Erinnerungen eines Kindersoldaten: Schnarcht nicht, sonst kommt der Feind

Aus Kampala berichtet Sophia Sabrow

Als Kind kroch Julius Okello mit einer Waffe durch den Busch und kämpfte für die heutige ugandische Nationalarmee. Das Militär war für ihn kaltherziger Auftraggeber und Familie zugleich. Heute ist er Friedensforscher in Kampala und kämpft mit seinen Erinnerungen.

Soldat mit neun Jahren: Schießen für Ugandas Armee Fotos
DPA

Julius Okello spielte Fußball auf einem Feld im Dorf, als die Soldaten kamen. "Meine Mannschaft war gerade dabei zu gewinnen", erinnert sich der heute 33-Jährige. Er sollte nie erfahren, wie das Spiel ausgegangen wäre.

Die Soldaten nahmen ihn und andere Kinder, die fit und stark genug aussahen, in ihren Autos mit. "Von da an war in meinem Leben nichts mehr, wie es einmal war." Okello war neun Jahre alt, als er zum Kindersoldaten wurde. Er stieß zur Nationalen Widerstandsarmee (NRA) in Uganda, als sie noch eine Rebellentruppe war. Ein paar Monate später, im Jahr 1986, kam ihr Anführer Yoweri Museveni an die Macht. Er regiert das Land bis heute.

"Sie haben mir ein Gewehr gegeben und mir gezeigt, wie ich es benutzen soll", sagt Okello. Schon bald musste der Junge mitkämpfen. Etwa gegen die Karamojong, ein Hirtenvolk im Norden Ugandas, dessen Krieger Viehherden raubten. "Ich war noch ein Kind, ich stellte mir Kriege abenteuerlich und heldenhaft vor. Doch schon in meiner ersten Schlacht war davon nichts mehr übrig. Ich dachte, ich würde dort niemals lebend wieder herauskommen."

Kinder nur als Köche und Lastenträger?

Ugandische Rebellentruppen wie die Lord's Resistance Army (LRA), die "Widerstandsarmee des Herrn", sind berüchtigt dafür, dass sie jahrelang Kindersoldaten rekrutierten. Doch Okello kämpfte nicht für Aufständische, sondern fürs ugandische Militär.

Die Regierung bestreitet nicht, dass es Kindersoldaten - Kadogos - auch in der Armee gab. In den achtziger Jahren schätzte sie, dass zur NRA damals etwa 3000 Kindersoldaten gehörten. Das seien jedoch alles Kinder gewesen, die zwischen die Fronten geraten waren und keine andere Zuflucht hatten. "Unsere Kadogos waren zu ihrem eigenen Schutz bei der NRA. Wir haben sie aufgelesen und mit uns ziehen lassen", sagt Armeesprecher Felix Kulayigye. "Sie erfüllten kleine Aufgaben als Lastenträger, Köche oder wuschen Wäsche." Als Kindersoldaten hätten sie zwar Waffen getragen, die hätten aber nur der Selbstverteidigung gedient.

Doch Okello ist nicht der Einzige, dessen Erzählungen sich nicht mit der offiziellen Geschichte decken. Einige ehemalige NRA-Kindersoldaten berichten, dass sie systematisch als Krieger an die Front mussten. Die bekannteste ist die Uganderin China Keitetsi, die sich heute weltweit gegen die grausame Art der Kinderarbeit in Kriegen einsetzt.

Kein Schlaf während der Gefechte

Julius Okello diente 22 Jahre lang in der Armee. Als die NRA an die Macht kam, gingen die Kämpfe trotzdem weiter, gegen Anhänger des besiegten Regimes und andere aufständische Gruppen. Das Soldatenleben wurde für die Kinder zum Alltag - bis Okello vergaß, wo er herkam, wie seine Geschwister hießen und wo er zur Schule gegangen war. "Wir campierten draußen auf dem Feld und hielten uns in Gräben versteckt", sagt er. "Schlafen durfte man nur abwechselnd. Und wehe jemand schnarchte und lockte den Feind an. Dann gab es Stockhiebe."

Während der Gefechte standen alle besonders unter Strom. Niemand durfte mehr schlafen und gegessen wurde selten. An ruhigeren Tagen hatten die Soldaten auch ein bisschen Freizeit. "Wenn wir in der Nähe eines Dorfes oder einer Stadt waren, durften wir Bekannte besuchen, zum Friseur gehen, mal ein Bad nehmen", sagt Okello.

Über seine eigene Zeit als Kindersoldat zu sprechen, mache ihm nichts aus, sagt er, selbst grauenvolle Erinnerungen erzählt er mit irritierender Gleichmütigkeit. Nur an einer Stelle verdunkelt sich seine Miene. Was bei der Schlacht im nordugandischen Pader passierte, schmerzt ihn noch immer. Zu tief haben sich die Erlebnisse eingebrannt.

Den Kindern wurde je ein erwachsener Soldat zugeteilt, der auf sie aufpassen sollte. Okellos Aufpasser wurde so etwas wie ein Vater für ihn: "Mein Kommandeur kümmerte sich sehr um mich. Er gab mir viel Kraft und Hoffnung, besonders am Anfang, als ich meine Familie so schrecklich vermisste."

Über diese eine Schlacht will er nicht reden

In jener Nacht in Pader, als sie wieder gegen Rebellen kämpften, war Okello seit einem Jahr bei der NRA. Es war die härteste Schlacht, die er bis dahin erlebt hatte. Plötzlich wurde er angeschossen. "Meine Schulter blutete wie verrückt. Mein Kommandeur eilte sofort herbei und verband meinen Arm mit einem Kleidungsstück", erzählt er. "Er nahm mich auf den Rücken, um mich zu einem Sanitäter zu tragen." Dann zerriss ein Knall die Luft. "Mein Kommandeur sackte unter mir zu Boden und war sofort tot." Seitdem war auch das letzte bisschen Geborgenheit aus Okellos Leben verschwunden. Eine dicke Narbe an seiner Schulter wird ihn immer an jenen Tag erinnern.

Mit 16 durfte er endlich zur Schule gehen. Zwar gründete die NRA eigene Schulen für heimatlose Kindersoldaten. Doch Okello sagt, auf eine solche Schule sei er nie geschickt worden. Monatelang bat Okello darum, auf eine reguläre Sekundarschule gehen zu dürfen. Als die Armee schließlich einwilligte, hatte er einiges nachzuholen. Zum Glück hätten ihm Mitschüler geholfen, die bis spät in die Nacht mit ihm den Stoff paukten. Nach seinem Abitur studierte Okello Volkswirtschaftslehre in Ugandas Hauptstadt Kampala, wo er heute auch mit seiner Frau und vier Kindern lebt.

Für seinen Master in Friedens- und Konfliktforschung erhielt er ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Zwischen den Ausbildungsstationen kehrte Julius Okello immer wieder zu seiner Einheit in den Busch zurück, der er inzwischen als regulärer Soldat angehörte. 2007 stellte ihn die Armee schließlich frei. Daraufhin eröffnete er ein kleines Institut für Konfliktforschung in Kampala.

Kahl und düster ist es im Büro des Instituts, die Wände sind noch nackt. Auf dem Schreibtisch steht eine kleine Uganda-Fahne - so viel Patriotismus ist trotz des Leids in der Armee noch übrig. Okello klagt darüber, dass nicht genug Forschungsgeld aufzutreiben sei und dass er und seine Leute noch nicht loslegen könnten. Dann sieht sein rundes, freundliches Gesicht plötzlich sehr müde aus.

Okello will darauf aufmerksam machen, was Kinder in Kriegen durchmachen müssen. Inzwischen weiß er zwar wieder die Namen seiner Geschwister und seines Heimatdorfes. Doch seine Mutter sah er nicht wieder. Sie starb, als Okello in der Armee war.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. es gibt viele
ronald1952 31.01.2012
Zitat von sysopAls Kind kroch Julius Okello mit einer Waffe durch den Busch und kämpfte für die heutigen ugandischen Nationalarmee. Das Militär war für ihn kaltherziger Auftraggeber und Familie zugleich. Heute ist er Friedensforscher in Kampala, und kämpft mit seinen Erinnerungen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,805422,00.html
Feiglinge die gerne anderen Befehle erteilen und vorschicken in Gefahren.Aber die größten aller Feiglinge sind die, die Kinder in den Krieg schicken. Das sind nicht nur Feiglinge in eigenlichen Sinn der Feigheit, denn auch der größte Dummkopf empfindet Angst wenn Kugeln fliegen. Für diese Menschen müsste man glatt ein neues Wort erfinden.Nur welchen weis ich nicht. Ich bin eigendlich sehr vorsichtig mit solchen Aussagen, aber ein erwachsener Mensch, der einem Kind eine Waffe in die Hand drückt damit dieses auf andere Menschen schießt hat für mich keine Lebenberechtigung.Der muss einfach weg. schönen Tag noch,
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Querweltein
RSS
alles zum Thema Kindersoldaten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Fotostrecke
Gehörlosenschule in Uganda: Versteckt und ausgestoßen


Dein SPIEGEL digital
Social Networks