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Austauschlog Thailand: Schwule Cheerleader beim Morgenappell

Wer seine Haare zu lang trägt, dem schneiden Lehrer in Thailand ein Loch in die Frisur. Über die Sitten an ihrer High School wundert sich Austauschschülerin Josephin Werner, 16, auch noch nach zwei Monaten. Besonders über das schwule Cheerleaderteam und faule Lehrer.

Schule in Deutschland und Schule in Thailand haben wenig gemeinsam, außer dem Beginn um acht Uhr morgens. Der Tag startet mit einem Appell, zuerst wird die Nationalhymne gesungen, um den König zu ehren, dann folgt ein Gebet. Dazu drehen sich alle 2000 Schüler in Richtung der Buddha-Statue, die es an meiner, genau wie an allen anderen Schulen Thailands gibt. Das ganze Prozedere dauert mindestens eine halbe Stunde - bei Temperaturen von 35 bis 40 Grad ziemlich anstrengend.

Während des Unterrichts herrscht dagegen weniger Disziplin, was auch mit der Größe der Klassen zu tun haben mag, im Durchschnitt sind es 40 bis 60 Schüler. Manchmal erscheint gerade mal die Hälfte, obwohl in Thailand Schulpflicht besteht. Und die, die anwesend sind, spielen mit ihrem Handy oder laufen von einem zum anderen Tisch und quatschen.

Eigentlich dauert eine Schulstunde 50 Minuten, aber man weiß nie, wann eine Stunde aufhört oder anfängt. Manche Lehrer unterrichten nur fünf Minuten, andere kommen gar nicht, weil sie beschäftigt sind oder sie sind viel zu spät. Einmal haben wir 40 Minuten auf einen Lehrer gewartet, Vertretungen gibt es nicht.

Doch wer etwas lernen will, der schafft auch was, die meisten Schüler der Abschlussklassen wollen später auf die Uni in Bangkok. Wenn sie darüber sprechen, leuchten ihre Augen. Ein Leben in der Hauptstadt bedeutet für die meisten Freiheit und Selbstständigkeit, außerdem sind dort die besten Hochschulen.

Bügelmarathon für den exakten Faltenwurf

Wie in fast jeder öffentlichen Einrichtung in Thailand müssen wir in der Schule eine furchtbar hässliche Uniform tragen. Ich habe eine Sportmontur, die den ganzen Tag getragen werden muss, wenn Sport auf dem Stundenplan steht. Immerhin ist sie noch einigermaßen bequem. Ganz im Gegensatz zu unserer normalen Uniform mit Bluse und steifem Rock. Besonders das Bügeln bereitet mir jede Woche wieder Kopfzerbrechen, denn ich bekomme den korrekten Faltenwurf einfach nicht hin.

Nicht nur die Klamotten, sogar der Einheitshaarschnitt ist Pflicht, für Mädchen kinnlang, für Jungen kurz. Wenn die Haare nur einen Zentimeter länger sind, dann schneiden die Lehrer ein großes Büschel in der Mitte des Kopfes heraus, später erkennt jeder die "Übeltäter" an ihren Löchern in der Frisur. Am Anfang hatte ich total Angst, als die Lehrer mit der Schere herumgingen, aber als Ausländerin darf ich meine langen Haare zum Glück behalten.

Auch bei meinen Schulfächern machte der Direktor eine Ausnahme, ich konnte sie mir frei zusammenstellen. Ich habe Thaitanz, Schwerttanz, Kochen und Thaiboxen belegt, wobei ich ziemlich auf meine Nase Acht geben muss. Ich lerne auch die Sprache, welche mich täglich von neuem auf eine Nervenprobe stellt. Thai ist eine Tonsprache, die Wörter können ganz unterschiedliche Bedeutungen haben, je nachdem wie sie ausgesprochen werden. So kann "maa" "kommen" heißen, aber auch "Pferd", wenn man das a hoch spricht, oder "Hund" bei einem tiefen a.

Eine Sache finde ich noch besonders außergewöhnlich. In Thailand ist Homosexualität überhaupt kein Tabuthema, sondern wird respektiert und ausgelebt. In jeder Schulklasse gibt es mindestens zwei Schwule oder Transvestiten. Die Loengnoktha School hat sogar eine Cheerleadergruppe, die nur aus Homosexuellen besteht. Das schwule Volleyballteam spielt in kurzen Höschen und mit bunt bemalten Gesichtern. Manchmal präsentieren uns auch die Transvestiten ihre verrückt-bunten Tanzshows. Alle jubeln und klatschen, keiner lacht.

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Thai-Schule: Cheer-Boys und Törtchen

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