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Big Brother in Fernost: Valerie wohnt jetzt im philippinischen TV-Container

Von Jens Wiesner

In Deutschland ist die Aufregung um "Big Brother" und all die Jürgens, Zlatkos, Alidas fast vergessen. Auf den Philippinen mischt Valerie Weigmann aus Wiesbaden beim Containerstadl mit - und die 18-Jährige ist der Schwarm unzähliger junger Philippinos.

"Und jetzt noch einmal: Humpty Dumpty saß auf der Leiter..." Immer wieder spricht Valerie die deutschen Worte vor, langsam und deutlich, bis sie sich ihr Mitbewohner Nan endlich merken kann. Vom "Kuya", das ist philippinisch für "ältester Bruder", der körperlosen Stimme des "Big Brother", hatte der 17-Jährige aus dem philippinischen Davao zuvor die Aufgabe erhalten, den altbekannten Kinderreim in möglichst vielen Sprachen auswendig zu lernen.

"Big Brother": Intrigante Verschwörungen, peinliche Nacktszenen unter der Dusche, das Leben als Schneekugel. So ist die Show zumindest in Deutschland - sie dümpelt in der mittlerweile achten Staffel beim Sender RTL 2 vor sich hin.

Bei "der Pinoy Big Brother Teen Edition Plus" im philippinischen Fernsehen hingegen herrscht eine heile Welt und Zeltlageratmosphäre: Die Containerinsassen müssen T-Shirts für einen guten Zweck batiken - und wenn die zwölf Jugendlichen zu viel Unordnung hinterlassen, ermahnt sie "Kuyas" strenge Stimme, ihren Saustall wieder aufzuräumen.

Sommerferien-Lager vor laufender Kamera

Noch vor kurzem schaute sich Valerie Weigmann, halb Deutsche, halb Philippinin, die Sendung immer im Filipino Channel vom Wiesbadener Sofa aus an. Mittlerweile ist sie zur "Dazzling Doll", zur "schillernden Puppe" des Hauses mutiert - zum heimlichen Schwarm nicht nur ihres Mitbewohners Ejay, sondern einer ganzen Generation pubertierender Philippinos, die eindeutige Nachrichten in ihrem offiziellen Forum hinterlassen.

Man darf sich diese "Big-Brother"-Variante tatsächlich nicht wie ein Abbild der Peinlichkeits-Paraden mit Jürgen, Zlatko und Guido Westerwelle vorstellen. "Big Brother Teen Edition Plus" ist eher so, als würde man in einem deutschen Sommerferien-Lager, sagen wir: auf der Nordseeinsel Juist eine versteckte Kamera aufhängen. Es ist idyllisch und kuschelig - und die philippinischen Container-Kinder leben ziemlich luxuriös: in orientalischem Ambiente mit warmen Pastelltönen und einem riesigen Swimmingpool im Freien.

Sicher, auch in der entschärften philippinischen Teen-Variante richten sich die Kameras und Augen der Fernsehzuschauer 24 Stunden am Tag und sieben Tage pro Woche auf die jungen Bewohner. Aber das lockt heute keinen Bürgerrechtler mehr hinter dem Ofen hervor. In Deutschland nicht, weil kaum noch jemand die Sendung sieht - und auf den eher traditionellen Philippinen ist das Format noch jung.

Für Valerie ist dieser "Big Brother" nicht nur die Hoffnung auf den kurzfristigen Ruhm eines TV-Sternchens. Es ist auch die Chance auf einen kompletten Neubeginn auf den Philippinen.

"Alle halten dich für ein Model"

"Valerie war immer ein Papakind", sagt Natalie Dries, ihre beste Freundin und ebenfalls Halb-Philippina. Vor zwei Jahren starb Valeries Vater, Küchenchef, ein Deutscher. Für Valerie brach eine Welt zusammen. Sie machte ihren Hauptschulabschluss, dann ein paar Praktika, bildete sich auf der Abendschule in Wiesbaden fort. Aber irgendwie blieb sie antriebslos und unter ihren Möglichkeiten. "Ich will nicht hierbleiben", hatte sie Natalie einmal anvertraut.

Deutschland erinnerte sie zu sehr an den verlorenen Vater. Und außerdem fühlt sie sich im Herzen als echte Philippina. Warum also nicht "Big Brother"? "Valerie hatte nichts zu verlieren", sagt ihre Freundin Natalie.

Nach der Show will Valerie als Schauspielerin oder Model auf den Philippinen arbeiten. Das klingt ein wenig utopisch, muss es aber nicht sein: "Die Zuschauer lieben 'Mestizas', wegen ihres hellen Hauttyps und der ungewöhnlichen Körpergröße", sagt Bing Castro von "Pinoy Big Brother". Was sie meint: Wer aussieht wie Valerie, also verschiedene ethnische Wurzeln hat, der fällt auf und hat es leichter auf dem Model-Markt.

Auch Natalie reist mindestens einmal im Jahr auf die Philippinen - und sie kann das nur bestätigen: "Du wirst regelrecht angegafft, alle halten dich automatisch für ein Model oder einen TV-Star." In Deutschland hingegen sind Valerie und Natalie nur zwei unter vielen. Das einzige, was ihnen die philippinische Herkunft hier eingebracht hat, ist der eine oder andere diskriminierende Spruch.

Natalie hat sich mittlerweile ein TV-Abo des Filipino Channel besorgt, um jeden Abend mit ihrer Freundin Valerie mitfiebern zu können. "Es tut schon weh, wenn sie manchmal traurig ist, und ich ihr nicht helfen kann", sagt Natalie, die vielleicht einzige deutsche Dauer-Zuschauerin des philippinischen Containerstadls.

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Valerie bei Big Brother: Von Wiesbaden ins Philippinen-TV


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