Die ganz große Freiheit bei ganz kleinem Budget: So lautet seit 40 Jahren die Verheißung von Interrail, einer besonderen und sonderbaren Form von Urlaub, mit der schon meine Eltern dem Urlaub mit den eigenen Eltern entkamen.
Richtig billig war und ist der Eisenbahnurlaub zwar nicht - 1000 Mark kostete allein das Ticket für ganz Europa, heute sind es knapp 330 Euro für 22 Tage - aber günstiger bekommt man eine Europarundreise sicher nicht. Und das Reisen auf der Schiene hat allerhand Vorzüge.
Schon meine Eltern waren so durch Europa gegondelt und warteten vor meiner Reise mit einigen Anekdoten auf: Zum Beispiel sollen früher Dutzende Jugendliche am Bahnhof übernachtet haben, um Geld zu sparen. Was wir erlebt haben: Die Polizei greift meist hart durch und duldet keine Schlafsacklager in Bahnhofsnähe.
Wir versuchten es daher gar nicht erst und beschränkten uns auf Jugendherbergen und Campingplätze. Bei den Übernachtungen lebten wir sparsam, etwa mit 15 Euro pro Person auf einem Oxforder Campinglatz und in London sogar einmal ganz ohne Schlaf. Unsere teuerste Unterkunft war ein Jugendherbergsbett für 30 Euro in Venedig.
Durchmachen in London, aasen in Venedig
Ein Interrail-Urlaub kann man auf zwei Arten planen: Entweder steht beinahe jede Zugverbindung, Jugendherberge und jedes Restaurant von Anfang an fest - oder man fährt los und lässt sich praktisch entlang der Schienen treiben. Wir versuchten beides: Die erste Hälfte unserer rund dreiwöchigen Reise haben wir komplett durchgeplant, während wir die zweite Hälfte weitgehend spontan gestaltet haben. Was besser funktioniert, ist schwer zu sagen. Plant man mehr, sieht man mehr. Plant man weniger, reist es sich entspannter. Vermutlich ist eine Mischung die beste Lösung.
Wir starteten zu viert, das heißt, mit mir reisten Lucas, 17, Dominik, 17, und Silvan, 18, mit denen ich auch zusammen zur Schule gehe. Wir schafften erstaunliche elf Länder in gut drei Wochen: Österreich, Kroatien, Ungarn, Slowenien, Italien, Schweiz, Frankreich, England, Schottland, die Niederlande und Belgien haben wir gesehen, und teilweise war es eine ziemliche Hetzerei.
Dass es so viele Länder waren, lag an einem Kompromiss, auf den wir uns nach mehreren Vortreffen einigten. Silvan wollte nach Skandinavien, Lucas ans warme, südliche Meer, ich in den Osten und Dominik nach Großbritannien. Merke: Je mehr Leute mitfahren, desto schwieriger ist es, sich auf eine Route festzulegen. Klar ist: Wer Interrail in diesem Tempo machen will, muss fit sein.
Wenn man so viele Länder im Schnelldurchlauf bereist, fallen einem Unterschiede besonders stark auf. Zwar gaben sich die Leute überall Mühe, freundlich zu Touristen zu sein. Dennoch liegt in jedem Land eine andere Stimmung in der Luft. In Kroatiens Hauptstadt Zagreb etwa wirkten die Menschen irgendwie depressiv. Auf öffentlichen Plätzen herrschte meist gespenstische Stille, viele Leute schauten beim Laufen auf den Boden.
Wichtig ist natürlich, dass man möglichst planvoll den Rucksack packt. Das Zelt muss mit, Wanderschuhe auch - aber man spürt jedes halbe Kilo auf den Schultern. Praktisch an dem Ding auf dem Rücken ist aber: In vollen Zügen, in die wir meist ohne Reservierung stiegen, ist es ein guter Sitz, ehe man im Gang auf dem Boden kauert.
Besonders laut stöhnte immer derjenige, der gerade den Essensrucksack tragen musste. Der enthielt haltbare Vorräte, die wir in einem Großeinkauf vor der Reise besorgt hatten. Im nordschottischen Inverness kam es wegen dieser Bevorratung zu einem kleinen Eklat: Zwar hatten wir in unserem Futtervorrat gute Dosenravioli dabei, einen Kocher auch - nur für den Dosenöffner hatte sich keiner zuständig gefühlt. Meist hieß unsere Notlösung dann doch Fast Food. Darauf ist überall Verlass.
Das Allerwichtigste ist auf einer Interrailreise natürlich das Ticket, man sollte es ebenso gut hüten wie den Ausweis oder den Bargeldvorrat. Denn beinahe hätte uns Lucas' Handtuch den ganzen Urlaub ruiniert. Es lag über Nacht zum Auslüften über Silvans Zelt. Als mitten in der Nacht der Regen losprasselte, ließ das völlig durchweichte Frottee-Ding das halbe Zelt einstürzen, der Wassereinbruch erwischte auch unsere Tickets und hätte sie beinahe in nutzlosen Papiermatsch verwandelt
Kein Zug nach Zagreb? Einfach mal auf dem Smartphone checken
Trotz Finanz- und Währungskrise und den seit einigen Jahren wieder auflebenden Stereotypen der Deutschen über Südländer und umgekehrt - Europa ist eine wunderbare Sache. Wir mussten nur in Kroatien und Großbritannien durch eine echte Grenzkontrolle, nur in den wenigsten Ländern mussten wir Geld tauschen. Mag der Euro gerade umstritten sein, für uns war er ein wunderbar einfaches Zahlungsmittel. Auch bei den Handykosten ist es hilfreich, dass die Tarife inzwischen EU-einheitlich sind. Gerade dass wir immer wieder auf das Internet zugreifen konnten, war ein Segen, wenn wir zum Beispiel auf einem kroatischen Bahnhof mal kurz mit dem Smartphone die Verbindungen checkten.
Richtig gestrandet sind wir nur einmal, und zwar auf dem Weg von den Plitvicer Seen nach Zagreb. Wir saßen am Eingang des Nationalparks und warteten vergeblich auf den Bus, der eigentlich jede Stunde fahren sollte. Unsere Notlösung war ein seltsames Großraumtaxi. Der Fahrer forderte uns barsch und mit Nachdruck auf, schnell einzusteigen, ganz geheuer war es uns nicht, und wir lehnten ab.
Als er dann nach einer Stunde wieder auftauchte und wir keinen anderen Weg sahen, aus Plitvic wegzukommen, handelten wir einen Preis von zehn Euro pro Person aus. Spottbillig für eine Fahrt von 140 Kilometern, fanden wir. Der Taxifahrer stellte sich als sehr lustiger Gesprächspartner heraus. Seinem bruchstückhaften Deutsch konnte ich entnehmen, dass unser Chauffeur mal als Bauarbeiter gearbeitet hatte. Als Taxifahrer war er allerdings nicht besonders. Bei seinen abenteuerlichen Überholversuchen krallten wir uns immer wieder an den Sitzlehnen fest.
Abends redeten wir oft darüber, dass dies unsere letzten Sommerferien sind. Ich war ja bereits ein Jahr in Amerika, die anderen aber waren noch nie länger alleine von zu Hause fort. Freiheitsdurst und Reiselust erfassten bald die ganze Gruppe, und Lucas verkündete nach wenigen Tagen, er werde nach dem Abi im nächsten Jahr erst einmal für längere Zeit auf Reisen gehen. Klingt nach einem guten Plan.
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