Arbeitslosigkeit und Bleibezwang: Wie Ungarns Rechte die Elite verjagt

Aus Budapest berichtet Kata Kottra

3. Teil: Anna Buzál, 20 - "Sie wollen mir die Freiheit nehmen"

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Kata Kottra

Ich gehe in Budapest auf das deutsche Thomas-Mann-Gymnasium. In meinem Jahrgang sind 20 ungarische Schüler und 14 internationale, deren Eltern Diplomaten sind oder bei großen deutschen Firmen in Ungarn arbeiten. Vielleicht liegt es auch daran, dass von den ungarischen Abiturienten nur drei bleiben wollen.

Ich möchte in München Jura studieren, außerdem bewerbe ich mich in Heidelberg, Freiburg und Passau. Die Bildungsreform hat uns allen den Boden unter den Füßen weggezogen. Viele überlegen, ob sie nicht lieber ins Ausland gehen sollten - und wenn man sich erst mal entschieden hat, dann geht es nur noch um die praktischen Probleme, welche Dokumente man einreichen muss oder wie man einen Platz im Wohnheim findet.

"Wir haben die Sekunden zum EU-Beitritt rückwärts gezählt"

Wenn ich in Ungarn Jura studieren würde, müsste ich zehn Jahre hier arbeiten. Die Regierung sagt zwar, sie bemühe sich, Jobs zu schaffen, sie übernimmt aber keine Garantie. Mir wollen sie aber die Freiheit nehmen, anderswo hinzugehen. Dieses Risiko würde ich nur ungern eingehen.

Mein Vater ist Ungarndeutscher, ein Teil der Familie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ungarn vertrieben und lebt heute in der Nähe von Mannheim, darum kenne ich Deutschland ein bisschen. Ich kann mir momentan nicht vorstellen, nach dem Studium nach Ungarn zurückzukehren. Auch meine Eltern wollen nicht, dass ich zurückkomme, weil sie für junge Leute hier keine Chancen sehen. Das ist traurig.

Ich habe das Gefühl, die Regierung vergisst, dass wir ein Teil Europas sind. Ich kann mich noch erinnern, was für ein Fest es war, als Ungarn 2004 der EU beigetreten ist. Wir haben die Sekunden rückwärts gezählt, wie an Silvester, dann wurde die blaue EU-Flagge entrollt. Verglichen damit ist die heutige Politik in Ungarn eine riesige Enttäuschung.

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insgesamt 110 Beiträge
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1. top!
exil-berliner 22.05.2012
Zitat von sysopKata KottraUngarn bietet ihnen keine Jobs, sie müssen aber im Land bleiben: Mit einer umstrittenen Bildungsreform verpflichtet die Orbán-Regierung Studenten, nach ihrem Abschluss in Ungarn zu bleiben. Fünf Abiturienten erklären, warum sie nach ihrem Abschluss ins Ausland gehen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,834190,00.html
Yo napot / Guten Tag! Stimme ihrem Bericht 105% zu in Ungarn ist die berufliche sowie finanzielle Situation beschämend. Komme aus Berlin und habe bereits in Budapest gearbeitet, jetzt in Wien. Wohne grenznah in Sopron und fahre jeden Tag 150km. Lohnt sich aber, gute Arbeit/Geld in Österreich verdienen und Eigentumswohnung günstig in HU.
2. Im Artikel wird vieles durcheinandergeworfen!
Vier 22.05.2012
Erstens sind es ja relativ wenige, die von der "Bindung an die Scholle" betroffen sind (100 in Jura, etc.). Also nicht gerade die Mehrheit. Zweitens wird die Abwanderung wg. Studiengebühren gleich noch mit in den Topf geworfen, sind aber doch seit dem 01.04.08 abgeschafft für ungarische Staatsbürger. Ich könnte noch mehr aufzählen, aber dieser Artikel ist mMn. ungenügend.
3. optional
markus.kotte 22.05.2012
Sehr interessanter und informativer Artikel! Aber sollte man in der Überschrift nicht vielleicht zwischen Schul- und Hochschulabschlüssen differenzieren? Die Orbán-Regierung möchte ja die Studenten nach ihrem Hochschulabschluss ans Land binden, während die vorgestellten Schüler bereits nach ihrem Schulabschluss das Land verlassen wollen, um im Ausland zu studieren.
4. Einfach legitim
H.Lorenz 22.05.2012
Zitat von sysopKata KottraUngarn bietet ihnen keine Jobs, sie müssen aber im Land bleiben: Mit einer umstrittenen Bildungsreform verpflichtet die Orbán-Regierung Studenten, nach ihrem Abschluss in Ungarn zu bleiben. Fünf Abiturienten erklären, warum sie nach ihrem Abschluss ins Ausland gehen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,834190,00.html
Was soll daran umstritten sein? Eher völlig normal und von vielen anderen Ländern so oder so ähnlich praktiziert. Außerdem sollte man bedenken, wer Bildung, Ausbildung und/oder Studium ermöglicht und finanziert. Dass ein Staat dann auch eine Art Gegenleistung erwartet, ist doch legitim. Ein Unternehmen bildet auch nicht für lau Fachkräfte aus und gibt ihnen dann noch Unterstützung mit dem erworbenen Wissen und Fachhandwerk zum Mitbewerber zu wechseln. Wo ist der Wille, die Einsicht, das Verständnis, das Verantwortungsbewußtsein seinem Land, seiner Kultur, den Menschen zu dienen und die Zukunft seiner Heimat, der man seine Existenz zu verdanken hat, zu sichern?!
5. Verständlich
Edelweiß 22.05.2012
Zitat von markus.kotteSehr interessanter und informativer Artikel! Aber sollte man in der Überschrift nicht vielleicht zwischen Schul- und Hochschulabschlüssen differenzieren? Die Orbán-Regierung möchte ja die Studenten nach ihrem Hochschulabschluss ans Land binden, während die vorgestellten Schüler bereits nach ihrem Schulabschluss das Land verlassen wollen, um im Ausland zu studieren.
Aber das ist doch logisch! Die Abiturienten können der "Bindung an die Scholle" entkommen, indem sie von vornherein im Ausland studieren. Wer schon mitten im Studium (in Ungarn) ist, sitzt in der Falle, und wer jetzt sein Studium dort beginnt, begibt sich freiwillig rein. Wer weggeht hält sich dagegen alle Optionen offen, auch die, eventuell wiederzukommen, wenn es Jobs gibt. Verständlich.
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Zur Autorin
  • Kata Kottra, Jahrgang 1982, arbeitet als freie Journalistin in Stuttgart und Budapest. Sie berichtet über politische und gesellschaftliche Themen aus Mittel- und Osteuropa, unter anderem für "Zeit" online, die "Stuttgarter Zeitung" und "Das Parlament". Sie ist Mitglied beim Journalistennetzwerk n-ost.
  • n-ost Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung
Jugendarbeitslosigkeit in der EU
Die Meldung der Internationalen Arbeitsorganisation im Sommer 2012 ist dramatisch: Millionen junger Menschen suchen verzweifelt feste Jobs, vor allem in Südeuorpa liegt die Arbeitslosigkeit der 18- bis 24-Jährigen zwischen 30 und 46 Prozent, Europa drohe eine "verlorenene Generation". Hier finden Sie die aktuellen Zahlen für Euro-Länder und Nicht-Euro-Länder:
Die Euroländer
bis 25 Jahre 25 bis 74 Jahre
EU-27 21,4 8,3
Euroländer 20,8 9,0
Spanien 46,4 19,4
Griechenland 44,4 15,8
Slowakei 33,2 11,7
Portugal 30,1 11,4
Irland 29,4 12,8
Italien 29,1 6,9
Frankreich 22,9 8,2
Zypern 22,4 6,4
Estland 22,3 11,3
Finnland 20,1 6,1
Belgien 18,7 6,0
Slowenien 15,7 7,5
Luxemburg 15,6 4,1
Malta 13,7 5,0
Deutschland 8,6 5,6
Österreich 8,3 3,5
Niederlande 7,6 3,8
Stand 2011
Quelle: Eurostat
Die Nicht-Euroländer
bis 25 Jahre 25 bis 74 Jahre
EU-27 21,4 8,3
Euroländer 20,8 9,0
Litauen 32,9 13,8
Lettland 29,1 13,8
Bulgarien 26,6 10,0
Ungarn 26,1 9,8
Polen 25,8 8,0
Rumänien 23,7 5,8
Schweden 22,9 5,2
Großbritannien 21,1 5,8
Tschechien 18,0 5,9
Dänenmark 14,2 6,3
Stand 2011
Quelle: Eurostat

Fotostrecke
System Orbán: In Ungarn kommen Menschenrechte und Pressefreiheit unter die Räder

Fläche: 93.027 km²

Bevölkerung: 9,982 Mio.

Hauptstadt: Budapest

Staatsoberhaupt:
János Áder

Regierungschef: Viktor Orbán

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