Britische Schüler im Glück: Harry Potter zählt jetzt fürs Abi

Mit Kitzelfluch und Schockzauber zum Abitur: Schüler in Großbritannien studieren künftig die Werke von Joanne K. Rowling - und vergleichen sie mit Giganten der Literatur von Shakespeare bis Dickens. Manche Lehrer und Eltern sind alles andere als amüsiert.

Quidditch, Squib, Horkrux - wer in Großbritannien sein Abi mit Bravour bestehen will, sollte sich diese Begriffe bis zum kommenden Schuljahr in den Kopf meißeln. Denn die "Harry Potter"-Geschichten der Erfolgsautorin Joanne K. Rowling kommen an weiterführenden Schulen auf der Insel ab 2009 auf den Stundenplan, als Prüfungslektüre wie die Werke von Shakespeare und Dickens.

Zauberlehrling Harry Potter: Prüfungslektüre neben Shakespeare und Dickens
Warner Bros.

Zauberlehrling Harry Potter: Prüfungslektüre neben Shakespeare und Dickens

Der Auftaktroman der Potter-Reihe steht jetzt auf der Liste der prüfungsrelevanten Werke. Entschieden hat das die "Assessment and Qualifications Alliance", die in Großbritannien für die Ausarbeitung der Abschlussprüfungsordnungen an öffentlichen Schulen zuständig ist und über ähnliche Kompetenzen wie ein Bildungsministerium in den deutschen Bundesländern verfügt. Schüler, die nächstes Jahr ihre A-Levels in "Englischer Sprache" und "Literatur" ablegen, müssen deshalb "Harry Potter und der Stein der Weisen" lesen.

Bereits im Vorjahr hatte Harry Potter den Weg ins britische Schulsystem gefunden: An einer Grundschule in der mittelenglischen Stadt Nottingham dürfen sich die Schüler unter anderem als ihre Lieblingsfiguren verkleiden und in Mathematik mit Zauberformeln experimentieren. Auch der Mathelehrer setzt sich einen Magierhut auf, legt ein Zauberergewand um und verkauft die Kunst des Subtrahierens als Zauber von Harry Potter. Das Gebäude wurde in vier Bereiche eingeteilt - Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin, in Anlehnung an die vier Häuser der Zauberschule Hogwarts.

Harry Potter im Kontext der Zeit

Die Schulbehörde fand den schulischen Spuk so gut, dass sie eine Auszeichnung verlieh. Das Verhalten der Kinder sei "herausragend" und reflektiere den "großen Spaß", den die Schüler hätten, berichtete die Aufsichtsbehörde Ofsted. Inspektoren hatten den Matheunterricht als "hervorragend" bezeichnet. Der Ruf der Schule habe sich drastisch verbessert, urteilten die Ofsted-Prüfer.

Und auch anderswo zauberte Harry Potter ein wundersames Schüler-Interesse herbei: Im Sommer 2007 übersetzte ein 16-jähriger Franzose die englische Originalausgabe des jüngsten Harry-Potter-Bandes ins Französische. Die Eigenbau-"traduction" von "Harry Potter and the Deathly Hallows" war nach Angaben von Ermittlern "professionell". Der 16-Jährige musste trotzdem eine Nacht in Untersuchungshaft verbringen, weil der Verlag ihm einen Verstoß gegen das Urheberrecht vorgeworfen hatte.

In Großbritannien sollen Zauber-Abiturienten ab 2009 ihr Gespür für die "rowlingsche" Sprache, die ein Richter des Obersten Gerichtshofes von England und Wales erst kürzlich als "Gestammel" bezeichnet hatte, in einer eigenen 800-Wörter-Geschichte unter Beweis stellen. Wie die Zeitung "Daily Mail" berichtet, werden die Prüfer ihre Schüler außerdem danach benoten, wie sie die Handlungsstränge und die Verbindung von Harry Potter und seinen Freunden mit dem Kontext der Zeit in Verbindung bringen. Dazu sollen sie in einem Essay von mindestens 1500 Wörter die Arbeit von Joanne K. Rowling mit einem anderen Schriftsteller vergleichen.

"Vergnüglich, aber als Lehrstoff ungeeignet"

Obwohl das Potter-Buch auf einer Liste der meistverkauften Bücher weltweit den 12. Platz einnimmt und Grundlage für einen Hollywood-Film war, protestieren Bildungsexperten gegen die "Potterisierung" des britischen Bildungssystems: "Der englische Literaturunterricht soll Werke vermitteln, die den Test der Zeit überstanden haben", sagte Professor Alan Smithers, der das Britische Unterhaus in Bildungsfragen berät. "Das Buch mag eine vergnügliche Lektüre sein", räumte Smithers ein - doch als Lehrstoff sei Harry Potter nicht angemessen.

Protest erhob auch die Eltern-Lehrer-Arbeitsgemeinschaft Campaign for Real Education. Der Vorsitzende Nick Seaton polterte: "Schüler sollten dazu ermuntert werden, die großen Werke der englischen Geschichte zu lesen und zu verstehen. Harry Potter mag von Kindern gern gelesen werden, aber das heißt noch lange nicht, dass das Buch zum Abitur-Stoff werden soll." In den USA steht "Harry Potter" längst auf einer Liste von Büchern, die sich angeblich auf die Entwicklung von Schülern auswirken - Teufelszeug sozusagen.

Die "Assessment and Qualifications Alliance" hält trotz des Potter-Protests an ihrer Entscheidung fest: "Harry Potter ist ein authentisches Beispiel für die Literatur unserer Zeit und verdient deshalb seinen Platz in dieser Unterrichtseinheit", heißt es in einer Stellungnahme.

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