Frühstück an britischen Schulen: Es ist die wichtigste Mahlzeit, ist es nicht?

Mit Saft, Müsli und Milch sollen britische Grundschüler erfolgreicher in der Schule werden. Weil viele Eltern ihre Kinder ohne Pausenbrot zum Unterricht schicken, startet eine Küstenstadt dem "Guardian" zufolge jetzt ein großes Projekt: Gratis-Frühstück für alle.

Zweitklässler mit Schulbrot (Archiv): Wie gesund muss Schulessen sein? Zur Großansicht
dapd

Zweitklässler mit Schulbrot (Archiv): Wie gesund muss Schulessen sein?

Die englische Küstenstadt Blackpool gehört zu den ärmsten Regionen in Großbritannien. Jetzt startet die Stadt eine Investition in ihre Jüngsten: Grundschüler sollen Frühstück und Mittagessen umsonst bekommen, berichtet der "Guardian". Damit reagiere der Gemeinderat auf die steigende Zahl von Kindern, die hungrig zur Schule kommen.

Im Januar beginnt dem Bericht zufolge die dreimonatige Pilotphase. Von da an sollen 12.000 Grundschüler in der Schule gratis ein nahrhaftes Frühstück erhalten: Es gibt Saft, Müsli, Toast und ein Milchgetränk. 700.000 Pfund, rund 860.000 Euro, koste die Aktion.

Das Projekt ist einer der bislang umfangreichsten Versuche, ein Problem in den Griff zu bekommen, das viele als eine verschärfte Nahrungsarmut bezeichnen. Besonders einkommensschwache Familien sind davon betroffen. Blackpool ist laut "Guardian" die sechsärmste Gemeinde in Großbritannien, fast ein Drittel der Kinder lebe in Armut. Die Gemeinde schätzt dem Bericht zufolge, dass auch die Kinder aus Familien, die an der Schwelle zur Armut stehen, unzureichend ernährt sind. Selbst Eltern die arbeiten, hätten infolge der Rezession immer weniger finanzielle Möglichkeiten, eine gute, ausgewogene Ernährung ihrer Kinder zu gewährleisten.

Alkohol und Tabak statt Obst und Gemüse

Sollte die Testphase erfolgreich sein, will die Stadt das Projekt dauerhaft weiterführen. Es würde 2,1 Millionen Pfund im Jahr kosten. Zusätzlich soll dann auch ein Gratis-Mittagessen verteilt und auch ältere Schüler miteingebunden werden. "Große Probleme brauchen große Lösungen", sagte der Gemeinderatsvorsitzende Simon Blackburn von der Labour-Partei laut "Guardian". Der Plan sei die schnellste und kostengünstigste Variante, um die zusammenhängenden Probleme von Mangelernährung und wirtschaftlicher Armut in den Griff zu bekommen.

Obgleich die Stadt derzeit mehrere Zehnmillionen Pfund einsparen muss, verteidigte Blackburn das Konzept. Auf seinem Blog schrieb der Politiker: "Wie eine Studie kürzlich zeigte, ist es bei einigen unserer älteren Schüler wahrscheinlicher, dass sie in der vergangenen Woche Alkohol und Tabak konsumiert haben, als dass sie gefrühstückt oder fünf Portionen Obst und Gemüse zu sich genommen haben. Jahrelang haben wir darüber lamentiert - jetzt ist die Zeit, etwas zu tun."

Lehrer verteilen Essen oder Pausen-Geld an ihre Schüler

Bislang versorgen nur zwei oder drei britische Gemeinden ihre Grundschüler mit Gratis-Mahlzeiten. Walisische Grundschulen zum Beispiel stellen für fast alle Kinder ein Frühstück bereit. Lehrer berichten dem "Guardian" zufolge, seit Einführung des Projekts seien die Schüler aufmerksamer, konzentrierter, disziplinierter und würden sich besser benehmen.

In einer anderen Umfrage hatten Dreiviertel der Lehrer Sorge darüber geäußert, dass viele Schüler hungrig in die Schule kämen, ohne Pausenbrot und ohne die Möglichkeit, sich ein Mittagessen zu kaufen. Teilweise bestehe die Nahrung nur aus Süßigkeiten. Zweidrittel gaben an, betroffene Schüler mit Essen oder Geld zu unterstützen. Die Organisation Children's Society fordert eine Aktion wie in Blackpool für das gesamte Land.

Großbritannien bemüht sich seit Jahren um gesünderes Schulessen. Im Jahr 2005 startete Starkoch Jamie Oliver unter großer Medienbeobachtung seine Schulkampagne "Feed me better", die Regierung versprach Hunderte Millionen Euro.

In diesem Jahr hatte außerdem die Aktion einer britischen Schülerin für Aufsehen gesorgt: Die neunjährige Martha Payne aus Schottland hatte fast täglich die teils unappetitlichen und kleinen Kantinenmahlzeiten in ihrer Schule fotografiert und in einem Internettagebuch kritisch bewertet. Millionen Menschen auf der ganzen Welt lasen ihre Einträge, nationale und internationale Medien überhäuften die Familie mit Anfragen.

lgr

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insgesamt 11 Beiträge
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1. 2 Semmeln und entweder 0,5 Liter Milch
si tacuisses 14.12.2012
Zitat von sysopMit Saft, Müsli und Milch sollen britische Grundschüler erfolgreicher in der Schule werden. Weil viele Eltern ihre Kinder ohne Pausenbrot zum Unterricht schicken, startet eine Küstenstadt dem "Guardian" zufolge jetzt ein großes Projekt: Gratis Frühstück für alle. Großbritannien: Grundschüler sollen gratis Frühstück bekommen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/grossbritannien-grundschueler-sollen-gratis-fruehstueck-bekommen-a-872997.html)
oder Kakao. Jeden morgen.
2. Toll für die Kleinen
ces3fe 14.12.2012
Super könnte man auch in Deutschlandeinführen,wenn die Bundesländer sich einigen könnten.Ein Apfel und bischen Milch würden für den anfang auch reichen.
3. Die "Wichtigste" nicht, aber ein Anfang!
GinaBe 14.12.2012
In den 60er Jahren gab es noch die Schulmilch bzw. den Kakao, der für ein geringes Endgeld an die Grundschüler in D. ausgegeben wurde. Damals gab es noch kein Kind, welches ohne Pausenbrot erschien, dieses nicht in Plastikbrotdosen transportiert, sondern noch in Butterbrotpapier eingewickelt. Vielleicht sollten Schulen wie Universitäts- Mensen ausgestattet werden? Das schafft Arbeitsplätze, fördert Solidarität und die Kinder können sicher und gut versorgt werden, wenn es dafür den nötigen politischen Willen gibt. Die Entscheidung dazu dient prophylaktisch Karies und Fettleibigkeit entgegen, wenn bei diesem Schulfrühstück Wert auf Qualität gelegt wird.
4. it's English, oder?
twaddi 14.12.2012
Kleine Englischlektion: das sogenannte question tag wird "oder" bzw "nicht wahr" übersetzt . Sounds much better , doesn't it?
5.
hjm 14.12.2012
Zitat von ces3feSuper könnte man auch in Deutschlandeinführen,wenn die Bundesländer sich einigen könnten.Ein Apfel und bischen Milch würden für den anfang auch reichen.
Unzulässiger Eingriff des Staates in das Erziehungsrecht der Eltern (Art. 6(2) GG). Außerdem müssten sich dazu nicht die Bundesländer einigen, sondern die Schulträger (verschuldete Kommunen) mit dem Bund der Steuerzahler.
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