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23. Juni 2012, 09:21 Uhr

Tagebuch übers Schulessen

Martha stellt das Bloggen ein

Ihr Blog machte sie weltberühmt: Seit Mai hatte Food-Bloggerin Martha, 9, das karge Kantinenessen an ihrer Schule in teils ekligen Bildern dokumentiert. Jetzt hört die schottische Food-Kritikerin plötzlich mit ihren Berichten auf. Das Ende komme ohne Druck und "sehr natürlich", sagt ihr Papa.

Die neunjährige Martha Payne hat offenbar genug davon, über das Essen an ihrer Schule zu bloggen. Die schottische Schülerin habe ihrer Familie verkündet, dass sie bald nichts mehr in ihr Internettagebuch "NeverSeconds" schreiben wolle, berichtete die britische Tageszeitung "The Telegraph" auf ihrer Webseite. Martha wolle lieber mehr Zeit mit anderen Aktivitäten verbringen.

"Es ist ein sehr natürliches Ende", zitierte das Blatt den Vater des Mädchens. "Ich bin mir sicher, sie wird etwas anderes finden." Niemand habe Druck auf seine Tochter ausgeübt und die Entscheidung habe auch nichts mit der überwältigenden Medienberichterstattung der vergangenen Wochen zu tun.

Seit Anfang Mai hatte Martha an fast jedem Schultag ihre Kantinenmahlzeiten fotografiert und in ihrem Blog kritisch bewertet. Sie hatte gezählt, wie viele Bissen das Mittagessen dauerte und vergab Punkte auf einer Skala von eins bis zehn dafür, wie gut es ihr schmeckte und wie gesund sie das Gericht fand. Die Bewertung fiel manchmal ernüchternd aus - die Resonanz übertraf alle Erwartungen: Um den Blog bildete sich eine riesige Fangemeinde, mehr als sechseinhalb Millionen Menschen haben ihn bereits angeklickt. Selbst Starkoch Jamie Oliver schickte Martha ein signiertes Kochbuch und forderte sie auf, mit ihrer Arbeit weiterzumachen.

Zu großer Popularität verhalf Martha auch die Entscheidung der schottischen Grafschaft Argyll, ihr das Fotografieren in der Kantine zu verbieten. Die Gemeindeverwaltung ist für das Schulessen verantwortlich und teilte Mitte Juni mit, der Cateringdienst sei ungerechtfertigt attackiert worden - Mitarbeiter der Firma fürchteten nach hämischen Artikeln in der Presse um ihre Jobs.

Schulklassen aus aller Welt, was esst ihr so?

Das Fotografieverbot löste im Internet eine Protestwelle aus. Auf Twitter beschimpften unzählige Menschen das Argyll and Bute Council. Die Gemeinde nahm ihre Entscheidung daraufhin zurück.

Dreimal hat Martha seitdem ihr Schulessen abgelichtet und hochgeladen - und jedesmal vergab sie auf ihren Food-o-meter eine hohe Punktzahl. "Jeder bekommt gleich viele Fleischbällchen, weil das fair ist. Heute hatten wir fünf", schrieb Martha am Montag. Anfangs hatte sie sich in einem Eintrag beschwert, dass sie von einer Krokette nicht satt werden könne. Die Gemeinde wies darauf hin, dass jeder Schüler beliebig viel Nachschlag bei Brot und Salat haben könne und dass man darauf achte, dass die Kinder nicht zu viele Kalorien aufnähmen.

Ob das Schulessen nun besser geworden ist oder nicht - der Wirbel um den Blog hat Martha zumindest eine Menge Spenden beschert. Sie sammelt Geld für die Organisation Mary's Meals, die unterernährten Kinder helfen will. Bisher sind fast 100.000 britische Pfund zusammengekommen, mit denen unter anderem eine Schulküche in Malawi gebaut werden soll. Die Küche solle "Freunde von NeverSeconds" heißen, schrieb Martha in ihrem Blog.

Der Blog wird vielleicht weiterleben, auch ohne Martha. Ihr Vater wolle Schulklassen in der ganzen Welt einladen, auf der Seite jeweils für eine Woche über das Essen an ihrer Schule zu bloggen, berichtet der "Telegraph".

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