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Freiwillige Helfer: Abenteuerurlaub auf Staatskosten?

Von Sebastian Erb

"Weltwärts" oder "Kulturweit", FSJ, Freiwilligen- oder Zivildienst - das Chaos bei den Auslandsprogrammen zu beenden, gelingt der Bundesregierung nicht. Tausende Jugendliche ziehen damit in die weite Welt hinaus. Manche zweifeln selbst daran, ob ihre Arbeit in Entwicklungsländern wirklich sinnvoll ist.

Querweltein: Abenteuerurlaub auf Staatskosten? Fotos
Rebecca Bischoff

Nils Bienzeisler heißt jetzt Thabo, auf deutsch heißt das "glücklich". Er hat seinen neuen Namen vom Chef des Dorfes bekommen, so ist es üblich in Lesotho. Vor ein paar Monaten hat er in der Nähe von Bremen Abitur gemacht und wollte hinaus in die Welt, Neues kennenlernen und gleichzeitig Gutes tun. "Ich will mal wirklich gefordert werden", sagte er.

Aber von wem? Der 19-Jährige hätte ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) auf den Philippinen machen können. Oder einen Hilfsjob als "Kulturweit"-Botschafter, etwa am Goethe-Institut in Buenos Aires. Bienzeisler entschied sich für eine "Weltwärts"-Stelle, angeboten vom Deutschen Entwicklungsdienst. In Deutschland besuchte er ein Vorbereitungsseminar, flog ins südliche Afrika und arbeitet jetzt in einer Vorschule mit. Er spielt mit den Kindern - viele davon Aids-Waisen - und legt Gemüsebeete an.

Tausende solcher Stellen im Ausland finanziert die Bundesrepublik für ihre jungen Bürger, gleich mehrere Bundesministerien bieten Programme an. Auslandsdienste - auch als Ersatz für den Zivildienst - gibt es zwar schon länger, aber jetzt sind sie ein staatlich gefördertes Massenphänomen. Vor drei Jahren schickte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit dem "Weltwärts"-Programm zum ersten Mal junge Leute in Entwicklungsländer, 4400 sind es in diesem Jahr.

Durcheinander von staatlich geförderten Freiwilligendiensten

Das Programm erfreut sich großer Nachfrage - und ist immer wieder Kritik ausgesetzt: Leisten die jungen Freiwilligen einen sinnvollen Beitrag in der Entwicklungshilfe? Oder wird ihnen vom Staat ein Abenteuerurlaub in der Armut bezahlt?

Seit 2009 reisen Jugendliche fürs Auswärtige Amt unter dem Namen "Kulturweit" in die Ferne, knapp 400 sind es 2010. Das "pädagogisch begleitete" Programm samt Vor- und Nachbereitungsseminar wirbt auf bunten Fotos mit Einsatzgebieten von China bis Costa Rica. Nach Auffassung der Diplomaten bringen Freiwilligendienste "eine Menge Spaß" und helfen "die fremde wie auch die eigene Kultur kritisch zu hinterfragen".

Auch das Familienministerium will nicht fehlen. Ab Januar bietet Ministerin Kristina Schröder (CDU) einen eigenen "Internationalen Jugendfreiwilligendienst" an. Damit sollen pro Jahr 1200 junge Menschen in die Welt geschickt werden. Förderung: 250 Euro pro Kopf und Monat. Das FSJ im Ausland, auch beim Familienministerium angesiedelt, besteht daneben weiter.

Die staatlich geförderten Freiwilligendienste bilden eine unübersichtliche Gemengelage: Die Höhe der Förderung und das Taschengeld sind unterschiedlich, die Vorgaben an die Trägerorganisationen sind mal strenger, mal weniger streng. Manche Dienste unterliegen der Sozialversicherungspflicht, andere nicht.

Stellen nicht immer für Jugendliche geeignet

Eigentlich wollte die Bundesregierung das Chaos beenden und Freiwilligendienste einheitlicher regeln; so steht es im Koalitionsvertrag. Aber vom angekündigten "Freiwilligendienstestatusgesetz" gibt es nicht einmal einen Referentenentwurf. Inwieweit der von Schröder geplante freiwillige Zivildienst mit einbezogen werden soll, ist unklar. Gegen eine Bündelung der Zuständigkeit für alle Dienste beim federführenden Familienministerium wehren sich vor allem Schröders Kabinettskollegen Dirk Niebel vom BMZ und Außenminister Guido Westerwelle (beide FDP).

Solange das Durcheinander anhält, nutzen die von den Ministerien betrauten Entsendeorganisationen - es handelt sich um einige hundert - den Freiraum nach Kräften aus. Die Nachfrage bei Schulabgängern ist schließlich groß, die öffentlichen Etats sind attraktiv.

Immer wieder werden Einsatzländer aus Sicherheitsgründen von der Liste gestrichen, oder es gibt Probleme bei der Visa-Vergabe. Zuletzt konnten Freiwillige nicht nach Brasilien ausreisen, da die Südamerikaner darauf pochen, dass nur Fachkräfte mit Berufserfahrung ein Visum bekommen, um sich sozial zu engagieren. Deshalb müssen oft neue Einsatzstellen her. Und nicht immer sind die auch für Jugendliche geeignet.

"Für solche Stellen keine Steuergelder ausgeben"

Sarah Fey, 21, aus Frankfurt war mit der Organisation AFS als "Weltwärts"-Freiwillige in Peru. Sie arbeitete in einem Heim für jugendliche Mütter, am Anfang voller Idealismus, aber dann kam die Ernüchterung. Entweder hatte sie nichts zu tun, oder sie war überfordert. Wie sollte sie, ohne psychologische Ausbildung, mit Vergewaltigungsopfern umgehen?

Die Leiterin des Mütterheims habe gar kein Interesse an deutschen Freiwilligen gehabt, sagt Fey. Nach acht Monaten flog sie frühzeitig nach Hause zurück. "Für solche Stellen darf man doch keine Steuergelder ausgeben", sagt sie. Eine Sprecherin von AFS betont, die Stellen würden "sehr sorgfältig" ausgesucht und vom BMZ geprüft.

Fionn Ziegler, 23, hatte zwar Glück, denn die Nichtregierungsorganisation in der Dominikanischen Republik, bei der er arbeitete, konnte seine Kenntnisse als Fachinformatiker gut gebrauchen. Doch er sei die Ausnahme gewesen, sagt er. "Viele deutsche Freiwillige hatten nicht wirklich etwas zu tun." In Ruanda machte die Geschichte von Freiwilligen die Runde, die in der Hauptstadt Kigali in einer WG feierten und ansonsten keine rechte Aufgabe fanden. Interkulturelles Lernen fällt dann natürlich schwer.

Nur bei den zuständigen Ministerien sind solche Erkenntnisse nicht unbedingt angekommen. Das BMZ zum Beispiel kennt die Einsatzstellen für seine Freiwilligen oft nur aus den mitunter wolkigen Beschreibungen. Immerhin: Momentan wird das "Weltwärts"-Programm evaluiert, Mitte 2011 sollen Ergebnisse vorliegen.

Energiegeladene Deutsche überfordern ausländische Organisationen

Ein Qualitätssiegel für die Freiwilligendienste gibt es zwar, vergeben von der gemeinnützigen Agentur Quifd; es ist aber nur begrenzt aussagekräftig. Für eine Vor-Ort-Prüfung der Einsatzbedingungen gebe es "bislang keine Finanzierungsmöglichkeit", sagt Quifd-Geschäftsführerin Ana-Maria Stuht.

Dass gut gemeint nicht unbedingt gut gemacht bedeutet, hat Brigitte Schwinge herausgefunden, als sie kürzlich für den Verein South African German Network mit BMZ-Finanzierung die Wirkung von "Weltwärts" in Südafrika erforschte. Nicht alle Partnerorganisationen vor Ort kämen mit den Freiwilligen des Niebel-Ministeriums zurecht, sagt die Psychologin. "Manche sind mit den energiegeladenen jungen Deutschen einfach überfordert."

Kann es sein, dass "Weltwärts" seinen Zweck verfehlt? Nein, sagen die Vertreter von Entsendeorganisationen und BMZ. Schließlich würden keine Entwicklungshelfer in die Welt geschickt. Sondern junge Leute, die mit wertvollen Erfahrungen nach Deutschland zurückkämen. Knapp 200 dieser ehemaligen Auslandsfreiwilligen haben sich im Sommer auf einer Konferenz getroffen. Sie möchten ihre Erfahrungen im Ausland nicht missen und diese weitergeben. Aber sie möchten auch, dass nicht zu viele Freiwillige in die Welt geschickt werden. "Qualität vor Quantität", forderten sie.

Ihr Wunsch wird zumindest zum Teil Gehör finden, wenn auch aus einem schlichten Grund. In diesem Jahr schon war das "Weltwärts"-Budget kleiner als ursprünglich geplant. Von den 30 Millionen Euro, die für 2011 vorgesehen sind, wurde darum ein Teil schon ausgegeben. Jetzt muss gespart werden - und wohl weniger Jugendliche können ihren Dienst antreten.

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1. alos, wenn
sitiwati 08.11.2010
ich lese, dass Ersatzdienst in Indonesien abgerissen werden kann, aber hallo, da möchte man glatt nochmal 20 sein!
2. Mein Profil
air plane 08.11.2010
Zitat von sysop"Weltwärts" oder "Kulturweit", FSJ, Freiwilligen- oder Zivildienst - das Chaos bei den Auslandsprogrammen zu beenden, gelingt der Bundesregierung nicht. Tausende Jugendliche ziehen damit in die weite Welt hinaus. Manche zweifeln selbst daran, ob ihre Arbeit in Entwicklungsländern wirklich sinnvoll ist. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,726593,00.html
"in die welt hinaus schicken"; "kommen dann mit vielen erfahrungen hierher zurück" ... wenn ich sowas schön höre! also das ganze so eine art sozio-politischer bildungstrip? die bio interessanter gestalten mit "auslandsaufenthalt von ... bis"? dazu ein bisschen slumtourismus? dann aber doch lieber von den eltern (sicher meist gutsituiert) bezahlen lassen.
3.
Gabri, 08.11.2010
Das Geld sollte sinnvoller dafür verwendet werden, viel mehr Studenten oder Azubis Auslandsaufenthalte während des Studiums/der Ausbildung kostendeckend zu finanzieren. Würde den jungen Leuten letzten Endes wesentlich mehr bringen, wenn sie im angestrebten Beruf zusätzliche Erfahrungen mit dem Blick über den Gartenzaun verbinden könnten, ohne wertvolle Zeit zu verschwenden und die Entwicklungsländer wären die unqualifizierte Belastung los. Aber vermutlich wird das ungehört verhallen, denn letzten Endes sind die Auslands-Freiwilligendienste nur die Ausweich-Schickimicki-Version der erweitert geplanten Zwangsrekrutierung von Schulabgängern in die Inlands-Sozialdienste zum zukünftigen Ersatz der Zivis.
4. x
Jochen Binikowski 08.11.2010
Wir betreiben hier auf den Philippinen ein ziemlich großes Experimentier - Farmprojekt. Vor einigen Monaten schrieb mich ein Agrarstudent aus Wien an, ob er bei uns 6 Wochen Praktikum machen kann, er bezahlt auch seinen Flug und Taschengeld selber. Da wir erstmals jemanden mit wissenschaftlichen Hintergrund auf der Farm hatten wurden diese 6 Wochen zu einer grandiosen Erfolgsstory für alle Beteiligten. Seitdem sind wir in der Lage, eigenständig wissenschaftlich korrekt Experimente zu entwerfen, dokumentieren und auszuwerten. Der Volunteer meinte dann, dass er in den 6 Wochen mehr gelernt hat als in den 2 Jahren auf der Uni. Unsere Arbeiter hatten ihn derart ins Herz geschlossen dass sie ihn am liebsten ganz dabehalten hätten und für mich war er wie ein Sohn im Haus. Geld von irgendwelchen Ministerien usw. gab es nicht. Das brauchen wir auch nicht denn wir suchen bereits einen Nachfolger zu ähnlichen Konditionen.
5. Jetzt kommt wieder die Auslands-Neiddebatte
dampfmaschin 08.11.2010
Bei aller berechtigten Kritik an der Philosophie von "weltwärts" und "kulturweit", wer glaubt, dass Auslandsaufenthalte während des Studiums oder der Ausbildung dazu geeignet seien, die Menschen flexibler, toleranter, selbständiger, kritikfähiger, konstruktiver, mutiger, entscheidungsfreudiger zu machen oder gar meint, dass man so auch diejenigen mitnimmt, die kein Geld für teure Schickimicki-Neuseeland-Kandada-Australien-11.Schulklasse-Aufenthalte hatten, der irrt. Freiwilligendienste sind eine Riesenchance für Jugendliche, das ist beforscht und nachgewiesen (Uni Regensburg, FH Köln, FH Koblenz, CAP an der Uni München, div. EU-Studien usw), sie sind nicht besonders teuer, vor allem im Vergleich zum ineffizienten, verkrusteten formale-Bildung-Verwaltungsapparat genannt Schule. Schlecht an weltwärts und kulturweit ist vor allem, dass sie von Anfang an nicht vorgesehen haben, dass auch Menschen aus anderen Kulturkreisen die Möglichkeit haben, hier in Deutschland einen Freiwillgendienst zu absolvieren. Das ist leider eher kolonialistisch angehauchtes Denken. Europäischer Freiwilligendienst und FSJ sind da moderner.
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Als junger Helfer raus in die Welt
"Weltwärts" - entwicklungspolitischer Freiwilligendienst
Viele junge Menschen haben Interesse an einer ehrenamtlichen Arbeit in Entwicklungsländern. 2008 startete das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung daher den Freiwilligendienst "Weltwärts", aus öffentlichen Mitteln gefördert.
Die Ziele von "Weltwärts"
"Lernen durch tatkräftiges Helfen" ist das Motto des Freiwilligendienstes. "Weltwärts" soll das entwicklungspolitisches Engagement fördern und jungen Menschen einen interkulturellen Austausch in Entwicklungsländern ermöglichen. Durch die Arbeit mit Projektpartnern vor Ort in den Entwicklungsländern sollen sie lernen, globale Abhängigkeiten und Wechselwirkungen besser zu verstehen. Den Projektpartnern soll der Einsatz im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe zugutekommen. "Weltwärts" soll gegenseitiges Verständigung, Achtung und Toleranz fördern.
Für wen ist "Weltwärts"?
Mit "Weltwärts" können junge Menschen im Alter von 18 bis 28 Jahren für 6 bis 24 Monate in Entwicklungsländern arbeiten. Sie werden durch die Entsendeorganisationen auf ihren Einsatz vorbereitet und während der gesamten Zeit ihres Freiwilligendienstes begleitet. Die Arbeitsfelder umfassen das gesamte Themenspektrum der aktuellen Entwicklungszusammenarbeit.
Die Akteure
"Weltwärts" wird durch das Entwicklungshilfeministerium finanziert. Eine Vielzahl von Entsendeorganisationen arbeitet mit Projektpartnern vor Ort zusammen.
Was kostet "Weltwärts" die Teilnehmer?
Das Ministerium übernimmt für die Freiwilligen alle wesentlichen Kosten. Die Entsendeorganisationen erheben weder Vermittlungsgebühren noch Aufwandsentschädigungen. Die Freiwilligen erhalten eine angemessene und ortsübliche Unterkunft und Verpflegung, dazu ein Taschengeld von monatlich 100 Euro. Hinzu kommen Erstattung der Reisekosten, Versicherung, Seminare etc. Von den Freiwilligen wird jedoch erwartet, dass sie sich schon vor der Ausreise für das Partnerprojekt ihrer Entsendeorganisation einsetzen, zum Beispiel durch Info-Veranstaltungen, das Sammeln von Spenden, die Gründung privater Förderkreise oder andere Aktionen.

Der Andere Dienst im Ausland
Der "Andere Dienst" dauert mindestens zwei Monate länger als der Zivildienst, also momentan elf Monate. Er muss vor Vollendung des 23. Lebensjahres angetreten werden und das friedliche Zusammenleben der Völker fördern. Die Tätigkeit soll in einer praktischen Arbeit im sozialen Bereich bestehen. Sie wird unentgeltlich und über einen staatlich anerkannten Träger abgeleistet.
Es gibt viele verschiedene Vereine, die Projekte in den unterschiedlichsten Ländern anbieten. Das Bundesamt für Zivildienst hat eine Liste mit den wichtigsten Anbietern erstellt. Die meisten Vereine haben eigene Webseiten, auf denen man häufig auch Erfahrungsberichte von ehemaligen Freiwilligen finden kann.
Im Gegensatz zum Zivildienst in Deutschland werden die Auslandsdienste nur selten bezahlt. In der Regel kommt der Trägerverein nur für Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung auf. Um die sonstigen Kosten zu finanzieren, muss man oft einen Förderkreis aufbauen. Das erfordert etwas Einsatz, ist aber durchaus machbar. Als Sponsoren eignen sich nicht nur die Familie und Bekannte, sondern zum Beispiel auch Bezirkspolitiker, ansässige Firmen oder gemeinnützige Vereine wie der Lions-Club.

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