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Finnische Schulen: Jedes einzelne Kind zählt

Von Liisa Niveri

Wer an deutschen Schulen nicht mitkommt, wird eben abgehängt. Finnischen Lehrern geht das heftig gegen ihr Berufsethos: Dort hat jedes Kind ein Recht auf Förderung - und bekommt sie auch, in der neunjährigen Gemeinschaftsschule.

Neun Jahre lang lernen alle Schüler zusammen: Das finnische Schulsystem ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das Resultat einer bewussten und gewollten politischen Entscheidung. Ende der sechziger Jahre begann Finnland, konsequent Gemeinschaftsschulen einzurichten. Zunächst gab es viel Widerstand, vor allem Lehrer wehrten sich heftig, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnten, dass alle gemeinsam unterrichtet werden könnten.

Finnische Schüler: Kein Kind soll zurückbleiben
Helsinki Strömberg Schule

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Der Kerngedanke bei der Schulreform war nicht die Milderung der Ungleichheit, die in Deutschland die bildungspolitischen Debatten so lange prägte. Es ging mehr darum, eine Sortierung in starke und schwache Schüler zu vermeiden: "Aus dem Entwicklungsstand eines Zehn- bis Zwölfjährigen kann man noch nicht ablesen, was aus ihm wird", so Liisa Keltikangas-Järvinen, Professorin für Psychologie an der Universität Helsinki. "Wenn die Selektion so früh geschieht, dann trifft man falsche Entscheidungen, und die Gesellschaft verschwendet Begabung. Dies wiederum vermindert die Wettbewerbsfähigkeit der Gesellschaft."

In Deutschland sieht man das traditionell anders: Nach der vierten Klasse trennen sich die Wege der Grundschüler - oft ein groteskes Lotteriespiel. Mehrere Studien zeigen, wie häufig Lehrer mit ihren Empfehlungen für die weiterführende Schule falsch liegen. Und dass Kinder von Akademikern es weitaus leichter haben, auf einem Gymnasium zu landen, als ähnlich begabte Kinder aus Arbeiter- oder Einwandererfamilien. Bisher konnten sich stets die Bewahrer des heiligen deutschen Gymnasiums durchsetzen - kein Wunder, wenn praktisch die gesamte politische Kaste ihre Kinder aufs Gymnasium schickt. Gerade erst weicht allerdings in Bundesländern wie Hamburg und Schleswig-Holstein das klassische Sortiersystem ein wenig auf.

Auf das Grundschüler-Lotto verzichten die Finnen

Finnland hat sich davon schon lange verabschiedet. Bis 1989 gab es noch verschiedene Levels für die Klassenstufen 7 bis 9 für unterschiedlich Begabte. Inzwischen gibt es nur noch individuelle Lernpläne - und auch keine "schlechten" Schüler mehr, sondern nur noch unterschiedlich Lernende.

"Heute sind sich in Finnland alle einig, dass diese Entscheidung damals die beste war", sagte Jorma Kauppinen aus dem Bildungsministerium SPIEGEL ONLINE. Denn je besser die Ausbildung der Nation, desto besser gehe es allen. In Finnland erreichen laut OECD verblüffende 95 Prozent der Schüler - über das Abitur wie auch andere Wege - eine Hochschulzugangsberechtigung, in Deutschland schaffen das lediglich 38 Prozent.

Der Gedanke "Gleiche Bildungschancen für alle" hat in Finnland einen hohen Stellenwert. Das Gleichstellungsgesetz gilt auch für die Bildung. Es bedeutet nicht, dass alle gleich behandelt werden, sondern dass jeder seinen Fähigkeiten und seiner Vorbildung entsprechend gefördert wird. In Finnland gibt es kaum Unterschiede im Lernerfolg zwischen verschiedenen sozialen Schichten. Man will keine Schulversager produzieren, auf eine gute Atmosphäre legen die Schulen viel Wert: "Wenn das Kind Angst hat, lernt es nicht", so Eija Kartovaara vom finnischen Bildungsministerium.

Im Mittelpunkt steht die Entwicklung der Persönlichkeit. So bekommen schwächere Schüler ganz selbstverständlich Nachhilfe - in der Schule, außerschulischer Unterricht ist nahezu unbekannt. Zum Teil wird Nachhilfe während des regulären Unterrichts so geschickt verpackt, dass das Kind davon gar nicht merkt. Davon können Eltern hierzulande nur träumen. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung 2007 (DIW) erhält jeder fünfte Schüler bereits in der vierten Klasse Zusatzunterricht, damit er eine Gymnasialempfehlung bekommt.

Nur des Geldes wegen wird hier niemand Lehrer

Weitere Besonderheiten: Trotz Halbtagsschule bekommen alle finnischen Schüler bereits seit 1948 ein warmes, kostenloses Mittagessen. Die Kindergärten verfügen über gut ausgebildetes Personal - und die Vorschule verdient ihren Namen wirklich. Sie unterliegt dem finnischen Grundschulgesetz und ist fester Teil des gesamten Schulsystems. Die Vorschule sorgt dafür, dass es keine allzu großen Differenzen bereits in der ersten Klasse gibt, wie es häufig der Fall an deutschen Schulen ist.

Lehrer-Einkommen: Finnen weit hinter Deutschen
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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Und dann: die Lehrer. Niemand wird des Geldes wegen Lehrer in Finnland, auch nicht, weil die Arbeitszeiten kommod sind und der Beamtenstatus so schöne Vorzüge bietet - Lehrer zu sein ist eher eine Berufung. Nur die besten können überhaupt Lehramt studieren. Es gibt strenge Auswahlverfahren, mit denen geprüft wird, ob der Kandidat überhaupt pädagogisch geeignet ist. Ganz wichtig ist die richtige Einstellung zum Lehrerberuf.

Deshalb sind die Lehrer oft sehr gewissenhaft und versuchen mit aller Kraft, ihre Ziele zu erreichen. Tief verinnerlicht haben sie die Einstellung: Jedes Kind ist wertvoll. Und wenn das so ist, dann interessiere ich mich für jedes Kind und seinen Lernerfolg.

"Das Allerwichtigste bei der Schulsystemfrage ist nicht, wie lange die Kinder zusammenbleiben, sondern wie die Kinder unterrichtet werden und wie die Ausbildung der Lehrer ist. Und der Unterricht kann durchaus in denselben Wänden stattfinden, das hat ja Pisa bewiesen", sagte Professorin Liisa Keltikangas-Järvinen SPIEGEL ONLINE - auch die Begabten könnten sich innerhalb dieses Schulsystems genug entfalten.

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