Britische Schulrevolution: Der Staat zahlt, die Eltern regieren

Von , London

Englands staatliche Schulen haben nicht den besten Ruf, ehrgeizige Mittelschichtseltern gründen nun ihre eigenen. Die konservative Regierung zahlt gern dafür: Die Free Schools sind ihre Antwort auf die Bildungsmisere. Doch die Reform ist heftig umstritten.

Britische Free Schools: Papa und Mama sagen, wo es langgeht Fotos
Eleanor Bentall

Toby Young hat sich nie viele Gedanken über das britische Schulsystem gemacht, bis ihn seine Frau vor zwei Jahren vor die Wahl stellte. "Sie sagte: 'Entweder nehmen wir eine Hypothek auf unser Haus auf, um die Privatschule zu finanzieren, oder wir ziehen in den Einzugsbereich einer guten staatlichen Schule, oder wir werden religiös'", erzählt der 47-jährige Vater von vier kleinen Söhnen.

Es ist das Dilemma, vor dem Millionen britische Eltern stehen, wenn ihre Kinder auf die weiterführende Schule sollen. Die besseren unter den Highschools sind heißbegehrt, die Immobilienpreise in der Nachbarschaft dementsprechend astronomisch. Die ebenfalls geschätzten kirchlichen Schulen verlangen das Bekenntnis zu Gott - für so manchen Nichtgläubigen eine zu hohe Hürde. Gerade die begüterte Mittelschicht optiert dann häufig für die teure Privatschule.

Doch für Young, einen prominenten konservativen Kolumnisten, kam keine der drei Alternativen in Frage. "Ich dachte, vielleicht gibt es eine vierte Option", sagt der Journalist. Im Sommer 2009 machte er seinen Plan publik: Er wolle eine eigene Schule für sein Viertel in Westlondon gründen, mit einem Lehrplan nach seinen Vorstellungen und frei zugänglich für alle Einkommensgruppen, schrieb er damals im "Observer". Finanziert werden sollte diese Free School vom Staat - so wie in Schweden. Dort wurden die freien Schulen bereits 1992 eingeführt und nehmen inzwischen rund 20 Prozent der schwedischen Oberschüler auf.

Eine dritte Schulform entsteht

Das Echo auf Youngs Ankündigung war gewaltig, er wurde mit Anfragen überflutet. Rund 50 interessierte Eltern versammelten sich schließlich in seinem Wohnzimmer im Stadtteil Acton. Ein 15-köpfiges Komitee wurde gewählt, um die Schulgründung zu steuern. Young selbst übernahm die Führungsrolle. "Es ist ein zweiter Vollzeitjob", sagt er. 40 bis 60 Stunden pro Woche habe er in den vergangenen zwei Jahren auf die Schulgründung verwandt: Gespräche in Ministerien, Verhandlungen mit der Stadtverwaltung, Suche nach einem geeigneten Ort, sogar einen Besuch in Schweden hat er gemacht.

Die Mühe hat sich gelohnt: Am Montag eröffnete die West London Free School in einem frisch renovierten Schulgebäude in der Nähe der U-Bahn-Station Hammersmith. 120 Elfjährige aus dem Viertel haben Plätze ergattert, 500 hatten sich beworben. Sie werden in den Genuss einer humanistischen Bildung kommen: Latein, Musik, Geschichte werden großgeschrieben. Dafür gibt es eine Stunde weniger Englisch und Mathematik als im staatlichen Lehrplan. Auch der Handwerksunterricht fällt weg.

Die West London Free School ist eine von 24 Free Schools, die in diesem Schuljahr ihren Betrieb aufnehmen. Einige sind von Eltern gegründet, andere von religiösen Gruppen, darunter Juden und Sikhs. Beim Bildungsministerium liegen mehr als 300 weitere Anträge vor, die meisten davon von Elterngruppen. Es könnte der Beginn einer tiefgreifenden Umstrukturierung des britischen Schulsystems sein. Zwischen öffentlichen und privaten Schulen entsteht eine dritte Schulform: staatlich finanziert, aber privat geleitet.

Free Schools eins der zentralen Regierungsprojekte

Youngs Elterngruppe gestaltete nicht nur den Lehrplan und bestimmte die Klassengröße (24 statt 30 Schüler), sondern suchte sich auch ihren Rektor aus: Thomas Packer, erfahrener Leiter einer Privatschule, setzte sich gegen 160 Bewerber durch. Bei künftigen Entscheidungen würden die Eltern jedoch nicht mehr so viel mitreden, sagt Packer schon vorsichtshalber. "Ich leite die Schule."

Die liberal-konservative Regierung von Premier David Cameron erhofft sich von den freien Schulen nicht nur mehr Schulplätze, sondern auch mehr Wettbewerb. Die örtlichen Gesamtschulen sollen sich durch die neue Konkurrenz in der Nachbarschaft angespornt fühlen. Die Free Schools sind eins der zentralen Projekte der Regierung, Bildungsminister Michael Gove hat die Reform nach Kräften beschleunigt.

Schon die Labour-Regierung von Tony Blair hatte auf ein ähnliches Modell gesetzt, um die Bildungsmisere in den öffentlichen Schulen zu bekämpfen. Einzelne Schulen in sozial schwachen Vierteln durften sich fortan Academies nennen und über Lehrplan, Personal und Ausgaben eigenständig entscheiden. Inzwischen gibt es über tausend im ganzen Land.

Die Entscheidungsfreiheit der Schulleitung ist auch das entscheidende Merkmal der Free Schools. Der Unterschied zu den Academies besteht darin, dass die freien Schulen in der Regel deutlich kleiner sind - und von Eltern selbst gegründet werden können.

Angst vor der Aushöhlung des staatlichen Bildungswesens

Die Bildungsreform ist hoch umstritten. Der Lehrergewerkschaft und der politischen Linken missfallen die freien Schulen. Sie fürchten die schleichende Aushöhlung des staatlichen Bildungssystems. Der Exodus der Mittelschicht werde die staatlichen Schulen kaum besser machen, so das Argument. Die Free Schools gelten ihnen als Enklaven der weißen Bildungsbürger, die sich so gegen die bildungsfernen Massen abschotten.

Diese Kritik gründe auf einem Mythos, kontert Young. Weil jede freie Schule vom Staat finanziert wird, darf sie sich - anders als eine Privatschule - nicht bestimmte Schüler herauspicken. In der West London Free School wird zwar ein Zehntel der Schüler aufgrund besonderer musischer Begabung ausgewählt, aber die restlichen 90 Prozent ausschließlich nach geografischer Nähe zur Schule und durch Los. Noten spielen keine Rolle. Die Zusammensetzung der Schülerschaft sei daher ein Abbild der Bevölkerung von Hammersmith, sagt Young. Auch seine eigenen Kinder hätten keine Garantie auf einen Platz, sie müssten sich ebenfalls dem Los stellen. Er arbeite allerdings daran, eine Ausnahme für Gründer-Eltern zu erreichen, fügt er hinzu.

Ein weiterer Vorwurf lautet, das Geld für die Free School fehle nun in den anderen staatlichen Schulen. Die Gründer weisen auch dies zurück. 30 Prozent der Schüler in Hammersmith gingen auf Schulen außerhalb des Bezirks, weil es hier nicht genug Plätze gebe, sagt Rektor Packer. "Der Bezirk braucht neue Schulen. Deshalb hat die Regierung dem Projekt zugestimmt."

Wie das Experiment mit den freien Schulen ausgeht, wagt im Moment noch niemand vorherzusagen. Young selbst räumt ein, dass wohl nur die wenigsten Eltern so viel Zeit in die Schule ihrer Kinder stecken werden - und dass diese vor allem aus der Bildungsschicht stammen werden. Künftig, prognostiziert er, würden wohl mehr und mehr private Firmen die Leitung der freien Schulen übernehmen.

Youngs verstorbener Vater jedenfalls wäre wohl stolz gewesen auf seinen Sohn: Lord Michael Young war einer der bekanntesten Bildungsreformer Großbritanniens, er gründete einst die Open University.

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1. sehr schön!
duk2500 06.09.2011
Sehr schönes Beispiel wie sich Eltern aus der Bevormundung einer staatlichen Bildungsbürokratie und aus den Klauen der linken Lehrergewerkschaften befreien können. Die Vielfalt eines Bildungsangebots und ein bisschen mehr Wettbewerb schaden auch den staatlichen Schulen nicht, im Gegenteil, das belegen ja sämtliche Statistiken, übrigens auch für das amerikanische Home Schooling. Klar, die Linken fürchten da wieder um ihr Monopol der Lufthoheit über den Kinderbetten. In dieser Beziehung geht es uns in Deutschland übrigens im Vergleich auch zu Nachbarländern wie Frankreich noch sehr gut, obwohl die freien Schulen immer noch stark finanziell benachteiligt werden.
2. hervorragend!
zweifler001 06.09.2011
Zitat von sysopEnglands staatliche Schulen haben nicht den besten Ruf, ehrgeizige Mittelschichts-Eltern gründen nun ihre eigenen. Die konservative Regierung zahlt gern dafür: Die Free Schools sind ihre Antwort auf die Bildungsmisere. Doch die Reform ist heftig umstritten. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,784371,00.html
In diesem durchideologisierten Land ist das mit unseren der Realität gegenüber blinden Politikern wohl nicht zu machen. Die scheuen doch den Wettbewerb unter den Schulen wie der Teufel das Weihwasser. Statt Leistung bornierte Parolen wie länger gemeinsam lernen (später gemeinsam Hartz IV), wobei bisher niemamd einen Vorteil gegenüber einem nach Leistung differenzierten Schulsystem nachgewiesen hat.
3. Meine Tochter
Stefan Neudorfer, 06.09.2011
Meine Tochter wird nächstes Jahr auf eine katholische Privatschule gehen, weil auch in München viele städtischen Schulen nichts taugen. Ich wohne leider in einer Gegend mit einem sehr großen Anteil an Menschen mit kulturellen und sozialen Problemen. Entsprechend viele Kinder mit Problemen gibt es. Entsprechend schwierig ist auch die Schule und wer nicht will das die Problemen unserer Gesellschaft auf den Rücken seiner Kinder ausgetragen werden, geht wo anders hin. Das sage nicht nur ich, sondern gerade viele Nachbarn mit Migrationshintergrund sagen das. Alle die für ihre Kinder etwas Gutes wollen ergreifen die Flucht, viele schicken Ihre Kinder nun auf konfessionelle Schulen. Schuld daran ist sicher auch die Schule. So ist man dort zwar sehr engagiert, aber das nur oberflächlich. Das merkten einige Eltern erst vor kurzen als sie sich wegen sexueller Belästigungen Ihrer Kinder auf dem Schulweg an die Schulleitung der städtischen Schule wandten. Dort wollte man davon nichts wissen und war sogar engagiert das alles unter dem Teppich zu kehren. Trotz Widerstand der Schulleitung gingen die Eltern zur Polizei und haben dann sehr schnell erreicht das die Kinder nun ohne Belästigung in die Schule gehen können. Geschehen dieses Jahr in München. Und das ist nur eine der Geschehnisse an dieser Schule die mich überzeugt haben: In diese Schule kommt meine Tochter nicht!
4. oooo
inci 06.09.2011
Zitat von sysopEnglands staatliche Schulen haben nicht den besten Ruf, ehrgeizige Mittelschichts-Eltern gründen nun ihre eigenen. Die konservative Regierung zahlt gern dafür: Die Free Schools sind ihre Antwort auf die Bildungsmisere. Doch die Reform ist heftig umstritten. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,784371,00.html
hm, diese freie schule ist eine kopie schwedischer freier schulen. schweden ist in der EU, england ist in der EU. mit verweis auf die EU müsste das auch hier ohne problme möglich sein. steht aber zu befürchten, daß das zuviel "EU" für unsere politiker wäre.
5. .
biobanane 06.09.2011
Zitat von duk2500Sehr schönes Beispiel wie sich Eltern aus der Bevormundung einer staatlichen Bildungsbürokratie und aus den Klauen der linken Lehrergewerkschaften befreien können. Die Vielfalt eines Bildungsangebots und ein bisschen mehr Wettbewerb schaden auch den staatlichen Schulen nicht, im Gegenteil, das belegen ja sämtliche Statistiken, übrigens auch für das amerikanische Home Schooling. Klar, die Linken fürchten da wieder um ihr Monopol der Lufthoheit über den Kinderbetten. In dieser Beziehung geht es uns in Deutschland übrigens im Vergleich auch zu Nachbarländern wie Frankreich noch sehr gut, obwohl die freien Schulen immer noch stark finanziell benachteiligt werden.
Vielleicht sollte man ihnen sagen, dass die Zeiten des dogmatischen Schulkampfes, den Sie scheinbar so lieben, vorbei sind, zumindest in Deutschland.
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