17-jährige Mode-Bloggerin: Ich, ich, ich
Selbst Miuccia Prada und Karl Lagerfeld sind beeindruckt: Tavi Gevinson, 17, scharte mit ihrem Mode-Blog Zehntausende Online-Fans um sich. "Millennials" heißt die Jugend in den USA, die eine Welt ohne Blogs und Twitter nicht kennt.
Als sie gerade das Teenager-Alter erreicht hatte, sah Tavi Gevinson schon aus wie eine Großmutter. Absichtlich. Die Haare grau-blau gefärbt und mit aufgemalten Falten unter den - hinter dicken Brillengläsern versteckten - Augen, versank das zierliche junge Mädchen fast in ihren sackartigen Jacken.
"Ich mag deine Haarfarbe", sagte Stardesigner Karl Lagerfeld zu ihr, als er die damals 14-Jährige 2010 bei einer Modenschau in Paris traf. "Normalerweise haben Kinder, also junge Menschen, nicht so eine Haarfarbe." Gevinson bedankte sich artig. "Oh, danke, das sehe ich auch so."
Ein kurzer Plausch hinter den Kulissen der Haute-Couture-Schauen mit Designern wie Lagerfeld war für die 17 Jahre alte Gevinson nichts Ungewöhnliches. Seit sie elf war, schrieb die Schülerin aus der Kleinstadt Oak Park im US-Bundesstaat Illinois einen Mode-Blog mit Zehntausenden Lesern und reiste für Modenschauen um die Welt.
Gevinson war außergewöhnlich erfolgreich, aber was sie machte, ist recht normal für ihre Generation, die in den USA als "Millennials" bezeichnet wird: Zwischen 1980 und 2000 sind sie geboren und mit Computern und Handys aufgewachsen. Sie verschicken und bekommen durchschnittlich 88 SMS am Tag und zeigen wenig Interesse an Religion, Politik oder Jobs mit viel Verantwortung, dafür viel Interesse an sich selbst und digitaler Selbstverwirklichung.
So steht es zumindest in den Statistiken unter anderem der US-Gesundheitsbehörde und verschiedener Wissenschaftsinstitute. Mit rund 80 Millionen Menschen gibt es ungefähr so viele Millennials wie Deutsche. Sie bilden die größte Generation aller Zeiten in den USA, wie das Nachrichtenmagazin "Time" vorrechnete.
Als Generation "Ich Ich Ich" beschrieb "Time" sie jüngst in einer viel diskutierten Titelgeschichte und spekulierte offen darüber, ob diese narzisstischen jungen Leute "das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen" herbeibringen oder "uns alle retten" werden.
Bloggen, twittern, auffallen
Millennials "fehlt es an Empathie, die es ihnen erlauben würde, Mitgefühl für andere Menschen zu entwickeln, und sie haben Probleme damit, die Argumente anderer Menschen intellektuell zu verstehen", schrieb das "Time"-Magazin. "Was sie aber können, ist, sich selbst in Marken zu verwandeln." Per Twitter, Facebook und Blog sammeln schon Teenager Tausende Fans. Außergewöhnliches Talent braucht es dafür nicht - Mode-Bloggerin Gevinson schaffte es beispielsweise mit kurzen amüsanten Texten, der kalifornische Teenager Sarah mit dem Spitznamen "Stalker Sarah" mit Dutzenden Fotos, die das Mädchen gemeinsam mit Stars zeigen, und Brent Rivera, ein braunhaariger kalifornischer Teenager, dessen Aussehen an Justin Bieber erinnert, einfach nur mit Fotos von sich selbst in allen Lebenssituationen.
Aber all das zeigt auch eine andere Seite der Millennials: Sie sind liebenswert, optimistisch und pragmatisch. "Ihr positives Denken hat mich wirklich überrascht", sagt Shane Smith, Internetunternehmer und Chef des "Vice"-Magazins. Und auch das in den USA sehr bekannte Fernsehmoderatoren-Urgestein Tom Brokaw lobt die Millennials. "Ihr großes Mantra ist es, die Konventionen anzugreifen. Neue und bessere Wege zu finden, die Dinge zu machen."
Aus der digitalen Welt, mit der sie aufgewachsen sind, holen viele Millennials das Beste heraus - was für einige trotz winzigem Startkapital großen Reichtum zur Folge hatte. Auch Facebook-Gründer und Milliardär Mark Zuckerberg - geboren 1984 - ist schließlich Teil dieser Generation.
Selbst Miuccia Prada war beeindruckt
Gevinson hat gerade ein neues Projekt angepackt, eine Onlinezeitschrift namens "Rookie Magazine". Teenager feiern die 17-Jährige, auf deren Großmutter-Phase Dutzende andere Mode-Ideen gefolgt waren, als Style-Ikone, die "New York Times" kürte sie zum "Orakel der Mädchenwelt" und selbst Designerin Miuccia Prada zeigte sich "beeindruckt". "Sie ist so jung und deswegen ist ihre Mix-Vision von alter und zeitgenössischer Mode so interessant und unerwartet."
Unerwartet kam dann auch ihre Ankündigung im April dieses Jahres, künftig nicht mehr über Mode zu schreiben und sich überhaupt mehr auf die Schule und ihren Freund zu konzentrieren. "Ich glaube nicht, dass ich noch viel zu sagen habe. Oder besser gesagt: Ich möchte es künftig im Privaten sagen", schrieb die 17-Jährige auf ihrem Blog. Die souveräne Entscheidung einer Individualistin. Typisch Millenial eben.
Christina Horsten/dpa/cpa
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