Britische Schulen: Mit harter Hand und Showelementen gegen Rüpelschüler

Was können Schulen tun gegen lärmende, prügelnde, störende Schüler? Nur mehr Disziplin hilft, glaubt die britische Regierung und setzt auf klassische Strafen. So sollen Lehrer ihre Schüler auf Drogen durchsuchen oder zum Nachsitzen verdonnern - und deren Eltern gleich mit.

So manches hat die britische Regierung schon versucht, um Disziplin und Leistung an den Schulen im Königreich zu steigern. Sie hat Schulschwänzer mit Geld geködert und neue Schulformen ausprobiert. Sie hat landesweite Leistungsvergleiche gestartet, massive Investitionen angekündigt und auch gedroht, die 300 schlechtesten Schulen zu schließen.

Englische Privatschule Eton: Auch öffentliche Schulen sollen strenger werden
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Englische Privatschule Eton: Auch öffentliche Schulen sollen strenger werden

Seit 2007 sind die Themen Kinder, Schulen und Familien in einem eigenen Ministerium angesiedelt. An der Spitze steht ein enger Vertrauter von Premier Gordon Brown: Minister Ed Balls soll zeigen, wie ernst es der Labour-Partei mit der Schulbildung ist.

Die Regierung hat gelockt und gedroht, versprochen und versucht. Doch rund läuft es noch lange nicht an den öffentlichen Schulen in England. Gerade klagte eine große Lehrergewerkschaft, wegen unartiger Schüler gingen an weiterführenden Schulen täglich pro Lehrer 50 Minuten Unterrichtszeit verloren - also 26 Tage jährlich. Das hatte eine Befragung von 10.000 Lehrern ergeben.

An jeder vierten Schule sei das Verhalten der Schüler nicht akzeptabel, sagte Schulminister Balls. Das öffentliche Schulsystem ist marode, die sozialen Unterschiede sind groß; die Hälfte der Studenten angesehener Universitäten wie Oxford und Cambridge kommen von teuren Privatschulen.

Zuckerbrot oder Peitsche? Beides!

Was tun gegen Störenfriede: Sollen Schulen mit Strafen drohen oder mit Anreizen locken? Wie geht man damit um, wenn Schüler sich verweigern? Wie reagiert man auf Eltern, die sich nicht darum kümmern, wie sich ihre Kinder in der Schule verhalten - oder ob sie überhaupt in die Schule gehen?

Das Problem beschränkt sich nicht auf Großbritannien. So versuchen US-Schulen verstärkt, ihre Schüler durch Geldprämienzu Höchstleistungen anzuspornen; zwei Schulen in Fairburn im Bundestaat Georgia bieten ihren schlechtesten Schülern sogar an, gegen Geld nachzusitzen.

Auch in Deutschland gibt es seit Jahren Debatten, wie man gegen anhaltende Schulverweigerung vorgehen soll. Meist geht es um Strafen: Die Behörden greifen zu Bußgeldern gegen Eltern oder lassen Kinder mit dem Streifenwagen in die Schule fahren. Mitunter erhalten Eltern sogar Freiheitsstrafen - oder Schüler Jugendarrest. Es gibt auch Überlegungen, die Auszahlung des Kindergeldes an regelmäßigen Schulbesuch zu koppeln, etwa in Berlin.

Viel seltener wird die Belohnungs-Methode in Deutschland angewandt. Als etwa die nordrhein-westfälische Stadt Oer-Erkenschwick Konsumgutscheine an Problemfamilien verteilen wollte, wenn sie ihre Kinder pünktlich zur Schule schicken oder zu Elternsprechtagen kommen, gab es heftige Kritik.

In Großbritannien soll nun zweierlei helfen: Strenge und Showtalent.

Regierungsbericht empfiehlt: Disziplin, Disziplin, Disziplin

Schulminister Balls will den Empfehlungen einer frisch veröffentlichten Studie folgen. Geschrieben hat sie der britische Bildungsexperte und ehemalige Schulleiter Alan Steer, der die Regierung berät und von Zeitungen gern "Schul-Zar" oder "Benimm-Zar" genannt wird. Er ist so etwas wie das britische Gegenstück zum deutschen Ex-Internatsleiter und Diziplinfan Bernhard Bueb.

Schulminister Balls: Will mehr Strenge an Schulen
AP

Schulminister Balls: Will mehr Strenge an Schulen

Steer empfiehlt zwar ein ganzes Bündel an Maßnahmen, doch im Mittelpunkt seines 202 Seiten starken Berichts stehen vor allem die Besinnung auf klassische Strafen und die Inszenierung des Lehrstoffes. Viel ist die Rede davon, wie wichtig Artigkeit für den Lernerfolg sei, dass "schlechtes Benehmen nicht toleriert werden darf". Zwar habe sich die Disziplin an den englischen Schulen in den letzten Jahren verbessert, doch das reiche noch lange nicht.

Steer plädiert im Bericht dafür, Schulen und Lehrer besser darüber zu informieren, zu welchen Sanktionen sie greifen können. Denn laut Gewerkschaft wissen sechs von zehn Lehrern nicht, was sie alles dürfen, um Ruhe und Ordnung durchzusetzen.

Die Macht der Lehrer endet nicht am Schultor

So können und sollen Lehrer ihre Schüler zum Beispiel nachsitzen lassen, vom Unterricht ausschließen und in eigens dafür vorgesehenen Räumen isolieren. Vor allem sollen die Schulen darauf aufmerksam gemacht werden, dass ihre Macht nicht am Schultor endet. Auch wer sich auf dem Weg zur Schule daneben benimmt oder Mitschüler drangsaliert, soll bestraft werden. "Schulen sollten Schüler und Eltern daran erinnern, dass es diese Macht gibt", schreibt Steer.

Lehrer sollen demnach auf den Schulfluren patroullieren und ihre Schüler durchsuchen - nach Waffen, Alkohol oder Drogen. Längst dürfen Lehrer MP3-Player und Handys einbehalten, wenn Schüler damit den Unterricht stören. Selbst Mützen dürfen beschlagnahmt werden, wenn Schüler sie nicht abnehmen. Es komme darauf an, dass Lehrer all diese Methoden konsequent anwenden, schreibt Steer.

Schulen sollen außerdem verstärkt auf "parenting contracts" setzen - Eltern verpflichten sich in solchen schriftliche Abkommen, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder nicht schwänzen und sich ordentlich benehmen. Auch sollen Eltern zu Erziehungskursen verpflichtet werden.

Here we are now, entertain us

Im Gespräch sind laut der Zeitung "Telegraph" Strafen von bis zu 1000 Pfund, falls Eltern nicht daran teilnehmen. Schon jetzt erlaubt das britische Recht Bußgelder von 50 Pfund, wenn ein vom Unterricht ausgeschlossener Schüler nicht zu Hause bleibt, sondern auf der Straße erwischt wird. Steer empfiehlt, dass Schulen eng mit Behörden und Polizei zusammenarbeiten.

Neben den Strafen setzt Steer auf attraktiveren Unterricht. Damit sich Schüler nicht langweilen, sollen Lehrer ihren Unterricht aufpeppen - und zum Beispiel wie eine Quiz-Show inszenieren: Lehrer als Showmaster wie bei "Wer wird Millionär?". Steer empfiehlt, sie sollten provokante Debatten anregen und etwa fragen: "Wofür würdet ihr sterben?", wenn es im Unterricht um Martin Luther King geht.

Schulminister Balls sagte, er werde alle Empfehlungen aufgreifen. Er kündigte an, "Benimm-Experten" in die Schulen zu schicken, an denen das Verhalten der Schüler nicht akzeptabel sei.

otr

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Forum - Schulen - büßen Lehrer für die Erziehungsmüdigkeit der Eltern?
insgesamt 1565 Beiträge
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1.
Rainer Helmbrecht 28.06.2008
Zitat von sysop...... Büßen die Lehrer für die Erziehungsmüdigkeit der Eltern?
Nein, nur Kinder und die Gesellschaft büßt. Wenn Lehrer büßen, dann nur, weil sie sich keinen Respekt verschaffen können. Das liegt aber am einzelnen Lehrer. Solche Weicheier hat es schon immer gegeben und wird es geben, bis es keine Lehrer mehr gibt. MfG. Rainer
2. Neue Lehrer braucht das Land!
discipulus 28.06.2008
Zitat von Rainer Helmbrecht... und wird es geben, bis es keine Lehrer mehr gibt. MfG. Rainer
Verehrter Rainer Helmbrecht, hoffentlich ist es bald so weit. An meiner Schule sind - aktueller Stand - für das kommende Schuljahr 230 Lehrerstunden nicht abgedeckt. D. h. 9 Lehrer fehlen. Alle hoffen auf Quereinsteiger wie im vergangenen Jahr: Arbeitsloser Diplombiologe, je entlassener Mathematiker und Physiker, unterbeschäftigter Mediziner, ....
3.
Pnin 28.06.2008
Zitat von Rainer HelmbrechtWenn Lehrer büßen, dann nur, weil sie sich keinen Respekt verschaffen können. Das liegt aber am einzelnen Lehrer. Solche Weicheier hat es schon immer gegeben und wird es geben, bis es keine Lehrer mehr gibt.
Natürlich. Wenn der Erstklässler nicht sauber ist und mit vollgeschissener Hose in der Klasse sitzt, dann liegts natürlich nur am Lehrer, dem Weichei!
4.
discipulus 28.06.2008
Zitat von PninNatürlich. Wenn der Erstklässler nicht sauber ist und mit vollgeschissener Hose in der Klasse sitzt, dann liegts natürlich nur am Lehrer, dem Weichei!
Verehrte/r Pnin, Erkenntnis des Hamburger Erziehungs"wissenschaftlers" und selbsternannten "Lehrerbildners" Peter Struck: Lehrer müssen sich auch mit "Schmuddelkindern" abgeben. http://www.aba-fachverband.org/fileadmin/user_upload_2008/buendnis_schule/Struck_Plaedoyer_Gesamtschule.pdf
5.
Rainer Helmbrecht 28.06.2008
Zitat von PninNatürlich. Wenn der Erstklässler nicht sauber ist und mit vollgeschissener Hose in der Klasse sitzt, dann liegts natürlich nur am Lehrer, dem Weichei!
Ich sage mal so, an einer vollen Hose, leidet doch kein Lehrer. Daran ist er auch nicht schuld. Ich denke Sie kennen den alten Kalauer? Die Lehrerin gibt dem Kind einen Brief mit, worauf die Lehrerin, das unsaubere Kind moniert und den Brief ab schließt, mit der Bemerkung: Außerdem rievht Ihre Tochter. Darauf schreibt die Mutter zurück: Sie sollen meiner Tochter nich riechen, sie solln ihr lernen;o). Eindeutig ein Problem der Eltern;o). MfG. Rainer
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