Schulklasse am Tropf: Junge Chinesen dopen mit Infusionen für Examen

Vier Wochen noch bis zur entscheidenden Prüfung, da geht es mit einigen Chinesen durch. In einer Schule in Zentralchina ließ sich eine ganze Klasse über einen Tropf Aminosäuren verabreichen. Ziel der gefährlichen Übung: noch besser lernen können.

Schülerdoping in China: Fitspritzen für den Aufnahmetest Fotos
AFP

Heute ein spontaner Test, morgen und übermorgen eine Klassenarbeit - geraten deutsche Schüler unter Prüfungsstress, helfen sich die meisten mit Maskottchen, Schokolade, Traubenzucker. In China dagegen geht es bekanntlich viel härter zu. In der Provinz Hubei hat sich eine ganze Schulklasse an den Aminosäure-Tropf gehängt, um effizienter Lernen zu können, berichtet die englischsprachige staatliche Zeitung "China Daily" auf ihrer Internetseite.

Die intravenöse Verabreichung sei bei den Schülern beliebt, ungefährlich und steigere den körperlichen Allgemeinzustand, sagte ein Verantwortlicher der Schule. Das Lerndoping an einer Oberschule in der Stadt Xiaogang soll bis zu den Hochschulzulassungsprüfungen im Juni weitergehen, die Teilnahme sei für die Schüler aber freiwillig, berichtet "China Daily".

Ziel des körperlichen Eingriffs: Die Schüler sollen besser für die Aufnahmeprüfungen an chinesischen Universitäten, den "gao kao", gerüstet sein. Die Tests finden im Sommer landesweit statt und gelten als wichtigste Prüfung im Leben junger Chinesen. Monatelang bereiten sich Millionen Schüler darauf vor, in der Schule und in Abendkursen. Und Jahr für Jahr berichten die Staatsmedien anschließend besorgt über Betrugsversuche durch Lehrer, Eltern und Schüler. Meist werden die Betrügereien mit drakonischen Strafen geahndet. Einzig das rund einwöchige "gao kao" entscheidet darüber, ob und wo ein Studienbewerber letztlich studieren darf.

"Irgendwie beruhigen sie uns"

Dass in die Venen getropfte Aminosäuren dabei wirklich helfen, ist umstritten. Eigentlich sind sie als Aufbaupräparat für Krebspatienten gedacht, werden aber auch gerne von Kraftsportlern genommen. "China Daily" zitiert mehrere Mediziner, die die Infusionen ablehnen. Ein Arzt nannte sie "weder nötig, noch sinnvoll".

Eine Schülerin berichtete der Zeitung, Schüler früherer Jahrgänge hätten auch schon solche Infusionen bekommen. Die Lehrer hätten in den Klassenzimmern Drähte für die Infusionsbeutel gespannt, damit die Aufbaumittel leichter verabreicht werden können. "Die Infusionen machen uns vielleicht nicht sofort stärker während der anstrengenden Vorbereitung, aber irgendwie beruhigen sie uns, und es fällt danach leichter, weiterzumachen."

cht/AFP

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Schwachsinn
Stelzi 09.05.2012
Und da gibt es Leute, die behaupten, die chinesischen Schüler wären besonders schlau. Die das mit sich machen (lassen), sind es jedenfalls nicht...
2.
muttisbester 09.05.2012
Vermutlich sind diese Infusionen noch die harmloseren Mittelchen, die einige Chinesen benutzen um für die Prüfung fir zu sein. Hoffentlich helfen die durchaus kritischen Berichte auch in China, endlich das chinesische Bildungs- und Prüfungssystem zu reformieren.
3. Warum soll man das chinesische System ändern?
opag78 09.05.2012
China erlebt derzeit eine extreme Form der Meritokratie. Nur die Besten kommen weiter und die Auslese beginnt sehr früh. Entscheidend ist dabei zwar nur einziges Kriterium , die Schulnote, jedoch ist dieses Kriterium trotz aller Widrigkeiten immer noch eines der objektivsten. Ich sehe wirklich nicht, warum wir den Chinesen gute Ratschläge geben sollten. China hat seinen eigenen Weg gefunden, aus einem Milliardenvolk die Besten zu identifzieren und dann zu fördern, unabhängig von deren familiärer oder geographischer Herkunft. Der Weg ist nicht perfekt und er führt zu extremen Auswüchsen, aber er ist besser als alles was China vorher hatte und er funktioniert für die Chinesen. Umgekehrt sehen wir in der westlichen Welt eine Rückkehr zu feudalen Traditionen. Nicht die Besten kommen weiter, sondern die wohlhabensten Eltern können ihren Sprösslingen den Zugang zu Eliteschulen und damit verbundenen Karrieren erkaufen. Extreme Auswüchse, die kann und muss man immer mit Einzelmassnahmen und Anpassungen wieder in den Griff bekommen, aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist ausschließlich , ob das grundlegende System ausreichend gut ist. Vielleicht sollten daher eher wir Westler darüber reflektieren, ob die feudalen Perioden unserer Geschichte - in denen die familiäre (aka soziale) Herkunft wichtiger war, als individuelles Können - gut für uns waren.
4. @opag78
ooda_maddinoo 09.05.2012
Ein schöne nette Vorstellung, doch auch nicht ganz wahr. Die guten/besten Universitäten und Schulen kosten erheblich viel Geld. Ich sag mal einfach 20000 RMB im Jahr (etwas mehr als 2000 Euro) für mittelmäßige Uni's. Klingt erstmal nicht viel. Doch bei einem DURCHSCHNITTSGEHALT von 1500 RMB (oder eventuell noch weniger) im Monat auf dem Land bzw 3000 RMB (oder eventuell weniger) in der Großstadt ist dies eine Menge Geld. Wer glaubt das NUR die besten in eine gute Universität kommt, der irrt gewaltig. Grüße aus Tonghua / Jilin
5. Albtraum Mensch
silke_w. 09.05.2012
Das Konkurrenzdenken und das heiliggesprochene Leistungsprinzip, dass sich über jede Humanität hinwegsetzt, drängt die menschliche Gesellschaft immer weiter an den Rand des sozialen Abgrunds. Wo das Prinzip der Auslese immer heftiger gefordert wird, die Leistungsschwachen immer weiter verdrängt werden, dann als gesellschaftliche Last angesehen und diskreditiert, ist es nicht mehr weit hin, bis wieder gefordert wird, diesen Ballast irgendwann einfach nach der Selektion von der Klippe zu stoßen. Das klingt populistisch, ist aber näher an der Realität, als manche Menschen gern wahrhaben mögen. Als Mutter einer behinderten Tochter sehe ich die zwei Gesichter der Menschlichkeit in der Gesellschaft, die gefühlte und die tatsächlich gelebte. Die Vorstellung, hilfreich anderen gegenüber zu sein, ist stets stark ausgeprägt. Wenn es darum geht, Abstriche am eigenen Erfolg zu machen, um anderen unter die Arme zu greifen, also diese teilhaben zu lassen, stößt das Verständnis schnell an Grenzen. Hilfbereitschaft ist nur in der Vorstellung der Menschen wirklich gern geleistet, niemals in der Realität. Und Ursache für die Rücksichtslosigkeit ist stets das Bestreben, zunächst selbst vorwärtszukommen. Und genau diese Motivation bekommen die Menschen heute von Kindesbeinen an gelehrt.
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