Britischer Geschichtsunterricht: Und Fussy Hitler hieß er ja wohl nicht

Wem ähneln Hitler und Göring am ehesten, dem pingeligen Mister Fussy aus der Bilderbuchreihe "Mister Men"? Oder doch dem verwirrten Mister Topsy-Turvy? Solche Aufgaben sollen britische Teenager in der Mittelstufe lösen - was der Bildungsminister gar nicht witzig findet.

Hitler als Mister Fussy: Bildungsminister geißelt Niveauverlust an britischen Schulen Fotos

Wir erwarten zu wenig von unseren Schülern! Mit diesem Satz lässt sich eine Rede des britischen Bildungsministers Michael Gove zusammenfassen, in der er die Zustände an den Schulen im Königreich hart kritisiert und eine Diskussion um das Lehr- und Lernniveau im Land ausgelöst hat. Viele Lehrer würden ihre Schüler, die kurz vor dem Studium stünden, behandeln wie Kleinkinder, so wird der konservative Politiker im "Guardian" zitiert.

Ein besonders deutliches Beispiel aus dem Geschichtsunterricht führt Gove an: 15- und 16-jährige Schüler sollen anhand von Charakteren aus der Erklär-Bilderbuchserie "Mister Men", die in Deutschland in den achtziger Jahren unter dem Titel "Unsere kleinen Damen und Herren" bekannt wurde, die Geschichte des "Dritten Reiches" erklären. Die Bilderbuchserie funktioniert darüber, dass den Figuren ihre Haupteigenschaften und Charakterzüge als Namen zugeordnet werden - wie "Mister Tickle" oder "Mister Happy".

Die Aufgabenstellung für die Jugendlichen lautet in etwa so: Sie sollen sich Gedanken machen über Hitler, Hindenburg sowie Göring und anschließend bestimmen, welche Charaktere der "Mister Men"-Serie wohl dazu passen. Er könne sich nicht vorstellen, so Gove dem "Guardian" zufolge, dass sich die "dunkelsten Jahre deutscher Geschichte auf ein Zerwürfnis zwischen Mister Tickle und Mister Topsy-Turvy" reduzieren lassen. Er wettert gegen eine "Infantilisierung". Statt die Werke herausragender Historiker in den Unterricht einzubinden, würden Comichefte als Lehrbücher missbraucht.

"Akademischer Snobismus"

Allerdings verkürzt Gove die Aufgabenstellung. Es geht eben nicht darum, dass 16-jährige Jugendliche nur noch mit Mister Fuzzy klarkommen, sondern die Mittelstufenschüler sollen den historischen Stoff mit Hilfe der Bilderbuchfiguren so aufbereiten, dass auch jüngere Kinder ihn verstehen würden.

Russell Tarr, verantwortlich für die "Active History"-Website, auf der Lehrangebote für Geschichte zu finden sind, weist die Kritik denn auch zurück. Goves Vorwürfe seien "akademischer Snobismus", wie er dem "Guardian" sagte. Die "Mister Men"-Methode sei lediglich der Abschluss eines sechswöchigen Exkurses, zu dem beispielsweise auch ein detaillierter Essay von über 1000 Wörtern zähle.

Von Infantilisierung könne keine Rede sein, aber Bildung könne man mit vielen verschiedenen Techniken vermitteln. "Ich versuche keineswegs, Schülern die abgespeckte Version von Geschichte zu vermitteln - ich versuche lediglich, sie für ein Thema zu interessieren", so Tarr. Der Sinn der Aufgabe liege darin, das Gelernte auf verschiedenen Wegen wiedergeben zu können.

Gove kündigte dagegen eine gründliche Überprüfung der bisherigen Lehrpläne an. Ziel sei es, Kindern richtige Bildung zu vermitteln. Statt "Twilight" sollten sie "Middlemarch" lesen, statt "Angry Bird" zu spielen, sollten sie programmieren und sportliche Leistungen anstreben. "Schneller, höher und stärker", so lautet Goves Devise. "Ich glaube, wir müssen mehr - viel mehr- von unserem Bildungssystem verlangen."

Ins Visier nimmt Gove auch die aus seiner Sicht mangelnden Englischkenntnisse vieler Schüler. Wie komme es, dass nach sieben Schuljahren eines von sieben Kindern in Großbritannien noch nicht richtig lesen und schreiben könne? Das fragt sich der Minister in seiner Rede am Brighton College, gehalten vor vielen Eltern.

Kritiker halten Goves Ideen jedoch nicht für umsetzungsfähig. Die Präsidenten der "Royal Historical Society", der "Historical Association", der Bildungsgruppe "History UK" und Mitglieder der "British Academy" werfen Gove vor, er würde mit seinen strengeren Methoden verhindern, dass Kinder Zugang zu breiter Bildung bekommen.

juj

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
wortmannin 10.05.2013
hat Historiker Simon Schama den Geschichtsunterricht an britischen Schulen zusammengefaßt. Wie ein Land, das große Historiker hervorgebracht hat, seine Schüler so auf den Arm nehmen kann, ist mir unverständlich. Die glauben nachher noch, sie hätten Bildung erworben. Das Resultat kann man in den Leser-Kommentaren des Telegraph online besichtigen.
2. naja
nilaterne 10.05.2013
Immer noch wird das Bild des bösen Deutschen in England aufrecht erhalten. In Filmen, wo Soldaten voekommen wird oftmals mit einem deutschen besetzt. In den USA ist der Gegenspieler des James Bondes, auch mit einem deutschen Schauspieler besetzt. Wenn man das weiß, ist es doch klar das so etwas auch in Schulen aufgegriffen wird. Oftmals ist dies aber inzwischen dem beruhmten englischen Humor geschuldet. lol
3. Was für eine Volksverblödung!
herrkoehler 10.05.2013
Das was man dort wohl noch lernt ist, dass Deutschland unter Hitler etc. doof und sonst ganz ok ist. Es ist ehrlich gesagt nicht zu glauben, so schlecht kann das britische Schulsystem doch nicht sein! Falls es stimmt, kann und muss das ja nur ein abschreckendes Beispiel für uns Selber sein! Mehr Geld für besser Bildung!
4. ...
Newspeak 10.05.2013
Die Infantilität des britischen Schulsystems kann ich aus eigener Anschauung bestätigen. Wir waren Anfang der 90er auf einem Schüleraustausch, 9. Klasse Gymnasium bzw. entsprechende Schulform. Während wir im Englischunterricht relativ anspruchsvoll bespaßt wurden, haben die Engländer zur selben Zeit noch Lückentexte ausgefüllt, besonders sinnvoll bei Liedtexten mit Zeilenwiederholungen, wo in einer Zeile das Wort stand, wo in der nächsten Zeile die Lücke war. Ich habe das damals auf die ungeheure Kompliziertheit der deutschen Sprache zurückgeführt, aber das scheint mir nach diesem Beitrag jugendliche Naivität gewesen zu sein. Dementsprechend konnte natürlich kaum ein Engländer Deutsch, mit meinem Austauschpartner habe ich mich drüben wie hier grundsätzlich auf Englisch unterhalten müssen und dort gab es einen einzigen Engländer, zwei Jahre älter, der wohl aus Interesse oder anderen günstigen Umständen Deutsch gelernt hat, der konnte das dann auch und wollte es auch sprechen.
5. Vorurteile pflegen
MarioDeMonti 10.05.2013
Zitat von nilaterneImmer noch wird das Bild des bösen Deutschen in England aufrecht erhalten. In Filmen, wo Soldaten voekommen wird oftmals mit einem deutschen besetzt. In den USA ist der Gegenspieler des James Bondes, auch mit einem deutschen Schauspieler besetzt. Wenn man das weiß, ist es doch klar das so etwas auch in Schulen aufgegriffen wird. Oftmals ist dies aber inzwischen dem beruhmten englischen Humor geschuldet. lol
Ihnen ist aber schon bewusst, dass die 23 Bond-Filme britische Produktionen sind? Und was die Bondbösewichte (http://en.wikipedia.org/wiki/James_Bond_villains#Film_villains_by_production) angeht, da fallen mir aus Deutschland eigentlich nur Lotte Lenya, Gert Fröbe, und Curt Jürgens ein, und die spielen im Film eine Russin, einen Engländer und einen Skandinavier. Bei den Handlangern (http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_James_Bond_henchmen) gibt es noch Walter Gotell, Gottfried John, Götz Otto, Claude-Oliver Rudolph und Richard Sammel, aber die Bösen bei Bond werden vor allem Engländer, Schotten, Amerikaner, Kanadier, Franzosen, Spanier, Italiener, Dänen, usw. dargestellt. Aber Hauptsache mal was gesagt und seine Vorurteile gepflegt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Querweltein
RSS
alles zum Thema Universitäten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 16 Kommentare
Fotostrecke
Russische Schulhefte: Stalin macht Schule


Social Networks