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Enthaltsame Mädchen in den USA: Nicht ohne meinen Vater

Ein Interview von

Keuschheitsschwur von Teenagern: Lieber Vater, ich gelobe Fotos
David Magnusson

Keusch bis zur Ehe: In den USA legen Mädchen dieses Versprechen in feierlichen Zeremonien ab - begleitet von ihren Vätern. Der Fotograf David Magnusson erklärt, warum die Bilder dieser Paare auf einige Betrachter verstörend wirken.

SPIEGEL ONLINE: Herr Magnusson, was ist ein "Purity Ball"?

Magnusson: Das sind Zeremonien, bei denen junge Mädchen ein Keuschheitsgelübde bis zur Ehe ablegen - vor Gott, vor sich selbst und vor ihrer Familie. Die Bälle werden von christlichen Gruppen in den USA organisiert. Viele finden im sogenannten Bibel-Gürtel statt: im Mittleren Westen und Süden der USA. Aber auch in Illinois gibt es welche. Die Enthaltsamkeitsbewegung ist in Amerika ziemlich groß.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Väter?

Magnusson: Sie haben eine entscheidende Rolle: Die Mädchen werden von ihren Vätern zu dem Ball begleitet. Dort geben die Männer das Versprechen ab, ihre Töchter auf deren Weg zu unterstützen, zu beschützen und ihnen ein gutes Vorbild zu sein - indem sie ihre Ehefrau nicht betrügen, die eigene Familie ehren und für ihre Werte einstehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Vater-Tochter-Paare für Ihren Bildband "Purity" fotografiert. Die Bilder wirken verstörend, fast inzestuös und rufen beim Betrachter auch Ekel hervor. War das Ihr Ziel?

Zur Person
  • David Magnusson
    David Magnusson, Jahrgang 1983, hat über einen kleinen Zeitschriftenartikel von den US-amerikanischen Enthaltsamkeitsbällen erfahren, war fasziniert und fuhr hin, um Väter und Töchter bei ihrem Keuschheitsgelöbnis bis zur Ehe zu fotografieren. Magnusson lebt in Stockholm, Schweden.
Magnusson: Keineswegs. Ich wollte so objektiv arbeiten wie möglich. Viele Betrachter fühlen sich jedoch von den Bildern provoziert. Ich finde die unterschiedlichen Reaktionen sehr spannend, denn offenbar hängen sie stark ab von dem persönlichen Wertesystem der Zuschauer. Die Protagonisten jedenfalls haben sich über ihre eigenen Bilder gefreut, sie waren richtig stolz darauf und haben sie zum Teil auf Facebook geteilt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Bilder aber doch auf eine bestimmte Art und Weise inszeniert.

Magnusson: Die Location war klar, und auch, dass sie dieselbe Kleidung wie beim Ball tragen. Ansonsten habe ich keine Vorgaben gemacht. Ich habe sie nur darum gebeten, in ihrer Haltung ihre Vater-Tochter-Beziehung auszudrücken. Ob sie sich berühren oder nicht, ob sie sich umarmen, sich an- oder voneinander wegschauen oder beten - all das haben die Protagonisten selbst entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Wie alt sind die Mädchen?

Magnusson: Die meisten sind zwischen 12 und 17 Jahre alt. Bei einem Ball in Colorado Springs allerdings sind die Mädchen viel jünger. Ich glaube, die Jüngste, die ich fotografiert habe, war fünf. Dort stehen aber auch die Väter im Vordergrund, sie sollen erkennen, welch große Rolle sie im Leben ihrer Töchter haben. Deshalb unterzeichnen dort nur die Väter das Gelübde, die Mädchen können freiwillig ein symbolisches Versprechen ablegen.

SPIEGEL ONLINE: Kommt Ihnen diese Bewegung nicht merkwürdig vor?

Magnusson: Ich hatte durch einen kurzen Artikel von den Purity Balls erfahren. Mir fiel auf, dass ich sofort Vorurteile hatte - obwohl ich noch fast nichts über das Phänomen wusste. Ich stellte mir übertrieben ängstliche Väter vor, die ihre Töchter und ihre Familienehre vor dem Rest der Welt beschützen wollen. Dabei halten wir Schweden uns für ziemlich offen und tolerant. Ich begann, alles zu dem Thema zu lesen und besuchte auch einige Bälle. Dort traf ich schließlich die Protagonisten für meine Bilderreihe und wurde überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Was war überraschend?

Magnusson: Viele der Mädchen wirkten stärker und unabhängiger, als ich es erwartet hatte. In vielen Fällen ging der Wunsch, bei der Purity-Bewegung mitzumachen, von den Mädchen aus. Einige Väter hatten vorher sogar noch nicht einmal von den Zeremonien gehört.

SPIEGEL ONLINE: Warum wollen Teenagermädchen enthaltsam leben - und dann auch noch unter der Aufsicht ihres Vaters?

Magnusson: Jede hat ihre eigenen Gründe, Erfahrungen und Hoffnungen. Sie alle haben jedoch einen starken religiösen Glauben und die Überzeugung, dass sie damit das Richtige für ihr Leben tun. Die meisten von ihnen sind Christen, Enthaltsamkeit bis zur Ehe ist ihre Interpretation der Bibel. Einige besuchen bereits christliche Schulen oder gehören der Homeschooling-Bewegung an. Für andere gehört die Entscheidung zu ihrem Lebensplan. Ein Mädchen erzählte mir, dass sie erst studieren und ihre Karriere beginnen will - bevor sie eine Familie gründet, soll ihr kein Liebesleben in die Quere kommen. Ihr Vater hat nur ihr zuliebe mitgemacht.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Mädchen durchhalten?

Magnusson: Keine Ahnung. Übrigens sagten fast alle Eltern, die auch Söhne haben, sie würden das Gleiche von ihren Jungs erwarten. Ich als Fotograf will nicht beurteilen, ob dieser Weg falsch oder richtig ist. Und um ehrlich zu sein: Ich weiß es auch nicht.

2012 begeleitete SPIEGEL-ONLINE-Videoreporterin Sandra Sperber enthaltsame Eltern und ihre Töchter auf dem Weg zum Keuschheitsgelöbnis. Sehen Sie hier auf SPIEGEL.TV ihren Film "Purity Ball: Kein Sex vor der Ehe". mehr...

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 260 Beiträge
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    Seite 1    
1. Naja
rantzau 17.06.2014
regt zum Nachdenken an, ist aber sehr amerikanisch. Bei uns ist aber das ganze Thema Sexualitaet auch stressig geworden. Es wird als normal angesehen, sehr frueh seine Erfahrungen zu machen und alles ist so sexualisiert in der Werbung, Medien, etc. . Ob das gut ist, weiss ich nicht. Habe aber so meine Zweifel. dieses Versprechen in feierlichen Zeremonien ab - begleitet von ihren Vätern. Der Fotograf David Magnusson erklärt, warum die Bilder dieser Paare auf einige Betrachter verstörend wirken. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/enthaltsamkeit-purity-balls-in-den-usa-fotos-von-david-magnusson-a-974374.html[/QUOTE]
2. Verstörend
skorpianne 17.06.2014
Verstörend und inzestuös trifft genau das, was mir beim Betrachten der Bilder durch den Kopf ging...
3.
alexzzz 17.06.2014
Frau Greiner spricht angesichts von Bilder, die eine intime Beziehung zum Vater dokumentieren von ,,Ekel". Sehr eigenartig
4. unsere Irre Gesellschaft
wolffm 17.06.2014
Ich würde das als Vater nur machen, wenn es der eausdrückliche Wunsch meines Kindes ist, was es nie war. Allerdings finde ich es nicht falsch mal darüber nachzudenken, ob wir seid der 1969er Generation nicht manchmal ein bischen schnell beim Sex sind, statt auf den richtigen Partner zu. Warten. In der Rückschau sage ich und viele meiner Freunde, dass man sich dieses oder jenes Erlebnis gerne hätte sparen können. ABER: Ein Vater-Tochter-Bild gleich mit Inzest in Verbindung zu bringen, das steht für unsere irre Gesellschaft. Solche Fantasien hat eine Gesellschaft, in der es nur so wenige Kinder gibt und das Bild von Kindern geprägt ist, von dem was an dramatischen Fällen in der Presse erscheint.
5. optional
hador2 17.06.2014
Der Bible Belt im WESTEN und Süden der USA? Vielleicht sollte der Autor sich da nochmal informieren: Der Bible Belt wird typischerweise im Südosten der USA verortet, während gerade der Westen eher als liberal gilt.
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