Aufwachsen in Neuseeland: Wir Trümmer-Jugendlichen

Jugendbewegung in Neuseeland: Gemeinschaft statt Ego, Frust und Alk Fotos
DPA

Mitmischen, anpacken, gestalten: Ein Erdbeben hat in Neuseeland eine Jugendbewegung in Gang gesetzt und einen neuen Gemeinsinn entfacht. Wir-Gefühl statt Ego-Shooter.

Als die zweitgrößte neuseeländische Stadt Christchurch im September 2010 von einem schweren Erdbeben erschüttert wird, will Jura-Student Sam Johnson sich nur ein bisschen nützlich machen. Er startet noch am selben Abend eine Facebook-Gruppe mit einem Hilfsaufruf. Innerhalb weniger Stunden hat er 400 junge Leute mit Schippen und Schubkarren mobilisiert. Sie sind in Gärten und auf Straßen im Einsatz, wo aus Rissen im Erdboden tonnenweise Schlamm hervorgequollen ist.

"Wir wollten eigentlich nur ein bisschen beim Aufräumen helfen, aber dann wurde uns klar, dass die Leute uns brauchten. Einfach damit jemand da ist zum Reden", sagt Johnson, der heute 24 ist. "Das war wirklich magisch." Als fünf Monate später ein noch verheerenderes Beben Teile der Stadt zerstörte, brachte seine "Freiwillige Studentenarmee" sofort 11.000 Jugendliche auf die Beine, die zuhörten, Tee machten, mit anfassten.

Die Menschen waren begeistert. "Als die vielen jungen Leute unterwegs waren, sagte eine ältere Frau zu mir: Es ist, als sei ein Knoten geplatzt. Wir brauchten keinen Krieg - plötzlich sind viele Erwachsene zur Seite getreten und haben den jungen Leuten den Vortritt gelassen", sagt die Politikwissenschaftlerin und Jugendforscherin Bronwyn Hayward von der University of Canterbury.

In Christchurch waren Jugendliche zuvor vor allem für negative Schlagzeilen gut: Boy Racer, jugendliche Raser, machen nachts mit quietschenden Reifen die Straßen unsicher. Bei Partys trinken viele junge Neuseeländer deutlich zu viel. Boy Racer gibt es zwar immer noch, aber viele junge Leute haben nach dem Erdbeben ein anderes Ventil für ihre überschüssige Energie gefunden.

"Frust und Ärger entladen sich in Krawallen"

"Nach einer Katastrophe ist der Wunsch groß zu helfen", sagt Hayward. Gerade für junge Leute sei es wichtig, zu fühlen, dass sie einen positiven Beitrag leisten können. "Es gibt ja nicht nur Naturkatastrophen, auch Wirtschaftskrisen, die jungen Leuten die Chance rauben, sich zu entwickeln." So sieht Hayward Europa: "Die Sparmaßnahmen nehmen jungen Leuten die Chance, etwas zur Zukunft beizutragen. Viele meinen dann, sie hätten nichts mehr zu verlieren - Frust und Ärger entladen sich in Krawallen."

Für Johnson war die Erfahrung wertvoll. "Ich bin nicht mehr derselbe Mensch", sagt er. "Mir hat dieses Erdbeben eine unglaubliche Chance gegeben. Dass Menschen Menschen helfen müssen - das nimmt jetzt meine Zeit und Energie in Anspruch." Johnson hat mittlerweile seinen Bachelor in Jura gemacht und arbeitet nun im Katastrophenschutz für die Vereinten Nationen. Die "Freiwillige Studentenarmee" organisiert weiter jede Woche Aktionen, zum Beispiel Hilfe im Garten, beim Anstreichen oder Reparieren.

"Wir suchen Freiwillige, um den Garten einer sehr netten Dame morgen herzurichten, dauert vielleicht drei Stunden", heißt es etwa auf der Facebook-Seite mit mehr als 27.000 "Likes". "Welche Uhrzeit? Ich kann nach zwölf, ich liebe Gartenarbeit", antwortet Charlotte innerhalb weniger Stunden.

Eine ähnliche Initiative startete Ryan Reynolds, 34, in Christchurch mit seinen Studenten der Theater- und Filmfakultät an der University of Canterbury. "Gap Filler" - Lückenfüller - heißt das Projekt. Die Idee: auf Grundstücken eingestürzter Häuser vorübergehend etwas zu organisieren. Die jungen Leute wollten dem Wiederaufbauprozess mit Ingenieuren und Architekten eine kreative Note verleihen. "Die Leute sollten Spaß haben, in die Innenstadt zurückkommen und Unerwartetes entdecken", sagt Reynolds.

Dazu gehörte auch eine Wochenend-Sauna in einem Zelt. Oder weil alle Kinos geschlossen waren ein Klein-Kino an einer Straßenecke, bei dem der Projektor über Dynamos an Fahrrädern angetrieben wurde. Oder ein Büchertausch, weil die Bücherei noch nicht wieder geöffnet war. Aus Baupaletten bastelten die jungen Leute eine Bühne für Musik- und Theatergruppen. "Plötzlich bekamen wir lauter Anrufe von Leuten, die fragten: könnt ihr bei uns keinen Büchertausch machen, oder ein Kino", erzählt Reynolds.


SIND SIE FIT FÜRS AUSLANDS-STUDIUM?

Zur Großansicht
Corbis

Mit Erasmus reisen Studenten kreuz und quer durch Europa und nisten sich in internationalen Wohngemeinschaften ein. Wir schicken Sie per Quiz in eine solche WG. Können Sie bestehen? Raten Sie mit. mehr...


Cheryl Norrie/dpa/otr

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Im Westen nichts Neues
el-gato-lopez 27.07.2013
Zitat von sysopMitmischen, anpacken, gestalten: Ein Erdbeben hat in Neuseeland eine Jugendbewegung in Gang gesetzt und einen neuen Gemeinsinn entfacht. Wir-Gefühl statt Ego-Shooter.
Als Vorbemerkung: "Wir-Gefühl statt Ego-Shooter". Echt jetzt? Was für ein "Schenkelklopfer". Ja, klar, wir wissen ja ALLE, dass ALLE PC-/ Videogamer total asozial sind. Ganz besonders die mit den "Killerspielen". Ansonsten - mal wieder ein typischer Schulspiegel-Artikel, leider. Thema eigentlich sehr interessant aber: Bei Jugendthemen interviewt man grundsätzlcih nur Studierende, warum? Haben andere Leute keine Meinung? Leute ohne "was mit Design"-Bätschelor können sich nicht artikulieren? Oder sind das noch Nachwehen vom ERASMUS-Auslandsbesäufnis, wo man eh nur unter seinesgleichen blieb? Dieses Muster zieht sich für mich durch die meisten dieser Artikel, egal ob es um Arbeitslosigkeit in Spanien oder die Hoffnungen von jungen Leuten in der Ukraine geht. Da guckt ja der deutsche Pauschaltourist noch eher über den intellektuellen und sozio-demografischen Tellerrand als die Spiegel-Redaktion...
2. optional
spon-facebook-1629421895 27.07.2013
Dummes Wortspiel. In den "Ego-Shootern", welche ich spiele (CS:S, BF, Planetside) ist Teamarbeit und Taktik die absolute Grundlage für einen Erfolg...
3. optional
gruenertee 27.07.2013
Also bei uns vor paar Monaten das Wasser in allen Kellern meiner Stadt stand hat auch die ganze Stadt sich gegenseitig geholfen. Trotzdem hat sich keine "Jugendbewegung" daraus gebildet, warum? Weil es vollkommen normal ist, sich in Notsituation gegenseitig zu helfen. Zumal die ganze Geschichte in dem Artikel vollkommen aufgeblasen ist und eine verzerrte Realität wiedergibt. "Wir suchen Freiwillige, um den Garten einer sehr netten Dame morgen herzurichten, [...] Ich kann nach zwölf, ich liebe Gartenarbeit", antwortet Charlotte innerhalb weniger Stunden." Da wird aus einer Fliege ein Elefant gemacht, damit man eine Story hat, worüber man schreiben kann. Sehr gut SpOn/DPA.
4. el-gato-lopez hat recht
frankdruhm 27.07.2013
Ja, es gibt eine unbewusste Geringschätzung händischer Arbeit in unseren modernen Gesellschaften westlicher Prägung. Man schaue sich nur die zentralen Forderungen und Förderungen der Bildungspolitik an. Warum gibt es z.B. nicht ein BAFÖG für handwerkliche Lehrberufe? Und es gibt m.E. einen Snobismus der selbsternannten Intelligenzia! Wenn "immer nur" studierte junge Menschen journalistisch auftreten zeigt das zweierlei: Erstens, gerade Redakteure zeigen oft und gern den Habitus des Snobismus (s.o.). Und das führt zweitens zur Auswahl der Interviewpartner. Warum sin im Falle Neuseelands die tausenden "helfenden Hände" zu Wort gekommen? Dann hätte erkennt werden können, dass die guten Ideen wichtig und notwendig sind. Aber ohne einen anpackenden Unterbau wären sie verpufft. Und, el-gato-lopez, Du mach Dich frei von Deiner Underdog-Perspektive, sie wird Dir nur zugeschrieben, Du bist frei!
5. optional
cobaea 27.07.2013
Die Kritik, es würden wieder nur Studenten befragt, als ob es niemand anders gäbe, greift - meiner Meinung nach - zu kurz. In dem Artikel geht es um freiwillige Helfer, die Hilfsarbeiten übernehmen oder unentgeltlich helfen. Dafür haben junge Handwerker - männlich und weiböich - nach einem Erdbeben keine Zeit: Sie werden dringend als Profis beim Wiederaufbau der Stadt bzw. der Umgebung benötigt und sind deshalb beruflich voll im Einsatz. Junge Zimmerleute, Maurer, Installateure, Elektriker, Strassenbauer, Maler, Gärtner etc. haben/hatten in Christchurch beruflich mehr als genug zu tun. Freiwillige Hilfseinsätze sind trotzdem sehr sinnvoll - wie man ja auch kürzlich in den deutschen Überschwemmungsgebieten gesehen hat. Und auch da hat man diesen Einsatz durchaus positiv vermerkt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Querweltein
RSS
alles zum Thema Neuseeland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Afrika, Asien, Ozeanien: Einmal Kulturschock, bitte


Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...