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17. Februar 2012, 12:04 Uhr

Junge Mexikaner

Generation Drogenkrieg

Aus Mexiko berichten Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl

Waffen, Morde, Gewalt: Die Jugendlichen Mexikos wachsen auf mit dem Drogenkrieg - doch die meisten kämpfen für Karrieren jenseits der Kriminalität. Drei erzählen im SchulSPIEGEL, was sie auf sich nehmen, um als Klippenspringerin, Wrestler und Jesus-Darsteller Erfolg zu haben.

Immer wieder werden grausam entstellte Mordopfer und Massengräber gefunden, in vielen mexikanischen Städten haben Drogenbanden mehr Macht als Politiker und Polizei, und konkurrierende Banden liefern sich Schusswechsel mitten auf der Straße - Kartellkriminalität, Angst und Gewalt gehören in Mexiko zum Alltag.

Seit der mexikanische Präsident Felipe Calderón im Jahr 2006 das Militär gegen die Kartelle eingesetzt hat, ist der sogenannte Drogenkrieg eskaliert: Fast 50.000 Mexikaner sind bei den Auseinandersetzungen zwischen Kartellen oder Kartellen und den staatlichen Sicherheitskräften ermordet worden - Bandenmitglieder, aber auch viele Zivilisten.

Junge Mexikaner wachsen mit der Gewalt auf - und immer mehr arbeiten als Handlanger für Kartelle, werden als Drogendealer angeworben, erledigen Botengänge oder Mordaufträge, weil sie keine anderen Perspektiven sehen und die kriminelle Karriere Macht und Geld verspricht.

Doch die meisten Jugendlichen kämpfen für ein ganz normales Leben trotz Drogenkrieg - und manche verfolgen Träume, die ungewöhnlich sind: Fernando Ramirez, 19, aus Mexiko-Stadt trainiert dafür, einer der prominenten Wrestler von Mexiko zu werden. Die 17-jährige Iris Alvarez beweist sich als einzige Frau unter den Klippenspringern von Acapulco. Und Chris Muñoz, 22, möchte einmal in seinem Leben Jesus sein - bei den berühmten Passionsspielen von Iztapalapa, einem Vorort von Mexiko-Stadt.

Im UniSPIEGEL berichten sie von ihren Träumen - und den Hindernissen, die ihnen im Weg stehen, den Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, und den Narben, die sie davontragen. Zum Weiterlesen klicken Sie auf Fotos und Überschriften...

Der Kämpfer - Fernando Ramirez, 19: "Ich schreie auch, weil es weh tut"

Fernando Ramirez, 19, brüllt und stöhnt. Das gehört zur Performance. Dass er gleich mit dem Rücken auf die blaue Ringerplane stürzt, ist gewollt. "Aber ich schreie auch, weil es wirklich weh tut", sagt er.

Fliegen, Fallen, Fluchen. Seit drei Jahren trainiert Fernando Ramirez für den großen Traum: als Lucha-Libre-Star im Ring der berühmten "Arena" in Mexiko-Stadt aufzutreten, mit einem tobenden Publikum und schönen Frauen, die ihn anhimmeln. Fernando selbst hat seine Wrestling-Idole früher im Fernsehen bewundert: "Ich wollte schon immer Kämpfer sein, seit ich klein war."

Das Training ist hart. Ohne Übung und Disziplin würde sich der Ringer den Rücken brechen. "Ich habe schon Angst", sagt er, als er sich auf das obere Seil in der Ecke des Ringes stellt, Schwung holt und wie ein Superman gen Boden saust.

Der mexikanische Lucha Libre kombiniert Kampfkunst mit Akrobatik und Schauspiel. Im Ring trifft der Gute auf den Bösen. Einzeln oder in Gruppen kämpfen die vermeintlichen Kontrahenten gegeneinander: schlagen sich die Köpfe auf den Boden, treten in die Bauchgegend, verdrehen sich die Arme hinter dem Rücken oder kicken sich aus dem Ring - bis ein triefender, aber triumphierender Sieger auf der Matte steht.

Doch Lucha Libre ist ein abgekartetes Spiel, schon vor dem Kampf wissen die Ringer, wer als Sieger hervorgeht.

Sein Körper ist sein Kapital

Fernando Ramirez zählt zu den aufkommenden Sternchen am mexikanischen Ringerhimmel. So sieht es jedenfalls sein Trainer, doch der sagt auch: "In die Arena zu kommen, ist schwer - du musst sehr gut sein, brauchst Kontakte, Kämpfe auf der Straße bereiten einen vor, vor Publikum aufzutreten."

Fernandos Körper ist sein Kapital. Verletzt er sich, ist der Traum vorbei, für den er fast täglich im Gimnasio Latinoamericano übt, einer Lucha-Libre-Schule in der mexikanischen Hauptstadt. Hier haben alle große Träume, denn die Realität sieht düster aus. Zwischen heruntergekommenen Wohnblöcken, Straßenständen und tiefergelegten Mercedeslimousinen mit minderjährigen Fahrern trainiert Fernando im dritten Stock eines Lagergebäudes.

Hier sind glitzernde Kampfanzüge und eine Maske unverzichtbare Utensilien der Show. Unter Fernando Ramirez' hautenger blau und silbern glitzernder Hose zeichnen sich muskulöse Beine ab. Die silbernen, kniehohen Stiefel erinnern an eine Achtziger-Jahre-Disko, die blaue Maske mit den glitzernden Zacken soll Dynamik zeigen: "El Viento" hat er sich genannt, der Wind.

"Wenn du dir die Maske anziehst, bist du eine andere Persönlichkeit, nicht mehr du", sagt Fernando Ramirez. "Im Alltag ist man ruhiger." Ist ein Kämpfer erfolgreich, laufen die Kinder mit seiner Maske durch die Straßen. Verliert ein Ringer seine Maske im Kampf, gilt die Karriere als beendet, ist er "demaskiert".

Wenn "El Viento" seine Maske auszieht, steht da ein pausbäckiger, schüchterner Junge, der für einen multinationalen Getränkekonzern Kisten schleppt - und sich in einen von Mexikos prügelnden Wrestling-Stars verwandeln will.

Die Klippenspringerin - Iris Alvarez, 17: "Die Angst verlieren wir nie"

Jeder Sprung kann der letzte sein. Iris Alvarez, 17, steht auf einem schroffen Felsvorsprung, breitet die Arme aus und lässt sich kopfüber ins Meer fallen - in eine Felsspalte, deren Grund die heranrollende Welle gerade drei bis vier Meter bedeckt.

"Mein Herz klopft jedes Mal", sagt Alvarez. Mit waghalsigen Sprüngen stürzen die berühmten Klippenspringer von Acapulco bis zu 35 Meter tief in den Pazifik - und Iris Alvarez ist die einzige Frau im Team. Die gefährliche Akrobatik hat in ihrer Familie Tradition: Der Großvater gehörte in den dreißiger Jahren zu den Pionieren, der Vater, 49, springt heute noch Salti von der Klippe.

Als Sechsjährige wagte Iris ihren ersten Sprung: erst wenige Meter, dann immer höher. Mit elf trainierte sie jeden Tag, ein halbes Jahr lang - dann sprang sie erstmals vor Publikum, aus sieben Metern Höhe. "Ich war nervös und hatte Angst", erinnert sich Alvarez. Doch es klappte - und war ein doppelter Weltrekord: Iris, mit 12 Jahren die jüngste Klippenspringerin und das erste und bisher einzige Mädchen.

Eine Sonderrolle hat sie deswegen nicht: "Ich bin wie die anderen, sie respektieren mich", sagt Alvarez. "Die Angst verlieren wir alle nie, aber zumindest habe ich mich an die Höhe gewöhnt." An einem kleinen Altar auf der Klippe bitten alle Akrobaten vor jedem Sprung die Jungfrau von Guadalupe, die mexikanische Nationalheilige, um Beistand.

"Bei jedem Sprung stürzt man anders"

Dann konzentriert Alvarez sich, beobachtet das Meer. Von oben sieht sie den Grund oft schlecht, weil das Wasser die Sonne reflektiert - manchmal hört sie die Welle nur, die sie erwischen muss, um nicht gegen Felsen oder auf Grund zu prallen. Auch das Wasser ist hart: "Bei jedem Sprung stürzt man anders", sagt die 17-Jährige. "Es tut immer weh."

Oft erfassen Wellen, die in die enge Schlucht spülen, die Klippenspringer beim Auftauchen, drücken sie gegen das scharfkantige Gestein. Iris hat ein paar Narben auf ihren braungebrannten Armen und Beinen - so viele wie bei ihrem Vater sind es nicht.

"Es ist ein harter Job", sagt der. "Aber alle kennen einen und es macht Spaß." Reich ist er trotz Prestige nicht: Ein bisschen Grundeinkommen, ein bisschen Trinkgeld bringt das Klippenspringen ein.

Doch Iris Alvarez träumt vom sozialen Aufstieg: Sie will studieren, Ärztin werden, um Menschen zu helfen, sagt sie. In Acapulco, wo viele Familien arm sind, Drogendealer um die Macht kämpfen und Alvarez oft zusammenzuckt, weil sie Schüsse hört, ist das ein besonderer Traum - fast so ungewöhnlich wie Klippenspringerin zu sein. Springen möchte sie später nur noch aus Spaß.

Der Fromme - Chris Muñoz, 22: "Alle wollen Jesus werden"

Einmal im Leben Jesus sein, das ist für die Jungen von Iztapalapa so, wie die Heldenrolle in einem Hollywood-Film zu ergattern. "Jesus ist der Größte", sagt Chris Muñoz. "Alle wollen Jesus werden - ich auch."

Eigentlich arbeitet der schmächtige junge Mexikaner als Schlosser, versucht nebenbei, sich ein bisschen weiterzubilden. Muñoz kommt aus Iztapalapa, einem ärmlichen Viertel von Mexiko-Stadt - mit hoher Kriminalitätsrate, viel Armut und wenig Perspektiven, der Drogenhandel floriert, Touristen verirren sich selten hierher.

Doch an Ostern locken die Passionsspiele, die zu den größten und bekanntesten in Mexiko gehören, mehr als zwei Millionen Besucher nach Iztapalapa. Bis zu 1500 Laienschauspieler stellen die Geschichte des Leidens und Sterbens von Jesus nach. Gute Zeiten für Gottes Sohn - denn in Iztapalapa ist Jesus dann mindestens so beliebt wie Justin Bieber. Teenager lassen sich Jesus-Tattoos auf die Wangen malen, manche tragen T-Shirts mit seinem Konterfei oder Jesus-Sprüchen.

Und wer Jesus Christus spielen darf, ist in Itztapalapa der Superstar: Die jungen Männer, die von einer lokalen Jury ausgewählt werden, sind stolz auf ihren religiösen Auftrag - aber auch auf den Ruhm. Doch die Auflagen beim Christus-Casting sind streng: "Nicht jeder kann Jesus werden", sagt Chris Muñoz. Die Kandidaten müssen glaubensfest sein, dürfen keine Straftat begangen haben und müssen genug Geld haben für das teure Kostüm.

Abstinent, gesetzestreu, brav - wie ein Nachwuchs-Heiliger sein muss

Der Jesus-Anwärter darf keine Tattoos und Piercings tragen, nicht trinken, nicht rauchen, auch Frauen und Partys sind eine Zeitlang tabu. Wer die Rolle tatsächlich bekommt, muss schon Monate vor den Passionsspielen täglich trainieren, denn er muss das Holzkreuz während der Prozession stundenlang schleppen können.

Nichts Neues für Chris Muñoz: Denn er hat mit zwölf Jahren zum ersten Mal ein Kreuz bei den Passionsspielen getragen. Jedes Jahr hofft er auf die Hauptrolle und macht viel Sport, um für die Passionsspiele fit zu sein - doch bisher ist er nur immer einer der über hundert sogenannten Nazarener gewesen, die aussehen wie eine kleine Jesus-Armee.

In aufwendigen, langen lila Gewändern nehmen die jungen Männer den religiösen Marathon ohne den Ruhm auf sich und schleppen ihr Kreuz bei 30 Grad durch Iztapalapa, bis auf einen staubigen Berg - manche mit Dornenkrone auf dem Kopf, alle mit blutigen Füßen.

Hätten seine Freunde und seine Familie Chris Muñoz nicht unterstützt und sein Kreuz manchmal gestützt, er wäre im vergangenen Jahr zusammengebrochen: Sechs Kilometer weit hat er sein 80 Kilo schweres und sieben Meter langes Holzkreuz durch die Hitze gezerrt, die letzten Meter schienen unerreichbar. Wieder und wieder musste er das Kreuz abstellen, sich mit seinem lila Gewand den Schweiß von der Stirn abwischen, doch aufgeben wollte er nicht.

Für den Jesus-Hauptdarsteller von Iztapalapa ist die Qual vorbei, wenn er voller Kunstblut an seinem Kreuz auf dem Berg hängt. "Aber ich muss mein Kreuz jedes Mal wieder nach Hause schleppen", sagt Muñoz. Dann wickelt er seine schmerzenden Füße, die nicht einmal mehr in Sandalen passen, aus den dreckigen Bandagen und legt sich ins Bett.

Ein Triumph bleibt ihm trotzdem, auch wenn er weiter warten muss auf die ersehnte Jesus-Rolle: Denn sein schwarzes Kreuz wiegt 80 Kilogramm. "Das Kreuz von Jesus wiegt 90 Kilo", rechnet er. "Also bin ich fast schon Jesus."

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