Widerstand in Weißrussland: Abi an der Untergrundschule

Aus Minsk berichtet André Eichhofer

Widerstand in Weißrussland: Eine Schule im Untergrund Fotos
Mascha Stahlberg

Sie verstecken sich in einem Vorort, denn Diktator Lukaschenko hat ihre Schule verboten: Oppositionelle Lehrer und Schüler betreiben in der Nähe von Minsk ein konspiratives Gymnasium. Hier wird gelehrt, was Freiheit bedeutet.

Wenn Arsen, 16, morgens das Haus verlässt, erzählt er niemandem, wohin er geht. Mit dem Vorortzug fährt er in ein Dorf am Stadtrand von Minsk, läuft an Schrebergärten und Datschen vorbei, bleibt vor einem Backsteinhaus stehen und verschwindet schnell durch ein Gartentor.

Seine Schule, das Weißrussische Humanistische Lyzeum, darf es eigentlich nicht geben. Präsident Alexander Lukaschenko, der Weißrussland diktatorisch regiert, ließ das Gymnasium vor zehn Jahren schließen. Seitdem ist die Schule in einem umgebauten Einfamilienhaus untergebracht - mit Schulbänken im Wohnzimmer und einem Vorgarten als Pausenhof. Die Regierung hält die Schüler für Aufrührer, die Lehrer für Dissidenten. Wer sich in Weißrussland verdächtig macht, Regimegegner zu sein, läuft Gefahr, im Gefängnis zu landen oder gar vom Geheimdienst verschleppt zu werden. Verstecken wollen sich die Schüler trotzdem nicht.

Es ist 9 Uhr morgens, in dem dreigeschossigen Haus herrscht Trubel. 60 Jungen und Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren verteilen sich in sieben Klassenräumen. In der Garderobe hinter dem Eingang stapeln sich Winterjacken, im Wohnzimmer packen Schüler Schreibsachen und Bücher aus. Arsen stapft eine knarrende Holztreppe hinauf; in einem schmalen Raum, der früher ein Schlafzimmer war, beginnt der Englischunterricht. 15 Gymnasiasten haben in dem Zimmer Platz, hinten an der Wand steht ein altes Sofa, darüber klebt eine Landkarte von Weißrussland.

Wie ein Schulbuch Lukaschenko als Helden mystifiziert

"Die Schüler lernen hier in freier Atmosphäre", sagt Wladimir Kolas, 62, Brille, Wollpulli und Weste. Er ist Direktor des Lyzeums und sitzt an einem Couchtisch in der Küche, die als Lehrerzimmer dient. In Belarus zählt Kolas zu den bekanntesten Oppositionellen. Gemeinsam mit anderen Intellektuellen gründete der Filmemacher 1991 das Gymnasium. "Wir wollten eine Schule ohne kommunistische Propaganda." Weil es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine neutralen Lehrbücher gab, schrieben die Lehrer die Unterrichtsmaterialien selbst.

Nachdem Alexander Lukaschenko 1994 das Präsidentenamt übernahm, geriet die Bildungsstätte mit dem Staatsapparat in Konflikt. Der letzte Diktator Europas lässt Kritiker ins Gefängnis werfen, Demonstrationen auseinanderknüppeln und Wahlen fälschen. "Diskussion und freie Meinungsäußerung sind ihm fremd", sagt Kolas. Der Pädagoge nimmt ein Lehrbuch, 120 Seiten dick, in die Hand, es trägt den Titel "Mensch, Gesellschaft, Staat". Das Buch verherrlicht die Sowjetunion, mystifiziert den Staatspräsidenten und ist an staatlichen Schulen Pflichtlektüre. "So etwas gibt es bei uns nicht", sagt der Direktor.

2003 wurde die aufmüpfige Schule vom Bildungsministerium dichtgemacht. "Daraufhin haben wir in Kellern und Wohnungen weiter unterrichtet", erzählt Kolas. Ein Jahr später mietete die Schulleitung das Einfamilienhaus, das durch Beiträge der Eltern finanziert wird.

Lyzeums-Absolvent vom KGB verschleppt

Nach der ersten Stunde laufen die Schüler in den Garten, ein hoher Zaun schützt das Anwesen vor neugierigen Blicken. "Wegen meines Nachnamens habe ich in Weißrussland keine Zukunft", glaubt der Schüler Arsen. Sein Großvater ist ein bekannter Dichter, der wegen seiner Bücher beim Regime in Ungnade fiel. Deshalb will der Junge mit der Sportjacke und dem Kapuzenpulli nach dem Abi zu seiner Tante in die USA auswandern.

Auch andere Absolventen leben im Exil: Franak Viacorka wurde vom Geheimdienst verschleppt und zu 15 Monaten Militärdienst gezwungen, weil er an Anti-Lukaschenko-Demos teilgenommen hatte. Auf der Straße sei Franak von drei Männern in ein Auto gezerrt worden, das ihn in eine Kaserne brachte, erinnert sich der 25-Jährige, der mittlerweile in Prag lebt. Mikita, ein 16 Jahre alter Schüler, saß zwei Wochen im Gefängnis, weil er an einer Protestaktion für Oppositionelle teilnahm.

Trotz Diskussionsrunden und freier Meinungsäußerung - wer im Lyzeum lernt, wird nicht mit Samthandschuhen angefasst. "Die Lehrer haben dich immer im Blick und erwarten, dass du die Hausaufgaben machst", sagt Arsen. Bei nur zehn bis fünfzehn Schülern pro Klasse und insgesamt 17 Lehrern, sei Faulenzen nicht drin.

An einer Glastür steckt ein Zettel mit dem Stundenplan: Chemie, Mathe, Biologie und Physik büffeln die Schüler genauso wie woanders auch. Nur Geschichte und Literatur unterscheiden sich vom Lehrplan an staatlichen Schulen. "Unsere Schüler lernen auch Gedichte von Schriftstellern, die von der Regierung verboten wurden, wie Sergej Zakonnikow oder Wladimir Nekljajew", sagt Direktor Kolas. "In Geschichte behandeln wir nicht die sowjetische, sondern die weißrussische Vergangenheit."

Wer Weißrussisch spricht, gilt als Oppositioneller

In dem schmalen Klassenraum in der zweiten Etage steht Natalia Aliaksandrawa, 28, vor der Tafel. Die Englischlehrerin ging früher selbst auf das Lyzeum. "Ich war schon damals von der Schule begeistert und wollte hier unbedingt unterrichten." Für den Job bekommt sie etwa das gleiche Gehalt wie Lehrer an staatlichen Schulen. Was für Aliaksandrawa besonders wichtig ist: "Wir unterrichten ausschließlich in Weißrussisch." In Belarus beherrschen nur zwölf Prozent der Bevölkerung die Landessprache - in Schulen, Behörden und im Alltag wird Russisch gesprochen. "Wir wollen unsere Kultur pflegen", sagt Aliaksandrawa, "und die Sprache gehört nun mal dazu."

Wie explosiv der Streit um die Landessprache ist, erklärt Schüler Pawel, 16, an einem Beispiel: "Wenn du auf der Straße Weißrussisch sprichst und die Polizei bekommt das mit, halten sie dich für einen Oppositionellen." Der Jugendliche mit der grünen Jacke und den kurzen Haaren befürchtet, dass sich der Nachbar Russland Belarus Stück für Stück einverleibt. Um den russischen Einfluss zu bremsen müsse das Bewusstsein für die eigene Kultur gestärkt werden, findet Pawel.

Nach der 11. Klasse werden er und Arsen die Abi-Prüfung im Lyzeum ablegen, vom Staat anerkannt ist das Examen jedoch nicht. Weil die Gesetze Privatunterricht erlauben, können die Schüler die "richtige" Prüfung vor einer Kommission nachholen. Wegen des hohen Niveaus im Lyzeum schaffen das die Absolventen locker. Nach dem Abi gehen die meisten an die Uni, polnische Universitäten vergeben sogar Stipendien an Lyzeumsschüler.

Ihrem Land den Rücken kehren wollen die meisten Schüler nicht. "Wenn ich könnte, würde ich zurückkommen und etwas für Belarus tun", sagt Arsen, der in den USA Jura studieren und Rechtsanwalt werden möchte. Pawel will Architekt werden und später in Minsk arbeiten. Alisa, 15, wünscht sich, "dass in Zukunft Weißrussisch wieder echte Landessprache wird".

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Die menschliche Sehnsucht nach Freiheit
NorthernOak 12.02.2013
kann nicht durch Diktatoren erstickt werden, auch wenn der Weg oft lang ist, sich zu befreien.
2. ?! Untergrund?
schwarzeruhu 12.02.2013
Also wenn die Weissrussischen Behoerden, die Schule und die Leute nach diesem Artikel nicht finden, weiss isch auch nicht. Sind Sie sicher, dass Sie die Leute mit den Fotos nicht in Gefahr bringen?
3. Das frage ich mich auch!
polonium 12.02.2013
Zitat von schwarzeruhuAlso wenn die Weissrussischen Behoerden, die Schule und die Leute nach diesem Artikel nicht finden, weiss isch auch nicht. Sind Sie sicher, dass Sie die Leute mit den Fotos nicht in Gefahr bringen?
Spiegel Redaktion, ich bitte Sie um Erklärung. Wenn Sie diese Leute schützen wollen, dann müssen Sie auf Fälle alle Bilder löschen und eventuell sogar ihren Namen ändern. Oder Sie haben einen besseren Grund dafür, warum es veröffentlicht wurde.
4. Woher ...?
shalom-71 12.02.2013
Zitat von sysop... Oppositionelle Lehrer und Schüler betreiben in der Nähe von Minsk ein konspiratives Gymnasium.
kommt dieser Artikel? Ich kenne die Situation in Minsk etwas und auch mehrere junge Leute aus dem "normalen" Leben dort. Mindestens eine Sache im Artikel ist definitv falsch, nämlich die mit der angeblich verpönten weissrussischen Sprache. In weissrussisch wird auch an normalen Schulen in Minsk unterrichtet, auch mit Schulbüchern in der Sprache. Und auch in den Sprachen sprechen nicht so wenig Leute weissrussisch. Natürlich können die meisten Leute russisch (und benutzen es auch), aber das eine schliesst das andere ja nicht aus. Hat die Spiegel-Redaktion nachgeprüft, dass ihr mit der Geschichte kein Bären aufgebunden wurde?
5.
fallminenstift 12.02.2013
Arbeitet Herr André Eichhofer auch als Informant für Alexander Lukaschenkos Behörden?
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