Fotoserie mit Waisenkindern: "Du bist meine Mama"

Fotoserie: Kindheit im Waisenhaus Fotos
Svetlana Mychkine

Die Wände sind abwaschbar, im Schlafsaal reiht sich Bett an Bett an Bett. So wachsen viele russische Waisenkinder auf. Wie erleben sie diese triste Welt? Die Fotografin Svetlana Mychkine, 24, suchte nach Antworten. Ihr Lohn: ein renommierter Preis. Und fast ein Teddybär.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihre Abschlussarbeit reisten Sie drei Monate durch Russland und besuchten vier Waisenhäuser. Warum haben Sie sich kein fröhlicheres Thema für Ihre Abschlussarbeit ausgewählt?

Mychkine: Einerseits habe ich mich schon früh für die Gestaltung öffentlicher Räume in Russland interessiert. Krankenhäuser, Ämter, Kindergärten - alles ist meist strikt funktional eingerichtet, ohne die geringste persönliche Note. Andererseits interessieren mich Kinder, die in größeren Gemeinschaften aufwachsen. Ich selbst bin ein Einzelkind und dachte immer, dass diese Kinder sehr kontaktfreudig sind, sehr schlagfertig und selbstbewusst.

SPIEGEL ONLINE: Entstanden sind eindrucksvolle, oft sehr traurige Bilder. Übertrug sich diese Stimmung?

Mychkine: In den ersten Tagen ging es mir gar nicht gut, ich war selbst bedrückter als alle Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Kinder im Waisenhaus erlebt?

Mychkine: Insgesamt wirkt ihr Leben sehr gut. Auf den ersten Blick sehen alle sehr glücklich aus, sie lachen und spielen gemeinsam.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen sie damit um, ohne Eltern aufzuwachsen?

Mychkine: Die meisten Kinder sind Sozialwaisen, das heißt, ihre Eltern leben noch. Gerade die Jüngeren glauben fest daran, dass ihre Eltern irgendwann kommen und sie abholen. Gleichzeitig drängen sie sich in den Mittelpunkt, sobald jemand Fremdes in die Einrichtung kommt. So lief ein achtjähriges Mädchen sofort auf mich zu und sagte: 'Du bist meine Mama.' Dann kam sofort das nächste Kind und sagte: 'Nein, sie ist meine Mama.' Und das dritte: 'Nein, meine Mama.' Die Kinder sehnen sich stark danach, von dort wegzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Also täuscht der erste Eindruck?

Mychkine: Viele Kinder fühlen sich sehr einsam, weil ihnen eine Bezugsperson fehlt. Sie leiden auch darunter, dass sie kaum Privatsphäre haben, im Schlafraum beispielsweise steht Bett an Bett an Bett an Bett. Also flüchten sie sich in eine Traumwelt: Sobald sie kurz allein sind, lachen sie nicht mehr, sitzen einfach nur da und gucken in der Gegend herum.

SPIEGEL ONLINE: Und das versuchen Sie in Ihren Bildern einzufangen?

Mychkine: Genau. Zum einen wollte ich die Einsamkeit und Isolation thematisieren. Zum anderen wollte ich Kinder in ihrer Einzigartigkeit mitten im Kollektivismus fotografieren - und gleichzeitig im Kontrast dazu. Die Räume stehen für mich stellvertretend für den Kollektivismus in Russland, der auch heute noch in vielen Köpfen verankert ist.

SPIEGEL ONLINE: Was reizt Sie so daran?

Mychkine: Ich habe die ersten fünf Jahre in Russland gelebt und kenne diese funktionalen öffentlichen Räume aus meiner Kindheit. Die Wände sind beispielsweise mit einer ölhaltigen Farbe angestrichen, so dass sich Schmutz leicht abwaschen lässt. Ich war immer bedrückt und zugleich fasziniert davon. Ich habe mich früh gefragt: Wie lassen sich diese Räume mit dem Lebensraum eines Kindes vereinbaren?

SPIEGEL ONLINE: Offenbar nicht besonders gut.

Mychkine: Für mich passt das zumindest nicht zusammen, die Räume wirken wie eingefroren. Ich möchte aber keine eindeutige Antwort auf die Frage geben. Denn wenn ein Kind von kleinauf dort aufwächst, kennt es auch nichts anderes.

SPIEGEL ONLINE: In jedem Waisenhaus waren Sie etwa zwei Wochen, dann zogen Sie weiter. Wie schwer fiel Ihnen der Abschied?

Mychkine: Es war jedes Mal ein komisches Gefühl, wobei ich zu Beginn gar nicht darüber nachgedacht hatte. Einige Kinder sind mir ans Herz gewachsen - und umgekehrt wohl auch. Ein Mädchen beispielsweise sagte zu mir: "Ich habe was für dich." Sie wollte mir ihren Teddybär schenken, obwohl sie selbst nur zwei Plüschtiere hatte. Ich habe ihn letztlich nicht angenommen, wobei es schwer war, das dem Mädchen beizubringen. Ich habe auch jetzt noch Kontakt zu einigen Kindern und möchte sie gern besuchen, wenn ich Zeit dazu finde.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland kommen Ihre Bilder gut an: Sie werden gerade in der renommierten Ausstellung "Gute Aussichten - Junge deutsche Fotografie" gezeigt. Sie mussten sehr dafür kämpfen, Zugang zu den Waisenhäusern zu bekommen: Ein Jahr haben Sie Kontakte geknüpft. Wie haben die Erzieher vor Ort auf die Fotos reagiert?

Mychkine: Insgesamt recht gut, wobei einige traurig waren, dass die Kinder auf den Bildern so bedrückt aussehen. Viele Erzieher haben die Vorstellung: Ein Kind muss lachen.

Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Schockierend
a.farkas 25.03.2013
das Schockierende an der Bilderstrecke ist für mich, dass man bei vielen der Kinder eindeutige Zeichen des fetalen Alkohol-Syndroms erkennen kann. Russland hat ein Alkoholproblem und gerade hier sind die Auswirkungen entsetzlich.
2.
Franziskus. 25.03.2013
Zitat von sysopSvetlana MychkineDie Wände sind abschwaschbar, im Schlafsaal reiht sich Bett an Bett an Bett. So wachsen viele russische Waisenkinder auf. Wie erleben sie diese triste Welt? Die Fotografin Svetlana Mychkine, 24, suchte nach Antworten. Ihr Lohn: ein renommierter Preis. Und fast ein Teddybär. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/gute-aussichten-svetlana-mychkine-fotografiert-russische-waisenhaeuser-a-888419.html
Ganz schlimme Situation, und keine offizielle Stelle (auch keine Zuwanderungsministerin) kümmert sich darum, bringt ja auch keine Wählerstimmen. Die hilflosesten und unschuldigsten Geschöpfe dieser Welt, nämlich u n s e r e Kinder, werden beiseite geschoben wie lästiger Müll. Man kann nur noch heulen und versuchen, durch private Spenden zu helfen. ( Heulen alleine Hilft nämlich nicht). Auch Touristen in 'exotische' Länder dürften gerne mal neben Schmoren in der Sonne und Nacktbaden ein örtliches Waisenhaus besuchen und eine noble Spende abgeben - aber bitte nicht einen Kleckerbetrag sondern auch mal ruhig etwas großzügiger sein, ein einfacher DVD Player in Schland kostet 20 Euro.- Danach fliegt man gaaanz zufrieden und entspannt zurück im Luxusflieger - mit 2 Mahlzeiten zur Auswahl und wohlklimatisierter Kabine. Kotz.
3.
Käfer63 25.03.2013
Ich habe mir die Fotorstrecke nicht angesehen, da der Bericht alleine für mich schon herzzerreißend genug ist. Als Vater einer 3-jährigen Tochter gibt es für mich nichts schlimmeres als mir vorzustellen das sie irgendwo alleine aufwachsen müsste oder generell das sie Ängsten und Nöten ausgesetzt ist. Da läufts mir Eiskalt den Buckel runter.....
4. heimkind
spon-facebook-10000273691 25.03.2013
musste gerade ein wenig weinen. bin selber Heimkind und kann mich an eine Begebenheit erinnern (vieles verdrängt), in der ich auch auf eine frau zugelaufen bin und sie zur mutter erklärt habe. das beste heim ist nie ein ersatz für eine gesunde Familie. ich trage mit 35 jahren diesen sch..ss mit mir herum. leider dominiert im sozialen Bereich immer noch das administrative das soziale!
5. Bitte weitere Photos...
juergw. 25.03.2013
Zitat von sysopSvetlana MychkineDie Wände sind abschwaschbar, im Schlafsaal reiht sich Bett an Bett an Bett. So wachsen viele russische Waisenkinder auf. Wie erleben sie diese triste Welt? Die Fotografin Svetlana Mychkine, 24, suchte nach Antworten. Ihr Lohn: ein renommierter Preis. Und fast ein Teddybär. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/gute-aussichten-svetlana-mychkine-fotografiert-russische-waisenhaeuser-a-888419.html
aus der Ukraine ,Ungarn ,Rumänien ,Bulgarien,etc.Da sieht es hoffendlich besser aus ? Wohl kaum.Wie sieht das Gegenbeispiel=Altersheim wohl aus.Und nun bitte weiter weinen..
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Zur Person
  • Svetlana Mychkine
    Svetlana Mychkine, geboren 1989, ist eine der Preisträgerinnen von "Gute Aussichten - Junge deutsche Fotografie", einem der bedeutendsten Wettbewerbe für junge Fotografen. Die ausgezeichnete Serie "Zuckerblau" war ihre Bachelorarbeit an der FH Dortmund. Sie reiste dafür drei Monate durch ihre alte Heimat Russland; sie ist dort zur Welt gekommen und hat die ersten fünf Jahre in dem Land gelebt. Derzeit macht sie ihren Master in Fotografie.
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