Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Deutsche Sprache in Frankreich: Au revoir, Goethe?

Von , Paris

Französische Schüler im Abitur: Deutsch wird künftig weniger unterrichtet Zur Großansicht
AFP

Französische Schüler im Abitur: Deutsch wird künftig weniger unterrichtet

Frankreichs Deutschlehrer protestieren gegen eine Unterrichtsreform der sozialistischen Regierung: Die Zahl der Deutschstunden in der gymnasialen Mittelstufe soll halbiert werden. Die deutsche Botschafterin ist enerviert.

Die Statements gehören zu beinahe jeder Sonntagsrede der französisch-deutschen Freundschaft: Seit mehr als 50 Jahre arbeiteten "beide Seiten an einer wichtigen Kooperation im Erziehungswesen, im Besonderen zur Förderung der Erlernung der Partnersprache". Am besten schon im Kindergarten, so das Bekenntnis der "deutsch-französischen Qualitätscharta" von 2013.

Der Aufbau Europas werde durch Erziehung und Bildung gefördert, dank "eines aktiven Netzwerkes in kontinuierlicher Evolution", hieß es 2014 bei einem Ministerratstreffen. Und bei ihrem Berlin-Besuch sagte die sozialistische Bildungsministerin Frankreichs Najat Vallaud-Belkacem noch Anfang April: "Ich möchte betonen, dass der Deutschunterricht gestützt und verstärkt wird."

Doch die Realität sehe anders aus, kritisiert die Vereinigung zur Entwicklung der Deutschen Sprache in Frankreich (adeaf) die Bekenntnisse der Politiker. "Lügen, vorgebracht in Endlosschleifen", seien die Schwüre zur vertieften Partnerschaft.

Deutschunterricht wird halbiert

Nach den Plänen von Vallaud-Belkacem soll mit der anstehenden Bildungsreform ausgerechnet der Deutschunterricht gründlich eingedampft werden - offenbar weil die sozialistische Regierung von Präsident François Hollande diese Form der Ausbildung als teuer und elitär einstuft.

Schon zum Schuljahr 2016 drohe das "Aus für die Sprache Goethes". Im Kern geht es um den Umbau des gymnasialen Sprachunterrichts, insbesondere um "bilinguale Klassen" und die "europäischen Abteilungen", in denen Geschichtsunterricht und Sozialkunde in einer Fremdsprache - vor allem in Deutsch - unterrichtet werden.

Dabei hat gerade die Kombination von Sprach- und Fachunterricht die schrumpfende Zahl der Deutsch-lernenden Schüler auf zuletzt eine Million stabilisiert. Immerhin lernen 15 Prozent der französischen Gymnasiasten heute Deutsch. Das Interesse für die zahlreichen öffentlich geförderten Austauschprogramme und den gemeinsamen deutsch-französischen Gymnasialabschluss, das sogenannte Abi-Bac, wuchs sogar.

Werden Vallaud-Belkacems Pläne Wirklichkeit, würde die Zahl der Deutschstunden in der Mittelstufe mehr als halbiert: Im Deutschunterricht während der vierjährigen Zeit am Collège kämen die Schüler nicht mehr auf 16, sondern nur noch auf 7,5 Stunden in der Woche. Die Folge: ein Abbau von Lehrerstellen, während die verbleibenden Lehrer als Erziehungspendler auf zwei oder drei Schulen verteilt werden - mit negativen Auswirkungen auch für gegenseitige Besuche und den Schüleraustausch.

Die Botschafterin ist enerviert

In Frankreich haben diese Pläne einen kleinen Aufstand ausgelöst. Deutsch-französische Familien, Lehrerverbände sowie 59 germanophile Abgeordnete aus Regierung und Opposition wettern gegen die Umstellung. Und nach den französischen Parlamentariern hat sich auch Berlin in die Debatte eingemischt.

In einem "ausführlichen Gespräch" mit Ministerin Najat Vallaud-Belkacem drückte Deutschlands Botschafterin in Paris ihre Sorge über den Verfall des Deutschunterrichts aus. "Wir befürchten weitreichende negative Folgen für die landesweite Abnahme des deutschen Sprachdiploms", warnt Susanne Wasum-Rainer. Sie sieht auch die Städtepartnerschaften, die Deutsch-Französische Universität, den Schüleraustausch und die Programme des Deutsch-Französischen Jugendwerks in Mitleidenschaft gezogen.

Ein Sorge, die auch den Leiter des Pariser Goethe-Instituts umtreibt. Frankreich und Deutschland seien der Motor des europäischen Projekts. Darum müssten beide Länder "übereinstimmen", sagt Joachim Umlauf im Interview mit dem Radiosender France Inter. Er folgert: "Dazu bedarf es Menschen, die die Sprache des Partners sprechen und verstehen."

Mittlerweile schlägt der Aufstand der Deutsch-Lobby hohe Wellen: Eine Internetpetition hat bislang fast 27.000 Bürger mobilisiert, beinahe täglich kommen tausend Namen hinzu. "Zählen Sie auf uns, damit die Reformpläne der Ministerin zurückgenommen werden", so die adeaf: "Damit die deutsch-französische Freundschaft lebt, darf sie nicht ohne Sprache bleiben."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. wie sollen wir darauf reagieren?
Friedrich Hattendorf 21.04.2015
Französisch als einen "Bildungshut" aus der Zeit des alten Fritz deklarieren? Englisch lernen sowieso alle (ausser direkt in Frankreich). Und anonsten ist Chinesich wichtiger?
2. Nun ja...
LJA 21.04.2015
Wenn der genannte Verein wirklich "Vereinigung zur Entwicklung der Deutsche Sprache in Frankreich (adeaf)" heißt, wie im Artikel beschrieben, dann scheinen die französischen Schüler nicht viel zu verpassen. :)
3.
Rainer Helmbrecht 21.04.2015
Meine Schwiefereltern (Bj 1900) liebten die Fr Sprache, was dazu führte, dass meine Sch-Mutter die Hausaufgaben ihrer Tochter übernahmen. Ich als Hauptschüler fand Französisch ganz interessant, aber es hat mich nicht beflügelt, mich damit zu beschäftigen. So mit 32 Jahren, machten wir eine Urlaubsreis nach F. Damit ich wenigstens etwas verstand, besuchte ich einen Kurs der VHS. Der Lehrer dort, erzählte was vom Schüleraustausch und weil er es immer Schwierig fand, genügend Pläztze für fr Schüler zu finden, habe ich meine Frau weichgeklopft und wir Boten einen Platz an. Dabei lerrnten wir ein Mädchen kennen, die von Deutsch begeistert war. Das ist nun über 35 Jahre her und wir haben die sich daraus entwickelte Freundschaft heute noch. Ich denke mal, dass wird keinen fr Minister/in dazu bewegen, den Deutschunterricht weiter zu führen, aber ich bin mir sicher, dieses Sprachhobby hat mehr für die Deutsch/Französische Freundschaft getan, als der Bau eines Flugzeugwerkes. Ich möchte behaupten, dass es noch viele ähnliche Beispiele gibt. Aller dings hat mein Geschichtslehrer den Grundstein gelegt, als wir Karl den großen durchnahmen (5-6.) Klasse und er über die Basken sprach pflanzte er bei mir den Bazillus ein ich habe dann noch 14 Jahre im Baskenland gelebt. So sieht man, was so ein Lehrer bewewirken kann. Allerding nicht alle, Der Führer der Franzosen, ist Deutschlehrer, aber offensichtlich hat er kein Sendungsbewusstsein;-). MfG. Rainer
4. Deutsch ist längst geschrumpft
lukapp 21.04.2015
Eine Wanderung durch elsässische Weinberge mit Informationstafeln: Grausiges Deutsch neben Englisch und Französisch. Who cares? Und an deutschen Schulen ist Spanisch ohnehin vielversprechender als Französisch. Selbst auf den Campingplätzen versteht heute schon fast jeder Englisch. Fazit: Muttersprache plus Englisch als moderne "lingua franca" (sic!). Das sollte reichen.
5. Deutschunterricht im Collège
uhblz 21.04.2015
Schade um die Streichung der "Classe européenne" allemande im Collège meines Sohns Andrew. Sein Bruder Albert sollte nächstes Jahr in diese Klasse kommen. Man redet hier in Frankreich viel vom "couple franco-allemand", welches nach Expertenansichten nie existiert hat (M. Jaques Attali). Dafür kann man jede Woche im französischen TV Kriegsfilme und TV-Serien sehen wo man die "schlechten Deutschen" anprangert.Also ist diese Entscheidung der Ministerin Najat Vallaut Belkacem alles andere als erstaunlich.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks