Austausch-Log USA: Wow, hier ist alles riesengroß

In ihrer Austauschheimat Texas ist alles XXL, stellt Anna Sophia fest. Deshalb kommt sie sich oft winzig vor, in Restaurant schafft sie nur ein Drittel ihrer Portion. Kühe gibt es auf der Wiese und gegrillt - doch beim Barbecue gibt's für sie nur Soßen.

Austauschjahr in Texas: "Das ist ein Truck, kein Auto!" Fotos
Joe White

Es fühlt sich an, als wäre ich schon ewig in Texas. Meine Gastfamilie hat mich herzlich aufgenommen und ich habe mich gut eingelebt in meinem amerikanischen Zuhause. Die Freundlichkeit der Südstaatler und der breite, markante Akzent sind mir schon sehr vertraut. Aus einem mir unverständlichen Grund sind alle völlig verrückt nach meinem deutschen Akzent. "Awww, I love your accent!", rufen sie, sobald ich den Mund aufmache. Die Texaner verwechseln die Schweiz gern mit Schweden und fragen mich oft nach dem Wetter in Skandinavien.

Während die Texaner bei europäischer Geografie schwächeln, haperte es bei mir anfangs vor allem mit meinem Englisch. In den ersten zwei Wochen habe prophylaktisch immer mit "Yes", "Okay" oder "That sounds great!" geantwortet, auch wenn ich keinen Schimmer hatte, was gemeint war. Dementsprechend überrascht war ich auf den Ausflügen mit meiner Gastfamilie und Freunden, denn oft habe ich erst als wir da waren verstanden, wohin es genau gehen sollte.

In Mathe oder Englisch geht's nur wenig strenger zu

Die breiten Highways, die riesigen T-Bone-Steaks und die gigantischen Shopping-Malls - "Everything is bigger in Texas" war eine meiner ersten Lektionen. Amerikas zweitgrößter Staat ist, was Übergrößen angeht, in beinahe jeder Hinsicht Rekordhalter. Von den Portionen in den Restaurants schaffe ich gerade mal ein Drittel. Die Softdrinkbecher in XXL, Familienpackungen im Supermarkt, die Pick-up-Cars: Alles scheint hier auf den größtmöglichen Texaner zugeschnitten zu sein.

Barbecue ist ein Volkssport. Je größer die Steaks, desto besser. Die meisten Leute hier verstehen nicht, wie man ohne Fleisch leben kann, wo doch alles andere nur Beilage sei. Doch trotz aller Bekehrungsversuche halte ich mich als Vegetarierin nur an die Barbecue-Soßen.

Auch wenn viele Klischees stimmen, es grasen zwar Kuhherden in den unbebauten Lücken zwischen den Vororten von Fort Worth und Dallas. Zu meiner Enttäuschung bin ich jedoch noch keinem Cowboy über den Weg gelaufen. Man sagt mir, sobald man Richtung Westen in die Pampa fährt, könne man auch die Cowboys nicht verfehlen.

Der erste Schultag war genauso aufregend wie anstrengend. Zwischen 3000 anderen Schülern war es eine große Herausforderung, das richtige Klassenzimmer zu finden. Als ich den Raum zur ersten Jazz-Musikstunde betrat, schminkten und frisierten sich die Mädchen vor dem Spiegel und die Jungs saßen mit ihrem Frühstück zwischen den Instrumenten. Ich kam mir erst wie im falschen Film vor, doch ich habe schnell begriffen, dass es sich hier um eine "fun class" handelt, also um lockeren Unterricht, der Spaß machen soll. In Mathe oder Englisch geht's strenger zu... na ja, zumindest ein bisschen.

Smartphones in der Prüfung kein Problem

Pflichtfächer an der Highschool sind Englisch, Mathematik und US-Geschichte. Die restlichen vier Fächer können wir selbst wählen. Die Auswahl geht von Jazz und Tanzen bis zu Business Management. In der zweiten Stunde steht jeden Tag das "morning announcement" an. Dann wenden sich alle Schüler der US-Flagge zu, die in jedem Klassenzimmer hängt. Mit der Hand auf dem Herz sprechen sie den "Pledge of Allegiance", das Treuegelöbnis auf die Nation.

In der Schule tummelt sich eine bunte Menge junger Leute. Der Dresscode ist strikt. Trotzdem versucht sich jeder etwas Individualität herauszunehmen, sei es mit gefärbten Strähnchen oder mit auffälliger Nerd-Brille. Es gibt die verschiedensten Cliquen: Footballer, Cheerleader, Nerds, Goths und Hipster in ihren engen Jeans und alten Turnschuhen. Alle Nationalitäten, Rassen und Religionen sind vertreten. Diese Vielfalt verwundert mich jeden Tag aufs Neue.

Lehrer und Schüler gehen freundschaftlich miteinander um. Der Lehrer versucht mit allen Kräften, die Schüler zu motivieren. Die Anforderungen sind niedrig. Bei den Prüfungen darf man Musik hören und Smartphones auf den Pulten sind auch kein Problem. Im Vergleich zu deutschen und Schweizer Schulen ist alles supereasy und locker.

Football wird hier ganz großgeschrieben und verbindet die ganze Schule. Vor den Heimspielen an jedem zweiten Freitag versammeln sich alle in der Turnhalle zur sogenannten Pep Ralley, um das Football-Team zu feiern. Die Cheerleader, Tanzklassen und die Marching Band versuchen, die Stimmung anzuheizen. Am Ende tanzte sogar mein Mathematiklehrer ausgelassen in der Menge. Alle freuen sich auf die Heimspiele, auch wenn unser Team bis jetzt noch nie gewonnen hat.


Anna Sophia Burch hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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