Kinder in Mexiko: Koks abwiegen für Papa

Von Gregor Waschinski, Tijuana

Sie leben in Tijuana, der "Stadt ohne Gesetze". Im Norden Mexikos wachsen viele Kinder und Jugendliche in Revieren von Drogenkartellen auf, sehen manchmal auf dem Schulweg Leichen. In einem speziellen Fach sollen Cristóbal, 12, und seine Mitschüler jetzt lernen, sich von Banden fernzuhalten.

Schulkinder in Mexiko: Leben im Drogenkrieg Fotos
Gregor Waschinski

Es gibt sicherlich bessere Viertel als das, in dem Cristóbal aufwächst. Vor einiger Zeit habe er auf seiner Straße ein Auto gesehen mit mehreren Toten im Kofferraum, verstaut in blutigen Säcken, erzählt der Junge aus dem nordmexikanischen Tijuana. Und das Haus gegenüber mache auch Probleme, das habe ein Sondereinsatzkommando kürzlich schon zum zweiten Mal gestürmt.

Cristóbal sagt das alles sehr nüchtern, fast ein bisschen zu gleichgültig, zu cool für seine zwölf Jahre. Denn was er erlebt hat, dürften Gleichaltrige in Deutschland allenfalls aus Filmen kennen, die für ihre Altersgruppe noch gar nicht freigegeben sind.

Die zierliche Itze mischt sich ein. Sie steht neben Cristóbal auf dem sandigen Hof der Adolfo-López-Mateos-Mittelschule, ein Flachbau aus knallrot gestrichenen Backsteinen. Wie alle Kinder in Mexiko tragen sie eine Schuluniform, Pullunder und weißes Hemd. Itze berichtet von Drogendealern, die ganz in der Nähe ihres Hauses herumlungern. "Raubüberfälle, Tote, Entführungen. Ich fühle mich nicht sicher", sagt sie. Ihr Pferdeschwanz wippt dabei auf und ab.

Seit Jahren verbreiten die Drogenkartelle vor allem in den nördlichen Bundesstaaten von Mexiko Angst und Schrecken. Im Kampf um die besten Schmuggelrouten in die USA sind sie kompromisslos. Nach einer Aufstellung der Zeitung "El Universal" von Anfang Oktober sind in diesem Jahr bereits mindestens 5637 Menschen durch den Drogenkrieg ums Leben gekommen - mehr als im gesamten Jahr 2008.

Lehrer gegen die Kartelle, ohne Gewehr und Uniform

In Tijuana, das unweit von San Diego an der US-mexikanischen Grenze liegt, stehen regelmäßig grausige Meldungen in den Lokalzeitungen: Mal werden 16 Leichen gefunden, mal fünf, einige sind enthauptet, andere von Kugeln durchlöchert. Anfang des Jahres schnappte die Polizei hier einen Mann, der nur "El Pozolero" - der Suppenkoch - genannt wurde. Er soll Hunderte von Leichen für die Drogenmafia in Lauge aufgelöst haben.

Um gegen die Kartelle vorzugehen, hat die mexikanische Regierung der Polizei fast 50.000 Soldaten zur Seite gestellt. Auch Silvia Ana Díaz kämpft gegen die Drogengewalt, allerdings trägt sie weder Gewehr noch Uniform. Díaz ist eine Lehrerin von Cristobál und Itze. Sie unterrichtet ein Fach, das Drogenbanden den Nährboden entziehen soll. Dreimal pro Woche bekommen die Schüler von ihr eine Lektion in "Cultura de la Legalidad", jener Kultur von Recht und Ordnung, an der es derzeit so fehlt, im Norden Mexikos.

"Fast jeder kennt jemanden aus der Nachbarschaft oder der Familie, der von Entführungen, von Mord oder Drogensucht betroffen ist", sagt Díaz. Schüler hätten ihr erzählt, wie sie ihren Vätern und Brüdern beim Abwiegen und Verpacken von Kokain helfen mussten. "Meine Klasse ist ein Ort, wo man ganz allgemein über die Erfahrungen mit der Gewalt reden kann", so die Lehrerin. Im Unterricht gehe es um die praktische Anwendung von Werten und sozialem Verhalten auf das eigene Leben, die eigenen Erlebnisse. Das mache das Fach anders als Gesellschaftskunde oder Ethik, die in Mexiko ebenfalls auf dem Lehrplan stehen.

Recht und Gesetz als Schulfach

Cristóbal, Itze und ihre Mitschüler sitzen im Klassenzimmer und sollen erzählen, was sie bei Frau Díaz lernen. "Wir müssen uns daran gewöhnen, das Gesetz zu respektieren", sagt eine Schülerin. Eine Klassenkameradin sagt, sie sollten zu "guten Bürgern" erzogen werden. Dann hebt Cristóbal die Hand. "Die Kinder sind die Zukunft Mexikos", sagt er. "Und wenn die Kinder nicht erzogen werden, werden sie als Erwachsene kriminell."

Ende der neunziger Jahre führten die Schulbehörden im Bundesstaat Baja California das neue Fach als Pilotprojekt ein; inzwischen wurde es angesichts der Probleme mit Drogenbanden auf fast den ganzen Norden Mexikos ausgedehnt. Allein in Baja California lernen derzeit mehr als 30.000 Schüler in weiterführenden Schulen den richtigen Umgang mit Recht und Gesetz im Alltag.

Der Unterricht solle, die Schüler zu "informierten und überzeugten Verteidigern des Rechtsstaates" machen, sagt Francisco Rivas. Der Jurist arbeitet im Zentrum für Rechtskultur, einem futuristischen Neubau am Rande von Tijuana. Hier koordinieren Pädagogen, Psychologen, Rechtsexperten und freiwillige Helfer das "Programm zur Schärfung der Bürgersinne", das mit viel Geld aus den USA unterstützt wird.

Auf Rivas' Tisch liegen zwei dicke Bücher mit dem Lehrplan. Die Schüler erarbeiten Schlüsselkonzepte einer funktionierenden Demokratie und lernen über die Folgen der Drogenkriminalität, aber auch von Korruption, Menschenschmuggel oder Produktpiraterie. Sie sollen Theaterstücke über ihre Erfahrungen verfassen, in der Klassengemeinschaft als demokratische Übung eine Selbstverwaltung aufbauen, in höheren Jahrgängen auch soziale Projekte in der Gemeinde starten.

Die Kinder nennen ihre Stadt "gewalttätiges Tijuana"

"Ich bin überzeugt, dass wir die Kriminalität mit dem Programm verringern", sagt Rivas. Studien über "Cultura de la Legalidad" zufolge habe das Wissen über Demokratie und Rechtsstaat deutlich zugenommen. So habe eine Untersuchung in Klassenzimmern Baja Californias gezeigt, dass drei Viertel der Schüler gewillt seien, die gelernten Regeln in ihrem Leben anzuwenden.

Doch die Drogenbanden sind in den vergangenen Jahren noch gefährlicher worden, trotz pädagogischer Förderung der Rechtstaatlichkeit. Mindestens eine Generation dauere es, um die Werte grundlegend zu ändern. "Es gibt keine schnelle Lösung", betont Rivas. Und da draußen in Tijuana entstehe jedes Jahr ein neues Armenviertel, Nachwuchs für die Kartelle. Leute aus dem ganzen Land kämen hierher, suchten Arbeit und ein Schlupfloch in die USA. "Für Kinder aus diesen Vierteln ist die Schule die einzige Institution, die sie in die Gesellschaft eingliedern kann", so Rivas.

Cristóbal und seine Mitschüler sprechen am Ende der Stunde über den britischen Actionfilm "Outlaw", den sie letzte Woche gesehen haben. Darin kämpft eine Gruppe Gesetzloser gegen die Regierung. Als Hausaufgabe sollten die Schüler ein eigenes Filmplakat malen. Viele der Poster drehen sich um den Drogenkrieg, sie haben Überschriften wie "Stadt ohne Gesetz" oder "Gewalttätiges Tijuana". Ihre Lehrerin Díaz kann nur hoffen, dass ihre Schüler beim tödlichen Drama an der Grenze zu den USA nicht auch irgendwann in einer Haupt- oder Nebenrolle auftauchen.

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Zum Autor
Gregor Waschinski
Gregor Waschinski, Jahrgang 1981, studierte in München Journalismus und in Paris Europäische Studien. Seit 2007 ist er Redakteur der Nachrichtenagentur AFP. Derzeit schreibt er aus Los Angeles freiberuflich, als Arthur-F.-Burns-Stipendiat der Internationalen Journalistenprogramme.

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