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Austausch-Log USA: Eklig, so ein Wurm im Ohr

Alina in den USA: Eiseskälte? Ab ins Schwimmbad! Fotos
Alina Buxmann

Sie fühlt sich als Klotz am Bein, und niemand scheint das zu verstehen: Alina Buxmann scheitert in den USA immer wieder mit deutschen Redewendungen. Vor der Eiseskälte retten sie und ihre Mitschüler sich ins schuleigene Schwimmbad.

So wie in der letzten Januarwoche lag ich noch nie im Bett: Ski-Unterwäsche, Pyjama-Hose, Hoodie und drei Decken hielten mich warm, denn die Heizungsrohre unseres Hauses in Union City, Pennsylvania, waren eingefroren. Das Obergeschoss, in dem ich mein Zimmer habe, kam mir wie ein Kühlschrank vor. Aber immerhin durfte ich an einem Tag unter meinem Deckenberg ausschlafen.

Bei minus 27 Grad Celsius, die das Thermometer am Morgen zeigte, hatten wir am Dienstag Kältefrei. Die ganz Woche über war es nachts und morgens so unerträglich eisig, dass wir grundsätzlich "two-hour-delays" hatten, die Schule fing also statt um 8 um 10 Uhr an. Anders als die freien Tage werden die Stunden der "delay"-Tage nicht von den Ferien abgezogen und sind daher deutlich beliebter als ein ganzer Tag Kältefrei.

Ende November, als bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt der erste Schnee lag, waren wir Newbies, also die Neulinge im Schwimmteam, in Badeanzügen nach draußen gerannt, um Schneeengel zu machen. Da war ich natürlich dabei. Momentan aber kommen solche Späße absolut nicht in Frage.

An dem Wochenende, als die Kältewelle in unser Örtchen rollte, ging ich mit zwei Freundinnen spazieren, um ein paar abendliche Schneefotos zu schießen. Auf dem Rückweg rannten wir gegen die Kälte an, als wäre es ein Cross-Country-Wettkampf, so sehr froren wir. Die Eiseskälte erinnert mich an die Kindheitserinnerungen meiner Eltern, die in Kasachstan aufgewachsen sind. Tonnenweise Schnee, aufgeplatzte Lippen, Kältebrand - jetzt weiß ich auch, wie das damals ungefähr gewesen sein muss.

"This earworm really bugs me"

Gegen die Kälte verbringen wir viel Zeit im warmen schuleigenen Schwimmbad oder in der Aula. Eigentlich bin ich Hip-Hop-Tänzerin, aber in der Musical-Klasse, die ich hier belege, lerne ich jetzt Ballett. Und nicht nur das: Ich singe auch. Die Songs aus dem Musical "State Fair" bekam ich einfach nicht aus meinem Kopf. Echte Ohrwürmer, nur das die hier nicht so heißen.

Kurz nach meiner Ankunft hatte ich einmal vor mich hin gesummt und gerufen: "This earworm really bugs me." Meine Freunde guckten angewidert und fragten, ob ich wirklich einen Wurm im Ohr hätte. Gleich zu Anfang lernte ich so: Nicht alles, was im Online-Wörterbuch steht, wird auch tatsächlich verwendet. Meine Freunde rieten mit statt "earworm" zu der umständlichen Formulierung eines "song stuck in one's head". Wie langweilig.

Eine weitere Phrase, dich ich mir in den ersten Wochen meines Aufenthalts ausgedacht hatte, begleitet mich auch 2014 noch. Im Englischen ist niemand einem anderen einen Klotz am Bein. Als ich meinem Gastbruder erklärt hatte, meiner Lehrerin sei ich wohl "a stone on her leg", kugelte er sich vor Lachen auf dem Boden. Seitdem legt er es darauf an, den Ausdruck "stone on your leg" so oft wie möglich in seine Sätze zu integrieren. Oder er nennt mich "pain in the butt", um es mir richtig beizubringen. Ein schönes Lob für meine Sprachkünste habe ich neulich allerdings auch bekommen: Kürzlich sagte meine Englisch-Lehrerin, ich hätte meinen deutschen Akzent beinahe ganz verloren.

Inzwischen ist unsere kaputte Heizung repariert und die zweite Kältewelle des Winters ist auch überstanden. Allerdings sind sich hier alle ziemlich sicher: Dieser Rekord-Winter ist noch nicht vorbei.

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