Tagebuch übers Schulessen: Martha stellt das Bloggen ein

Ihr Blog machte sie weltberühmt: Seit Mai hatte Food-Bloggerin Martha, 9, das karge Kantinenessen an ihrer Schule in teils ekligen Bildern dokumentiert. Jetzt hört die schottische Food-Kritikerin plötzlich mit ihren Berichten auf. Das Ende komme ohne Druck und "sehr natürlich", sagt ihr Papa.

Martha Payne, Food-Kritikerin: Genug gebloggt? Zur Großansicht
David Payne

Martha Payne, Food-Kritikerin: Genug gebloggt?

Die neunjährige Martha Payne hat offenbar genug davon, über das Essen an ihrer Schule zu bloggen. Die schottische Schülerin habe ihrer Familie verkündet, dass sie bald nichts mehr in ihr Internettagebuch "NeverSeconds" schreiben wolle, berichtete die britische Tageszeitung "The Telegraph" auf ihrer Webseite. Martha wolle lieber mehr Zeit mit anderen Aktivitäten verbringen.

"Es ist ein sehr natürliches Ende", zitierte das Blatt den Vater des Mädchens. "Ich bin mir sicher, sie wird etwas anderes finden." Niemand habe Druck auf seine Tochter ausgeübt und die Entscheidung habe auch nichts mit der überwältigenden Medienberichterstattung der vergangenen Wochen zu tun.

Seit Anfang Mai hatte Martha an fast jedem Schultag ihre Kantinenmahlzeiten fotografiert und in ihrem Blog kritisch bewertet. Sie hatte gezählt, wie viele Bissen das Mittagessen dauerte und vergab Punkte auf einer Skala von eins bis zehn dafür, wie gut es ihr schmeckte und wie gesund sie das Gericht fand. Die Bewertung fiel manchmal ernüchternd aus - die Resonanz übertraf alle Erwartungen: Um den Blog bildete sich eine riesige Fangemeinde, mehr als sechseinhalb Millionen Menschen haben ihn bereits angeklickt. Selbst Starkoch Jamie Oliver schickte Martha ein signiertes Kochbuch und forderte sie auf, mit ihrer Arbeit weiterzumachen.

Fotostrecke

9  Bilder
Blog über Schulessen: Kuchen, Burger und manchmal etwas Gurke
Zu großer Popularität verhalf Martha auch die Entscheidung der schottischen Grafschaft Argyll, ihr das Fotografieren in der Kantine zu verbieten. Die Gemeindeverwaltung ist für das Schulessen verantwortlich und teilte Mitte Juni mit, der Cateringdienst sei ungerechtfertigt attackiert worden - Mitarbeiter der Firma fürchteten nach hämischen Artikeln in der Presse um ihre Jobs.

Schulklassen aus aller Welt, was esst ihr so?

Das Fotografieverbot löste im Internet eine Protestwelle aus. Auf Twitter beschimpften unzählige Menschen das Argyll and Bute Council. Die Gemeinde nahm ihre Entscheidung daraufhin zurück.

Dreimal hat Martha seitdem ihr Schulessen abgelichtet und hochgeladen - und jedesmal vergab sie auf ihren Food-o-meter eine hohe Punktzahl. "Jeder bekommt gleich viele Fleischbällchen, weil das fair ist. Heute hatten wir fünf", schrieb Martha am Montag. Anfangs hatte sie sich in einem Eintrag beschwert, dass sie von einer Krokette nicht satt werden könne. Die Gemeinde wies darauf hin, dass jeder Schüler beliebig viel Nachschlag bei Brot und Salat haben könne und dass man darauf achte, dass die Kinder nicht zu viele Kalorien aufnähmen.

Ob das Schulessen nun besser geworden ist oder nicht - der Wirbel um den Blog hat Martha zumindest eine Menge Spenden beschert. Sie sammelt Geld für die Organisation Mary's Meals, die unterernährten Kinder helfen will. Bisher sind fast 100.000 britische Pfund zusammengekommen, mit denen unter anderem eine Schulküche in Malawi gebaut werden soll. Die Küche solle "Freunde von NeverSeconds" heißen, schrieb Martha in ihrem Blog.

Der Blog wird vielleicht weiterleben, auch ohne Martha. Ihr Vater wolle Schulklassen in der ganzen Welt einladen, auf der Seite jeweils für eine Woche über das Essen an ihrer Schule zu bloggen, berichtet der "Telegraph".

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Das Urheberrecht...
snoook 23.06.2012
wäre hier bestimmt auch eine gute Möglickeit gewesen, das fotografieren zu verbieten - bzgl. der Art und Weise, wie sie das Essen auf den Teller klatschen. Interessant aber, das ausgerechnet sowas in einem Land mit der höchsten Kamera-Überwachungsdichte verboten werden soll...
2.
ilsf 23.06.2012
@ snook "in einem Land mit der höchsten Kamera-Überwachungsdichte"... warst noch nie in Singapur?
3. Hunger in Schottland oder Malawi?
langenscheidt 23.06.2012
Aha, man sammelte Geld für unterernährte Kinder in Malawi. Und das schottische Schulessen ist doch nicht so schlecht wie dokumentiert. Das Mädchen trägt keine Schuld. Es hat eine kindliche Phase durchgemacht und was interessant gefunden. Irgendwelche Medien machten sie zum "Star". Mäkelnde Kinder gibt es übrigens nicht nur in Schottland.
4. vor allem
Meckerliese 23.06.2012
Hört die freiwillig damit auf. hahahah wers glaubt
5.
adal_ 23.06.2012
Zitat von Meckerliesevor allem... Hört die freiwillig damit auf. hahahah wers glaubt
Warum sollte das nicht glaubhaft sein? 1. hat sich die Grafschaft mit dem Fotografiverbot gerade nicht durchgesetzt., 2. will der Vater die weltweite Berühmtheit für einen sinnvollen Zweck weiter nutzen. Für eine aufgeweckte Neunjährige ist es völlig normal, dass ihr die monothematische Beschäftigung mit dem Schulessen mit der Zeit langweilig wird.
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