Härtetest in China: Tragt zur Prüfung bitte Sport-BH

Abschlussprüfungen in China: Beten für die Kinder Fotos
REUTERS/Stringer

Die wichtigste Prüfung im Leben chinesischer Schüler läuft: Neun Millionen Jugendliche schreiben Gaokao, die gefürchteten Abschlusstests. Eltern gehen deswegen in Tempel, Behörden sperren Straßen und Schüler achten besonders auf ihre Kleidung.

Schweißausbrüche, Panik und bloß kein Metall: Mehr als neun Millionen Schüler schreiben in China ab Freitag Gaokao. Die berüchtigte Abschlussprüfung dauert in der Regel zwei Tage und entscheidet darüber, ob die Schüler überhaupt eine Universität besuchen dürfen - und wenn ja, welche. Schon wenige Punkte in der Prüfung können dabei den Unterschied ausmachen zwischen einer renommierten und einer Mittelklasse-Uni. Es geht um etwa sieben Millionen Studienplätze.

Die Prüfung versetzt China in einen Ausnahmezustand: Bauarbeiten in der Nähe von Schulen werden gestoppt. Gepanzerte Fahrzeuge liefern die Zettel mit den Fragen an, bewacht von bewaffneten Sicherheitsleuten. Und schummeln soll natürlich auch keiner. Wer erwischt wird, bekommt einen Akteneintrag, sichtbar für künftige Arbeitgeber und Universitäten. Schlimmstenfalls droht bei einem Betrugsversuch sogar Gefängnis.

Sport-BH und Hosen ohne Reißverschluss

Wie die "Global Times" berichtet, wird sogar die Unterwäsche der Schüler kontrolliert. Um "drahtlose Schummelgeräte" aufzuspüren ließen die Behörden an den Prüfungszentren Metalldetektoren installieren, berichtet die Zeitung. Schülerinnen dürfen beispielsweise keine metallenen BH-Verschlüsse tragen. Über den richtigen Dresscode informierten vorher die Lehrer: Sport-BH, Hosen mit elastischem Bund statt Reißverschluss und Schuhe ohne Metallösen.

Wer aus medizinischen Gründen Metall am Körper trage, wie etwa einen Herzschrittmacher, soll ein ärztliches Attest mitbringen. Für alle anderen gilt: Wer Metall trägt, geht heim.

Auch zu spät kommen darf niemand, ansonsten fällt er automatisch durch. Um das zu vermeiden, reservierte die Stadt Guangzhou im Süden des Landes Fahrspuren für diejenigen, die Schüler zum Gaokao brachten. In Shanghai reservierten besorgte Eltern schon eine Woche vor der Prüfung ein Taxi - manchmal sogar mit Sonderbestellung: Nummernschilder mit Zahlen wie vier (wird verbunden mit dem Tod) und sechs (bringt Unglück für das Examen selbst) sollten doch bitte vermieden werden. Hotels rund um die Examensschauplätze sind ausgebucht, zur Not zahlen die Spätbucher auch Fünfsternehotels für ihre Kinder.

Das Problem: Starke Regenfälle haben die Prüfungen beeinträchtigt. Wegen des starken Regens am Freitagmorgen kamen einige Schüler laut Angaben des staatlichen Radios zu spät zur ersten Klausur - und durften den Prüfungsraum dann nicht mehr betreten. Sie konnten zwar noch an den Tests in weiteren Fächern teilnehmen, aber die Punkte für die erste Prüfung waren verloren.

In sozialen Netzwerken wurde daraufhin gestritten, ob die Prüfer zu hart entschieden haben. Während einige Nutzer für Nachsicht mit den Zuspätkommenden plädierten, stellten sich andere hinter die Entscheidung der Lehrer. Sonst wäre die Prüfung unfair für die anderen Schüler, argumentierten einige.

Andere profitieren von dem Hype um Gaokao: So gibt es eigens für Gaokao Schreibwaren, T-Shirts und sogar spezielles Essen. Eltern würden alles für ihre Kinder kaufen, solange es ihnen die kleinste Hoffnung gebe, dass ihre Kinder in den Prüfungen damit besser abschneiden, berichtet die "Global Times". Im ganzen Land gingen Eltern sogar in Tempel, um durch Opfergaben einen Prüfungserfolg für ihren Nachwuchs zu erbitten.

Den ganzen Stress wollen sich immer mehr Schüler ersparen. Jedes Jahr sinke die Zahl der Teilnehmer um zehn Prozent, zitiert die "Global Times" den Pressesprecher des Bildungsministeriums Xu Mei. So sagte etwa die Schülerin Feng Sufei im chinesischen Radio: "Meine Noten kommen nicht an die meiner Klassenkameraden heran." Ihre Eltern sind Wanderarbeiter in der Provinz Jiangsu. "Selbst wenn ich den Gaokao bestehen könnte, wäre ein Studium vergeudete Zeit und würde eine große Belastung für mich und meine Familie bedeuten." Manche arbeiten deswegen direkt nach der Schule, andere studieren im Ausland.

Wobei Liu Baocun, Professor an der Normal University in Peking, nicht recht an einen Trend glauben mag. Dieses Jahr sei die Jobsuche für Universitätsabsolventen zwar sehr schwer, sagt er. "Auf lange Sicht ist Gaokao aber zentral für die Karriere und Jobsuche."

juj/dpa/AFP

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1. 9 Millionen in einem Jahr
heinz4444 07.06.2013
Und ein Großteil wird hart und effizient studieren um dann sein Können der Chinesischen Wirtschaft und Forschung zur Verfügung zu stellen. Und wieviele gute Schüler verlassen in Deutschland die Schule? Viele Deutsche Schüler schaffen es nichtmal,einen Ausbildungstest für einen Lehrberuf zu bestehen. Den Rest kann sich jeder schon mit wenig Fantasie selbst ausmalen.
2. ...
sponnerd 07.06.2013
Zitat von heinz4444Und ein Großteil wird hart und effizient studieren um dann sein Können der Chinesischen Wirtschaft und Forschung zur Verfügung zu stellen. Und wieviele gute Schüler verlassen in Deutschland die Schule? Viele Deutsche Schüler schaffen es nichtmal,einen Ausbildungstest für einen Lehrberuf zu bestehen. Den Rest kann sich jeder schon mit wenig Fantasie selbst ausmalen.
Ihre Interpretation ist sehr chinafreundlich. Es handelt sich um 9 Millionen Schulabgänger in diesem Jahrgang, die sich auf 7 Millionen Studienplätze für dieses Jahr bewerben. Für mich besteht hier ein klares Mißverhältnis oder glauben Sie ernsthaft, daß in irgendeinem Land der Welt tatsächlich 70% der Schüler geeignet sind für ein Hochschulstudium? Wer soll in einem solchen Land noch die Arbeit tun, für die man kein Studium benötigt? Ich würde vielmehr annehmen, daß das umgekehrte Verhältnis, also ca. 30% Universitätsstudenten je Schülerjahrgang, angemessen wäre. Oder aber man studiert und wird dann trotzdem nur Lohnsklave bei Foxconn. Zufriedenheit in der eigenen Bevölkerung wird dies aber kaum bewirken!
3.
heinz4444 07.06.2013
Zitat von sponnerdIhre Interpretation ist sehr chinafreundlich. Es handelt sich um 9 Millionen Schulabgänger in diesem Jahrgang, die sich auf 7 Millionen Studienplätze für dieses Jahr bewerben. Für mich besteht hier ein klares Mißverhältnis oder glauben Sie ernsthaft, daß in irgendeinem Land der Welt tatsächlich 70% der Schüler geeignet sind für ein Hochschulstudium? Wer soll in einem solchen Land noch die Arbeit tun, für die man kein Studium benötigt? Ich würde vielmehr annehmen, daß das umgekehrte Verhältnis, also ca. 30% Universitätsstudenten je Schülerjahrgang, angemessen wäre. Oder aber man studiert und wird dann trotzdem nur Lohnsklave bei Foxconn. Zufriedenheit in der eigenen Bevölkerung wird dies aber kaum bewirken!
30 % sind aber auch noch 2 700 000. Und natürlich werden viel auch Berufe ergreifen,ohne Studium. Schließlich muß China über kurz oder lang zusätzlich zu seinen Exporten auch den Bedarf an Konsumgütern für seine 1,3 Milliarden Menschen decken. Die Schere zwischen Arm und Reich muß sich in China weiter schließen,sonst versinkt das Land aufgrund der sozialen Ungerechtigkeit und Benachteiligung in einem riesigen Volksaufstand. Die dortigen Armen haben nichts zu verlieren,nichtmal etwas wie Hartz IV.
4. unmenschlich
sillyvalley 07.06.2013
Begabungen sind zu kompliziert um sie mit einem Test abzufragen. Es handelt sich um ein Sortieren, was nicht funktionieren würde, wenn man dem einzelnen mit mehr Respekt begegnen würde. Parktisch für die Regierenden, aber schlimm für das Volk. Das wissen die Chinesen auch, aber was sollen sie machen? Das System ist da. Ein grosser Grund, China sehr kritisch zu bewerten.
5. Geistiges Handwerkszeug
unpolit 07.06.2013
Zitat von sillyvalleyBegabungen sind zu kompliziert um sie mit einem Test abzufragen. Es handelt sich um ein Sortieren, was nicht funktionieren würde, wenn man dem einzelnen mit mehr Respekt begegnen würde. Parktisch für die Regierenden, aber schlimm für das Volk. Das wissen die Chinesen auch, aber was sollen sie machen? Das System ist da. Ein grosser Grund, China sehr kritisch zu bewerten.
Glauben Sie mir, auch im Reich der Mitte gibt es sehr fähig Entscheider, die wissen, was mit diesen Test erreicht werden kann. Sicher nicht begabung. Aber mindestens das Rüstzeug für eine akademische Laufbahn, also das Beherrschen von Schrift und Sprache, Mathematik und Logik, diverses Basis-Wissen. Und dann kommt dann noch hinzu der Wille, etwas zu leisten. Was nützen mir all die "Hochbegabten" Kinder in Deutschland, die mit der Schule angeblich unterfordert sind, aber nicht mal in der Lage sind, sich durch eine etwas komplexere Themenstellung durchzubeissen. Möglicherweise auch deshalb, weil das Kleine Einmaleins zu trivial erschien. Übrigens, ähnliches passiert auch im Südosten der EU, auch da gibt es junge Menschen mit Begabung und dem Willen, aus dieser auch mehr zu machen als Elternleistung-Aufzehrer. Und die sind uns näher als uns lieb sein mag.
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