinlich: Die korrekte Art, wie ich meine Schuluniform trug, ist der Schulleitung sofort aufgefallen. Mein Vertrauenslehrer erzählte mir, dass die Chefs hätten ein Rundschreiben an alle Lehrer geschickt. Sie sollten ihre Schüler auffordern, sich an mir ein Beispiel zu nehmen, wie man die Uniform trägt. Dabei binden viele Schüler hier doch absichtlich ihre Krawatten extrem locker, lassen ihre Hemden aus der Hose hängen oder tragen sehr kurze Röcke. So versuchen sie, wenigstens ein bisschen anders auszusehen als der Rest.

Gesammeltes Repertoire von fünf englischen Wörtern

Japanische Jugendliche sind an viel Arbeit und wenig Schlaf gewöhnt, doch mir fällt das noch schwer. Der Unterricht ist lang, und richtige Hofpausen gibt es nicht. Die Schüler arbeiten hart, denn jeder will an eine gute Universität und seine Familie stolz machen. Um wach zu bleiben, trinkt man den ganzen Tag lang köstlichen, eiskalten grünen Tee aus Dosen. Den kann man an den Automaten kaufen, die an jeder Ecke stehen.

Das Individuum hat hier weniger Bedeutung als bei uns, alle Aufmerksamkeit gilt der Gemeinschaft. Wenn ein Schüler verbotenerweise im Unterricht isst, darf eine Woche lang trotz des schwül-heißen Sommerwetters keiner in der Pause Eis kaufen. Als Gaijin, oder Ausländer, kann ich mir aber einiges erlauben - ich darf zum Beispiel in meiner Schuluniform nach Kobe und muss nicht erst nach Hause fahren, um mich vorher umzuziehen, denn das würde mehr als zwei Stunden dauern.

Aber man erwartet auch viel von mir. Ich werde wie ein Familienmitglied behandelt und muss mich natürlich entsprechend verhalten. Es gibt viele Rituale, die ich erst noch lernen muss. Dazu gehören verschiedene Grußformeln und Ausdrücke. Wenn jemand aus dem Haus geht, sagt er zum Beispiel einen anderen Gruß, als wenn er abends zurückkommt. Außerdem ändert sich die Sprache, je nachdem, wie höflich man zu jemandem sein möchte. Man umarmt oder küsst sich auch nicht zum Abschied, sondern verbeugt sich voreinander.

Sprachlich hat sich in den ersten Wochen schier Unglaubliches getan. Obwohl ich gut vorbereitet war, waren die ersten Tage sehr schwer. Ich musste oft in meinem Wörterbuch nachsehen und schnell lernen, denn meine Gastfamilie verfügt nur über ein Repertoire von fünf englischen Wörtern. Rückblickend war das gut so, weil ich mich immer irgendwie auf Japanisch verständigen musste. Mittlerweile kann ich mich, abgesehen von einigen grammatikalischen Fehlern, ordentlich unterhalten.


Max Larson hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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