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22. Mai 2012, 14:24 Uhr

Arbeitslosigkeit und Bleibezwang

Wie Ungarns Rechte die Elite verjagt

Aus Budapest berichtet Kata Kottra

Ungarn bietet ihnen keine Jobs, sie müssen aber im Land bleiben: Mit einer umstrittenen Bildungsreform verpflichtet die Orbán-Regierung Studenten, nach ihrem Abschluss in Ungarn zu bleiben. Fünf Abiturienten erklären, warum sie nach ihrem Abschluss ins Ausland gehen.

Deutsche Studenten mögen Budapest. Hunderte Abiturienten schreiben sich dort jährlich für Medizin ein, wenn ihr Notendurchschnitt für ein Studium in Deutschland nicht reicht. Andere studieren Jura oder Wirtschaft an der Central European University.

Ungarische Abiturienten hingegen gehen zunehmend fort aus ihrer Heimat. Schuld daran - so sehen es viele - ist die Bildungsreform der nationalistischen Regierung von Viktor Orbán von Anfang des Jahres. Sie hat die ungarische Hochschullandschaft auf den Kopf gestellt.

Zu ihren umstrittensten Elementen gehört das, was Kritiker, darunter der ungarische Verband der Studentenvertreter, "Bindung an die Scholle" nennen: Studenten, die ein staatlich finanziertes Studium beginnen, müssen zukünftig nach ihrem Abschluss in Ungarn arbeiten - und zwar mindestens doppelt so lange, wie sie in Ungarn studiert haben. Die Regelung gilt ab Herbst.

Eine "verlorene Generation", gefesselt an die heimische Scholle

Zehn, zwölf Jahre wären Juristen, Ärzte und andere gut ausgebildete Fachkräfte damit an ihr Heimatland gebunden. Wer dennoch ins Ausland geht, muss die Kosten seines Studiums zurückzahlen: Der Start in ein Arbeitsleben in einem anderen Land begänne mit Tausenden Euro Schulden.

Auf viele junge Ungarn wirkt der Plan, sie am Verlassen ihres Landes hindern zu wollen, angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von gut 26 Prozent wie blanker Hohn. Ungarns Jugend zwischen 18 und 24 Jahren geht es bei der Arbeitssuche derzeit ähnlich schlecht wie ihren südeuropäischen Leidensgenossen. Wie die Internationale Arbeitsorganisation der Uno (ILO) meldet, suchen derzeit Millionen junger Menschen mit wachsender Verzweiflung einen festen Job.

Ein Abschmelzen der durch die Finanzkrise dramatisch gestiegenen Jugendarbeitslosigkeit sei in Europa kaum in Sicht, meldet die ILO. Es drohe eine "verlorene Generation" - und genau diese Generation will Premier Orbán nun an sein Land ketten, das der Jugend zu wenig Chancen bietet.

Erschwerend kommt hinzu: Die Regierung hat die Zahl der staatlich finanzierten Studienplätze in vielen Fächern zusammengestrichen. In Jura können landesweit nur noch 100 Studenten ohne Zusatzkosten studieren, in BWL nur noch 250. Alle anderen müssen Gebühren von 380 Euro bis zu 3500 Euro pro Semester für ein Medizinstudium bezahlen. Viele Abiturienten wollen sich das nicht bieten lassen. In manchen Budapester Abschlussklassen hat bereits ein Drittel der Schüler Zusagen von ausländischen Universitäten. Ihr Logik: Wenn wir nach dem Studium nicht gehen dürfen, gehen wir eben sofort.

Servus, Heimat! Hallo, Deutschland, Österreich oder England

Ein besonders beliebtes Ziel ist historisch bedingt die österreichische Hauptstadt Wien. Sie liegt nahe der Grenze, außerdem erhebt die Uni zumindest bis zu diesem Sommersemester keine Studiengebühren. Wer in der Schule nicht Deutsch, sondern Englisch gelernt hat, den zieht es eher nach Schottland, England, Dänemark oder Holland.

Niemand weiß genau, wie viele ungarische Schulabgänger im Herbst das Land verlassen werden, aber es dürften viele sein: Landesweit haben sich dieses Jahr rund 30.000 junge Menschen weniger angemeldet als vergangenes Jahr. Viele meldeten sich sowohl in Ungarn an als auch an Unis im Ausland oder beginnen erst einmal eine Ausbildung.

Offen ist derzeit noch, ob die "Bindung an die Scholle" mit dem Recht auf Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union vereinbar ist. Damit beschäftigt sich derzeit das ungarische Verfassungsgericht. Die Idee, die nun zum Ausbluten der ungarischen Elite führen könnte, war von Bildungsminister Rózsa Hoffmann eigentlich als Abwehrmaßnahme gegen den Brain Drain gedacht: Junge Menschen sollten nicht länger auf Staatskosten studieren und dann das Land verlassen. Doch jetzt sieht es so aus, als würden gerade die ambitioniertesten Abiturienten und jene, die es sich leisten können, mit ihrem Wissen, ihrem Potential und ihrer Kaufkraft Ungarn den Rücken kehren.

Tschüs, Ungarn: Hier erzählen fünf ungarische Abiturienten, die ihre Ausreise bereits organisiert haben, warum sie Ungarn bald verlassen werden.

András Dombi, 19 - "Wir haben in Glasgow schon eine WG reserviert"

Ich war noch ein Kind, als Ungarn in die EU eingetreten ist. Ich bin damit aufgewachsen, dass man sich frei bewegen kann. Dann kam die Bildungsreform, und ich habe beschlossen, mich nur bei ausländischen Universitäten zu bewerben. Es passt weder zu meinen Plänen noch zu meinen Grundsätzen, dass man mir vorschreiben will, hier zu bleiben oder ein Haufen Geld zurückzuzahlen.

Allein aus meiner Klasse haben sich noch sieben andere ins Ausland beworben, ich bin aber der Einzige, der es an keiner ungarischen Uni versucht. Ich hatte schon seit Jahren mit dem Gedanken gespielt, das Land zu verlassen. Weil die Bildungsreform so kurzfristig verkündet wurde, hatten andere gar keine Zeit mehr, sich darauf einzustellen.

Ich habe inzwischen eine Zusage aus Schottland bekommen, für das Fach Business & Management in Glasgow. Die Uni dort gehört zu den 100 besten weltweit, das war mir wichtig, hier werde ich Studenten aus der ganzen Welt treffen. Inzwischen weiß ich, dass aus meiner Klasse noch drei andere Freunde eine Zusage aus Glasgow haben. Wir haben im Wohnheim schon eine WG für uns reserviert.

Natürlich ist manches in Schottland teurer. Mein Zimmer im Wohnheim wird umgerechnet 100.000 Forint (380 Euro) kosten, wesentlich mehr als in Budapest. Aber meine Eltern werden mich unterstützen, und ich will mir einen Nebenjob suchen.

Wo ich später arbeiten will, weiß ich noch nicht, nur dass ich gern viel reisen will. Aber ich hoffe, dass es bis dahin auch in Ungarn wieder gute Jobs gibt und ich zurückkehren kann.

Anna Buzál, 20 - "Sie wollen mir die Freiheit nehmen"

Ich gehe in Budapest auf das deutsche Thomas-Mann-Gymnasium. In meinem Jahrgang sind 20 ungarische Schüler und 14 internationale, deren Eltern Diplomaten sind oder bei großen deutschen Firmen in Ungarn arbeiten. Vielleicht liegt es auch daran, dass von den ungarischen Abiturienten nur drei bleiben wollen.

Ich möchte in München Jura studieren, außerdem bewerbe ich mich in Heidelberg, Freiburg und Passau. Die Bildungsreform hat uns allen den Boden unter den Füßen weggezogen. Viele überlegen, ob sie nicht lieber ins Ausland gehen sollten - und wenn man sich erst mal entschieden hat, dann geht es nur noch um die praktischen Probleme, welche Dokumente man einreichen muss oder wie man einen Platz im Wohnheim findet.

"Wir haben die Sekunden zum EU-Beitritt rückwärts gezählt"

Wenn ich in Ungarn Jura studieren würde, müsste ich zehn Jahre hier arbeiten. Die Regierung sagt zwar, sie bemühe sich, Jobs zu schaffen, sie übernimmt aber keine Garantie. Mir wollen sie aber die Freiheit nehmen, anderswo hinzugehen. Dieses Risiko würde ich nur ungern eingehen.

Mein Vater ist Ungarndeutscher, ein Teil der Familie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ungarn vertrieben und lebt heute in der Nähe von Mannheim, darum kenne ich Deutschland ein bisschen. Ich kann mir momentan nicht vorstellen, nach dem Studium nach Ungarn zurückzukehren. Auch meine Eltern wollen nicht, dass ich zurückkomme, weil sie für junge Leute hier keine Chancen sehen. Das ist traurig.

Ich habe das Gefühl, die Regierung vergisst, dass wir ein Teil Europas sind. Ich kann mich noch erinnern, was für ein Fest es war, als Ungarn 2004 der EU beigetreten ist. Wir haben die Sekunden rückwärts gezählt, wie an Silvester, dann wurde die blaue EU-Flagge entrollt. Verglichen damit ist die heutige Politik in Ungarn eine riesige Enttäuschung.

Gábor Egri*, 20 -"Die Bildungsreform hat hier Chaos ausgelöst"

Ich mache mein Abitur gerade an einer Schule der deutschen Minderheit in Budapest, habe aber keine deutschen Vorfahren. Weil an meiner Schule mehrere Fächer komplett auf Deutsch unterrichtet werden, traue ich mir ein Studium in Wien zu. Die Bildungsreform hat hier Anfang des Jahres ziemliches Chaos ausgelöst. Meine Freundin ist bald fertig mit ihrem Studium, und es gab das Gerücht, dass man auch ihren Jahrgang verpflichten würde, hier zu bleiben. Das stimmte allerdings nicht. Jetzt sucht sie in Wien einen Job, dann könnten wir in der gleichen Stadt wohnen.

Wenn man den ungarischen Studenten vorwirft, sie würden sich das Diplom von den Steuerzahlern finanzieren lassen und dann ins Ausland gehen, finde ich das nicht gerecht. Schließlich würden sie ihre Familie und ihre Freunde nicht verlassen, wenn sie hierzulande Chancen für sich sehen würden. Die Regierung sollte lieber dafür sorgen, dass sich die Lebensbedingungen verbessern, dann würden die Leute von allein bleiben. Ich finde es auch unfair, dass die Regierungsmitglieder selbst noch alle von einem kostenlosen Studium profitiert haben, uns diese Möglichkeit aber nehmen wollen.

Ich will in Wien medizinische Informatik studieren. Es gibt noch nicht so viele Absolventen, und in einer alternden Gesellschaft rechne ich mir gute Chancen aus. Außerdem gilt ein Diplom aus einem westlichen Land eben doch noch mehr als der Abschluss an einer Budapester Hochschule.

* Name von der Redaktion geändert

Kata Anna Ertl, 19 - "Meine Eltern haben für mich gespart"

Aus meiner Abiturklasse gehen vier Leute nach Dänemark, drei nach Schottland und eine nach Wien - das bin ich. Viele wollen den Vertrag nicht unterschreiben, der einen ab Herbst verpflichtet, nach dem Studium in Ungarn zu bleiben. Sie würden gern im Ausland arbeiten.

Die Bildungsreform hat meinen Entschluss erleichtert fortzugehen. Ab Herbst werde ich in Wien Transkulturelle Kommunikation studieren, das ist ein dreisprachiger Studiengang auf Deutsch, Englisch und Ungarisch. Viele von denen, die ins Ausland gehen, denken so ähnlich wie ich: Sie interessieren sich für die Beziehungen zwischen den Kulturen und wollen die Welt sehen. Sie hätten es als Beschränkung empfunden, nach ihrem Abschluss bleiben zu müssen.

Ich habe in Székesfehérvár - das liegt auf dem halben Weg zwischen Budapest und dem Plattensee - ein Gymnasium mit Fremdsprachen-Schwerpunkt besucht. Wer bei uns Abitur macht, spricht in der Regel gut Deutsch oder Englisch, deshalb fällt es uns auch leichter, uns im Ausland zu bewerben. Von den Fachoberschulen, einer berufsbezogenen Schule, die aber auch die Hochschulreife verleiht, in meiner Stadt kenne ich kaum jemanden, der das Land verlassen wird. Ich selbst war immer wieder im Ausland, in Deutschland habe ich mal einen Monat bei einer Familie in Schwäbisch Gmünd gewohnt.

Das Leben in Wien ist natürlich teurer als in Ungarn, mit 600 bis 700 Euro rechne ich. Aber meine Eltern haben seit Jahren Geld für mein Studium zurückgelegt, und ich habe auch von meinen Schülerjobs etwas gespart.

Wo ich nach meinem Abschluss arbeiten werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht komme ich als Dolmetscherin irgendwo unter. Ich würde gerne in der Welt herumreisen. Ich will aber auch meinen Wurzeln treu bleiben.

Nikolett Hevesi, 18 - "Ich mochte die deutsche Sprache schon immer"

Ich hatte mir schon vor Jahren überlegt, Betriebswirtschaft mit einem internationalen Schwerpunkt zu studieren. Einen Monat vor der Anmeldefrist kam die Bildungsreform. Ich rechne mir keine guten Chancen aus, einen der begehrten gebührenfreien Studienplätze zu bekommen.

Ich mochte die deutsche Sprache immer schon sehr. Die Schule in meiner Heimatstadt Gyula - das liegt nahe der Grenze zu Rumänien - hat ein Austauschprogramm mit Ditzingen bei Stuttgart, damals war ich auch auf diesem Volksfest, der "Wasn". Allerdings weiß ich, dass Österreichisch etwas anders ist als das Standarddeutsch aus der Schule - aber ich komme da schon rein, hoffe ich.

Beim Tag der offenen Tür habe ich mir die Wiener Uni angeschaut. Die Ungarn, die schon dort studieren, waren sehr hilfreich. Eine hat erzählt, dass sie zehn Euro in der Stunde dafür bekommt, dass sie auf zwei Welpen aufpasst. In Ungarn gibt es für viele Studentenjobs umgerechnet nur 1,70 Euro in der Stunde. Früher sind vor allem Abiturienten aus Westungarn nach Österreich zum Studieren gegangen. Inzwischen machen das auch viele aus Ostungarn. Aus meiner Klasse sind es drei Leute, die ins Ausland gehen, drei bis vier überlegen noch.

Bei der Reform hieß es, die kostenlosen Plätze für Juristen und Wirtschaftswissenschaftler würden reduziert, weil diese Leute ohne Probleme gutbezahlte Jobs finden und die Studiengebühren zurückzahlen könnten. Aber mehr als umgerechnet 700 Euro netto verdienen BWLer als Berufsanfänger nicht, ich würde davon ungern noch Schulden abzahlen müssen.

Nach Gyula werde ich nach dem Studium wahrscheinlich nicht zurückkehren, vielleicht gehe ich in eine größere Stadt in Ungarn, nach Österreich, Deutschland oder in die Schweiz. In Ungarn ist es leider so, dass man häufig die richtigen Leute kennen muss, um einen guten Job zu bekommen. Ich komme vom Land, deshalb kenne ich in Budapest nicht so viele Leute. Im Ausland ist das anders, hoffe ich.

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