Eigentlich ist es nur harmlose Zappelei: Beim "Harlem Shake" rasten alle völlig aus und wackeln mit den Hüften. Leute aus aller Welt haben Videos mit ihrer Version des Modetanzes ins Netz gestellt - und sie finden immer noch weitere Nachahmer. Nicht jeder nimmt die Aktionen allerdings wohlwollend auf. In Tunesien bekamen Schüler und Studenten in diesen Tagen Ärger, weil sie wild durcheinandertanzten und sich dabei filmten.
An einer Sprachschule in der Hauptstadt Tunis wollten Studenten vergangene Woche ein "Harlem Shake"-Video drehen, als konservative Muslime der Salafisten-Bewegung auftauchten, um die Aktion zu verhindern, berichtete die Nachrichtenagentur AFP. "Unsere Brüder in Palästina werden von Israelis getötet, und ihr tanzt", soll einer gerufen haben. Die Konservativen hätten sich schließlich zurückgezogen, und die Studenten hätten ihren Film aufzeichnen können.
Tunesien gilt eigentlich als liberal, steckt jedoch in einer politischen Krise. Bereits Ende 2011 kam es zu Tumulten zwischen bärtigen Sittenwächtern und Studenten. Die Islamisten besetzten damals einen Hochschulcampus, weil dort Frauen und Männer gemeinsam lernten. Die Tunesier hatten vor drei Jahren den langjährigen Machthaber Ben Ali gestürzt. Die anschließenden Wahlen gewann die gemäßigt islamistische Partei Ennahda. Heute liegt die Wirtschaft brach, radikale Islamisten haben an Einfluss gewonnen, und die Parteien haben sich über der Bildung einer neuen Regierung zerstritten.
"Was passiert ist, beleidigt den Erziehungsauftrag"
Die Aufregung um einige junge Leute, die ausgelassen tanzen, zeigt erneut, dass die tunesische Gesellschaft in ein liberales und ein reaktionäres Lager gespalten ist. Am vergangenen Montag hatte sich sogar die Regierung in Sachen Webvideos und "Harlem Shake" eingeschaltet: Der tunesische Bildungsminister Abdeltif Abid kündigte Ermittlungen an, nachdem Schüler an einer Oberschule den "Harlem Shake" aufgeführt und gefilmt hatten. "Was passiert ist, beleidigt den Erziehungsauftrag, und wer dazu beigetragen hat, wird zur Verantwortung gezogen", sagte er und nannte Schulverweise und Entlassungen als mögliche Strafe.
Wie AFP berichtet, hatte ein Schüler die Rektorin um Erlaubnis gefragt. Die sei aber kurzfristig abgereist und die Schüler hätten das Video daraufhin ohne Einverständnis aufgenommen. Es zeigt junge Leute, die mit "Scream"-Masken, in Unterwäsche, mit Nikolausmütze oder als Salafisten verkleidet umherzappeln. Aus Protest gegen die Reaktion des Ministers seien Schüler am Montag nicht zum Unterricht erschienen, berichtet das Nachrichtenportal tunisialive.
Auch in Ägypten geraten liberale und religiöse Kräfte oft aus unbedeutenden Gründen aneinander: In der Hauptstadt Kairo tanzten am Donnerstagabend Dutzende Leute den "Harlem Shake" vor dem Hauptsitz der umstrittenen Muslimbrüder von Präsident Mohammed Mursi. Sie protestierten dagegen, dass die Polizei einige Tage zuvor vier Pharmaziestudenten festgenommen hatte. Die hatten sich dabei gefilmt, wie sie in einem Wohnviertel in Kairo in Unterwäsche den "Harlem Shake" tanzten.
son/AFP
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