Homophobie an US-Schulen: Abschlussball wegen lesbischen Paares abgesagt

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Constance McMillen, 18, hatte es früh angekündigt: Zum Abschlussball werde sie mit ihrer Freundin gehen, im Smoking. Eine Schulverwaltung im US-Staat Mississippi schickte allen Schülern einen Verhaltenskatalog - und sagte das Fest am Ende ab. Bürgerrechtler sind entsetzt.

Schülerin McMillen: "Eine Reihe Leute werden mich hassen" Zur Großansicht
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Schülerin McMillen: "Eine Reihe Leute werden mich hassen"

Es ist der bedeutendste Abend im Leben eines US-Schülers, ein Abend für die Ewigkeit. Wenn er später, alt und ergraut, in seinem Fotoalbum die Stationen seines Lebens nachblättert, wird das Motiv nicht fehlen dürfen: er im Anzug, sie im Kleid, aufgenommen beim Abschlussball der High School. Ein Motiv, das den sonst fließenden Übergang zwischen Jugend und Erwachsensein als abendliches Ereignis dokumentiert. School's out forever.

Schüler fiebern schon Jahre vorher auf diesen Abend hin. So ist es auch in Fulton im US-Bundesstaat Mississippi, und vielleicht ist das Fieber dort besonders hoch, denn viel los ist sonst nicht.

Doch diesmal müssen die Schüler des Abschlussjahrgangs 2010 der Itawamba Agricultural High School in Fulton nach jetzigem Stand auf ihren Ball verzichten. Denn die lesbische Schülerin Constance McMillen, 18, wollte mit ihrer Freundin erscheinen und einen Smoking tragen. Eigentlich ist das kein Grund. Doch die Vorstellungen, wie ein Abschlussball auszusehen hat, sind in den USA ziemlich genau. Und in Fulton sind sie sogar Vorschrift.

Die Regeln des Schulbezirkes für Abschlussbälle an High Schools sehen vor, dass nur Paare unterschiedlichen Geschlechts teilnehmen dürfen. Er im Anzug, sie im Kleid. So soll es sein.

"Als ob sie mich bitten würden, für den Ball hetero zu werden"

Constance McMillen aber hatte der Schulleitung angekündigt, dass sie zum Ball am 2. April mit Freundin und Smoking erscheinen würde. Sie wollte homophoben Reaktionen vorbeugen, erinnert sie sich - und als sie das sagt, hatte die Schulbehörde schon homophob reagiert.

Wenige Tage, nachdem McMillen sich an die Schulleitung gewandt hatte, schickte die Behörde ein groteskes Schreiben an alle Schüler. Inhalt: eine Liste von Kriterien für ein ordnungsgemäßes Abschlussball-Date. Darunter auch die Anzug-Kleid-Doktrin - tanze nicht mit dem gleichen Geschlecht.

"Es fühlt sich so an, als ob sie mich bitten würden, für den Ball hetero zu werden", sagt die Schülerin und befürchtet nun schlimme Konsequenzen: Weil die Absage des Balls auf ihre persönliche Haltung zurückgehe, "werden mich eine Reihe Leute an der Schule wirklich hassen".

McMillen hatte nach dem Rundbrief der Schulverwaltung die Bürgerrechtsorganisation ACLU informiert und um Unterstützung gebeten. ACLU forderte den Schulbezirk auf, die strikten Regeln für Abschlussbälle aufzuheben, und setzte eine Frist bis Mittwoch. Doch die Behörde versucht dem Streit jetzt anders zu entgehen und erklärte, der Abschlussball müsse entfallen. Grund seien "die jüngsten Vorfälle, die den Ablauf in der Schule stören".

"Entweder Constance oder wir"

Beim Namen nennen will die genauen Gründe niemand. Auf Nachfrage sagte Schulbehörden-Anwältin Michele Floyd, sie könne den Inhalt des Statements nur wiederholen. Sie hoffe jedoch, es fänden sich private Bürger, die eine Feier für die Schüler ausrichten. "Für den Moment glauben wir, dass unsere Entscheidung das beste für die Bildung, Sicherheit und das Wohlergehen der Schüler ist."

Tatsächlich bot dann ein Hotelier aus New Orleans an, die Schüler kostenlos mit Bussen in die Stadt zu bringen und für sie den Ball zu organisieren. "Wir sind eine fröhliche und kreative Stadt - wenn die Schule nicht ihre Meinung ändert, würden wir uns freuen, den Ball auszurichten." Die High School abzuschließen, solle schließlich eine schöne Erfahrung sein, sagte Sean Cummings der Zeitung "The Clarion-Ledger".

Kirsty Bennett ist die Initiative des Hoteliers einerlei. Sie will die Entscheidung der Schulbehörde nicht akzeptieren, denn sie sei eine Verletzung der Grundrechte von McMillen und somit ein Verstoß gegen die Verfassung. Die ACLU-Vertreterin griff die Schulbehörde scharf an und warf ihr vor, dem Thema Homosexualität aus dem Weg zu gehen. "Aber damit entledigt sie sich nicht der Pflicht, alle Schüler gerecht zu behandeln."

"Die Botschaft ist doch: Bevor wir Homosexuelle auf unseren Abschlussball lassen, machen wir lieber gar keinen", sagte Schülerin McMillen fassungslos. Auf Rückendeckung von ihren Mitschülern kann sie nur eingeschränkt zählen. Chaney McKenzie, 16, findet das Vorgehen der Schule "geschmacklos". Mitschülerin Anna Watson, 17, sagte hingegen, sie sei "etwas genervt". Aber sie denke, dass eine Entscheidung getroffen werden musste: "Einer wäre doch immer enttäuscht gewesen, entweder Constance oder wir. Ich kann Homosexualität nicht akzeptieren, aber ich kann nicht ändern, was jemand denkt oder tut."

"Danke, dass du meinen Abschlussball ruiniert hast"

McMillen sagte zudem, ein anderer Mitschüler habe ihr gesagt: "Danke, dass du meinen Abschlussball ruiniert hast." Die ACLU-Mitarbeiterin Bennett sagte, McMillen versuche nun, das Verhalten der Schulbehörde zu verarbeiten. Und das der enttäuschten Mitschüler.

Die Bürgerrechtsunion vertritt McMillen nun - und sie wird die Schülerin auch ermutigt haben, den nächsten Schritt zu gehen: Sie hat ihre High School verklagt, sie will erzwingen, dass der Ball stattfindet.

Rückendeckung bekommt sie von Jared Polis, Abgeordneter des Repräsentantenhauses in Washington. Er hat einen Gesetzentwurf in den Kongress eingebracht, der die Diskriminierung homosexueller Schüler verbietet. In mindestens zehn Bundesstaaten gebe es bereits solche Regelungen. Der Fall McMillen zeige, dass Schüler gegen Diskriminierung geschützt werden müssten. "In diesem Fall ist es ein Ball. In einem anderen geht es darum, verprügelt oder getötet zu werden."

bim/fle/AP

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