Kinder als Zirkussklaven: Dressiert wie die Tiere

Von Markus Wanzeck, Katmandu

12.000 Kinder und junge Frauen aus Nepal werden jährlich als moderne Sklaven nach Indien verkauft. Ein britischer Ex-Soldat kämpft dagegen - er hat schon Hunderte Minderjährige befreit, die schwer misshandelt wurden und in Zirkussen als Attraktionen auftreten mussten. Nun lernen sie das Leben in Freiheit.

Nepal: Die Befreiung der Zirkussklaven Fotos
Balázs Szász

Shweta* tut etwas, von dem ihr gesagt wurde, dass es ihren Tod bedeuten würde. Sie erzählt ihre Geschichte.

Mit ruhiger Stimme spricht die junge Frau darüber, wie sie eines Nachts aus dem Schlaf aufschreckte. Wie der Zirkusbesitzer zuschlug und sich an ihr verging, dem damals gerade zwölf Jahre alten Mädchen. Dass er drohte, sie umzubringen, sollte sie auch nur ein Wort darüber verlieren.

Shweta schwieg. Sie ergab sich in ihr Schicksal, das ihr ein Leben als Leibeigene des indischen New Raj Kamal Circus beschied. Dort wurde sie die Hauptattraktion, führte akrobatische Kunststücke vor in knappen Kleidchen.

Der Mann, der Shweta ihre Stimme zurückgab, trägt ein helles Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, und die Sätze, die er spricht, fahren Achterbahn auf einem melodiösen irischen Akzent. "Wir sind die einzigen, die den Kampf gegen die Sklaventreiber der Zirkusse aufgenommen haben", sagt Philip Holmes. Vor zehn Jahren hatte der einstige Oberstleutnant der britischen Armee den Esther Benjamins Trust (EBT) gegründet. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern in Nepal zu helfen, denen ihre Kindheit abhanden gekommen ist.

Davon gibt es hier unzählige. Der Himalaja-Staat zählt mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von unter 300 Euro zu den ärmsten Ländern der Welt. Und leidet noch immer unter den Folgen eines über zehn Jahre währenden zermürbenden Bürgerkrieges, den die Maoisten gegen die - 2008 schließlich abgeschaffte - Monarchie geführt hatten. Laut einem im Oktober vorgestellten Unicef-Bericht ist Nepal ein globaler Brennpunkt der Kinderarbeit: Durch das Bürgerkriegschaos brachen die gesellschaftlichen Schutzsysteme für die Kinder zusammen; etwa ein Drittel der Fünf- bis 14-Jährigen drückt nicht die Schul-, sondern die Werkbank.

Zirkusse halten Kindersklaven wie dressierte Tiere

"Dass Kinder in der Backsteinproduktion, auf dem Feld oder in Fabriken arbeiten, ist gang und gäbe", sagt Holmes. Auch der Menschenhandel gedeiht unter den Randbedingungen extremer Armut und Ungebildetheit: Jahr für Jahr werden nach Schätzungen von Hilfsorganisationen rund 12.000 Kinder und junge Frauen über Nepals Südgrenze nach Indien verkauft. Die Eltern kassieren ein Handgeld von vielleicht 30 Euro, manchmal geben sie sich auch mit leeren Versprechen von großartigen Karrieremöglichkeiten zufrieden.

Bisweilen kommt es vor, dass Kinder aus erster Ehe Menschenhändlern zugeführt werden, nachdem diese Ehe zu Bruch ging. "Abwerfen von Übergepäck" nennt Holmes das. Gegen solche wirtschaftlichen und sozialen Randbedingungen kann der EBT mit seinen bescheidenen Mitteln wenig ausrichten. "Doch was wir tun wollen und können, ist, die ausbeuterischste Form der Kinderarbeit zu bekämpfen. Diejenige, die ein sklavenhaftes Dasein, die körperlichen und sexuellen Missbrauch bedeutet."

All dies traf auf die nepalesischen Kinder zu, die in Indiens Zirkussen arbeiten mussten. Bis 2002 war ihr Schicksal kaum jemandem bekannt. Erst als EBT-Mitarbeiter Gerüchten nachgingen und verdeckt in indischen Zirkussen recherchierten, trat die Dimension des dunklen Geschäfts zutage: Allein in den 30 größten Zirkussen zählten sie mehr als 230 nepalesische Kinder unter 14 Jahren, drei Viertel davon Mädchen. Anfang 2004 startete der EBT den ersten "Überraschungsangriff", wie Holmes seine Befreiungsaktionen gern nennt, auf einen Zirkus in Kerala am Südzipfel des indischen Subkontinents. 29 Kinder kamen frei. "Mehr als 300 waren es seitdem bei ähnlichen Aktionen", so Holmes.

"Die meisten Kinder sind verschüchtert und völlig ungebildet"

Seine Organisation veranlasste im Januar 2007 auch eine Razzia im New Raj Kamal Circus, der gerade im nordindischen Gorakhpur nahe der Grenze zu Nepal gastierte. Der Zirkusbesitzer wurde festgenommen. Er hatte 20 nepalesische Mädchen, unter ihnen Shweta, gehalten wie dressierte Tiere. Manche Mädchen sagen, den Tieren sei es besser ergangen.

Heute klopft Shweta Steine und wirkt sehr zufrieden dabei. Auf einer Holzplatte bringt sie bunte Kachelstückchen in Form, bis sie sich zum Porträt eines prächtig gekleideten Maharadschas zusammenfügen. Shweta ist nun eine der Mosaikkünstlerinnen des EBT. Zusammen mit vier anderen befreiten Frauen lebt und arbeitet die inzwischen 21-Jährige in einem roten Backsteinhaus auf einer Anhebung am Rand des Katmandu-Tals, eine halbe Autostunde südlich der nepalesischen Hauptstadt.

Die Mosaike werden als Souvenirs verkauft. Zwischen 7000 und 11.000 Rupien (umgerechnet 60 bis 100 Euro) verdienen die Künstlerinnen damit im Monat. Ein gutes Gehalt, nepalesisch gesehen. "Mindestens ebenso wichtig ist der therapeutische Wert dieser Arbeit", sagt Holmes. "Sie gibt den Frauen ihr Würde zurück und ihr Selbstbewusstsein."

Selbstbewusstsein, Selbständigkeit und Bildung - diese drei Dinge sollen frühere Leibeigene zu einem Leben in Freiheit befähigen. "Die meisten der befreiten Kinder sind verschüchtert und vollkommen ungebildet", sagt Shailaja CM, die aus Südindien stammt. Sie war einmal Nonne. Bis sie zufällig Holmes traf und von seinem Kinderprojekt erfuhr. Jetzt trägt sie einen schwarzen Trainingsanzug und betreut zusammen mit Holmes die drei EBT-Schutzheime im Umland Katmandus.

Crashkurs in Lesen, Schreiben, Lebensführung

Knapp 100 Kinder leben hier, neben den Zirkuskindern auch einige Gefängnis- und Straßenkinder. Es gibt Gemeinschaftsschlafräume, ein Musikzimmer, eine kleine Bibliothek, ein Spiel- und Fernsehzimmer mit Teppichboden. Shailaja CM ist streng mit den Kindern: "Einmal pro Woche, freitagabends, dürfen sie den Fernseher einschalten." Die restliche Zeit bleibt er unter einer Häkeldecke versteckt.

Auch einen Klassenraum gibt es, im hellrosa gestrichenen Haupthaus. "Nach ihrer Befreiung bekommen die Kinder ein Jahr lang informell Unterricht", sagt Shailaja CM - ein Crashkurs in Lesen, Schreiben und Lebensführung. "Dann schulen wir sie direkt in die 7. oder 8. Klasse ein." Dort sind sie zwar bis zu fünf Jahre älter als ihre Klassenkameraden, und ihre Wissenslücken sind riesig. Doch dagegen gibt es Nachhilfeunterricht: zwei Stunden frühmorgens vor der Schule, zwei Stunden nachmittags.

Shailaja CM und ihre Kollegen kennen die Spätfolgen der Zirkustortur: "Viele der Kinder haben Hörprobleme und sind vergesslich, weil sie im Zirkus auf den Kopf geschlagen wurden." Immer auf den Kopf. So blieben die blauen Flecken während der Vorführung unsichtbar, von den Haaren verdeckt.

"Diesmal bist du derjenige, der angekettet ist"

Auch die seelischen Schäden der Kinder blieben in manchen Fällen lange verborgen. Anfang 2006 kam Katharina Tomoff, eine junge deutsche Psychologin, für einige Monate nach Katmandu: "Das Konzept 'Psychologie' kannte man einfach nicht. Ich erklärte den Einheimischen, ein Psychologe ist wie ein Doktor - nur eben nicht für den Körper, sondern für die Seele." Um das Erlebte zu verarbeiten, helfen Gespräche, in denen Zirkuskinder sich ihr Leid von der Seele sprechen können. Allerdings: In Nepal behält man sein Gefühlsleben für sich. Getarnt als Englisch- oder Gesangsunterricht, brachte Katharina Tomoff den Kindern bei, ihre Gefühle auszudrücken.

Der Bildungsweg, den der EBT den befreiten Kindern eröffnet, fällt mal länger, mal kürzer aus. Holmes sagt: "Wir unterstützen sie auch in ihren sonstigen Interessen, beim Tanzen, Musizieren, beim Sport." Sunita, die Ende 2004 als 14-Jährige aus dem Weston Circus befreit wurde, ist inzwischen Jahrgangsbeste ihrer Schule und wird bald studieren. Aman, der Anfang 2004 bei der ersten Razzia des EBT freikam, gehörte bei den letzten Nationalen Sportspielen mit sechs Medaillen zu den besten Athleten Nepals.

Wenn Holmes von dem wieder gewonnenen Selbstbewusstsein Shwetas erzählt, gerät er selbst ins Staunen. "Für Vergewaltigungsopfer ist es nie leicht, über das Erlebte zu sprechen. Doch in dieser Ecke der Erde ist es extrem hart." Es ist eine Schande. Ein Tabu. Shweta aber hat das Schweigen gebrochen. Anfang des Jahres trat sie im Prozess gegen ihren Peiniger als Hauptzeugin auf. Trotz des Tabus. Trotz der Drohungen des Zirkusbesitzers.

Gefasst saß sie ihm gegenüber, schilderte das Geschehene. Als er sie anbrüllte und in seinen Handschellen tobte, sah sie ihm ins Gesicht. Und sie sagte: "Diesmal bist du derjenige, der angekettet ist."

*: Namen geändert

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1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Rainer Helmbrecht 11.12.2009
Zitat von sysop12.000 Kinder und junge Frauen aus Nepal werden jährlich als moderne Sklaven nach Indien verkauft. Ein britischer Ex-Soldat kämpft dagegen - er hat schon Hunderte Minderjährige befreit, die schwer misshandelt wurden und in Zirkussen als Attraktionen auftreten mussten. Nun lernen sie das Leben in Freiheit. .....
Was dieser Mann tut, ist eine große Tat, aber nur eine Kleinigkeit, wenn man sieht, was Kindern überhaupt angetan wird. Natürlich nicht hier in Deutschland, aber egal wo, sie werden benutzt. Mit dem Wissen von Regierungen und Organisationen. Ein Grund besteht, meiner Meinung darin, dass Kinder bei uns übertrieben geschützt werden. Da wird das runter bringen des Mülleimers schon als Sklavenarbeit gesehen. Das Bild wird einfach so verzerrt, dass bettelnde Kinder in Asien und Afrika nur noch als "süß" wahrgenommen werden. Die Berichterstattung darüber, soll unterhalten und nicht Aufrütteln. MfG. Rainer
2. tja...
Fabsterman 11.12.2009
Das ist die Natur des Menschen.... wann immer irgendwo ein Dollar verdient werden kann egal zu welchem Preis, egal wer was dafür erdulden muss wird es jemanden geben der seinen Mitmenschen die furchtbarsten Dinge antut um dieses Geld einzustreichen. Menschenhandel und Sklaverei ist auch in diesem Land an der Tagesordnung, vielleicht nicht von der Obrigkeit dank Schmiergeldern geduldet aber trotzdem existent (asiatische Menschen in Restaurants, Prostituierte, Bettler, Drücker und was weiss ich noch alles von dem ich noch nichts weiss) .... so wird es leider immer bleiben...
3. tja...
Fabsterman 11.12.2009
Das ist die Natur des Menschen.... wann immer irgendwo ein Dollar verdient werden kann egal zu welchem Preis, egal wer was dafür erdulden muss wird es jemanden geben der seinen Mitmenschen die furchtbarsten Dinge antut um dieses Geld einzustreichen. Menschenhandel und Sklaverei ist auch in diesem Land an der Tagesordnung, vielleicht nicht von der Obrigkeit dank Schmiergeldern geduldet aber trotzdem existent (asiatische Menschen in Restaurants, Prostituierte, Bettler, Drücker und was weiss ich noch alles von dem ich noch nichts weiss) .... so wird es leider immer bleiben...
4. Kinder als Sklaven
mayomay 11.12.2009
Klar, aber es gibt nichts gutes, ausser man tut es...Wo/wie kann ich wenigstens finanziell den Holmes unterstützen?
5. Unterstützen
aspelin 11.12.2009
Hallo mayomay und alle anderen, die im Bericht erwähnte Psychologin hat mittlerweile einen gemeinnützigen Verein in Deutschland gegründet. Dieser Verein unterstützt das im Artikel erwähnte und andere Projekte in zusammenarbeit mit dem Verein von Philip Holmes. Informationen und Spendenmöglichkeiten findet ihr auf http://www.hatemalo.de Dort gibt es auch den Link zu EBT.
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