Kolumbien: Lesbisches Pärchen aus der Schule gejagt

Von Tobias Käufer

Kann denn Liebe Sünde sein? Im erzkatholischen Kolumbien schon: Zwei lesbische Schülerinnen erlebten eine Hexenjagd plus Spießrutenlauf. "Wir wollen sie nicht", brüllte ein Hasschor von 700 Mitschülerinnen Angela und Maria entgegen. Die Rektorin hat viel Verständnis für das Mobbing.

Die Mauer der Ablehnung war 700 Mädchen stark: Als die beiden Schülerinnen Angela*, 16, und Maria*, 17, den Schulhof des Colegio Leonardo Da Vinci im kolumbianischen Manizales betraten, empfing sie der hasserfüllte Chor ihrer Mitschülerinnen. "Wir wollen sie nicht, wir wollen sie nicht", schallte es den beiden jungen lesbischen Kolumbianerinnen entgegen. Sie schauten auf all die Plakate mit eindeutigen Parolen - ein bedrohlicher Wall von brüllenden Schülerinnen der Mädchenschule.

Schulrektorin Magola Franco Pérez ließ der perfekt organisierten Demonstration ihren Lauf und unternahm nichts, um der verbalen Hetzjagd ein Ende zu bereiten. "Sie haben das Recht zu protestieren", sagte sie der kolumbianischen Tageszeitung "El Tiempo". Die "Meinungsäußerung" der offenbar bestens vorbereiteten Schülerinnen sei völlig spontan und ohne jedwede Unterstützung der Schulleitung entstanden. Für so viel Entgegenkommen der Rektorin gab es ebenfalls anerkennende Sprechchöre: "Magola, Magola", feierte die Schülerschaft ihre Schulleiterin.

Eine verhängnisvolle Affäre

Das Schauspiel vergangener Woche in der malerischen Stadt Manizales bildete den vorläufigen Schlusspunkt einer monatelangen Auseinandersetzung zwischen den lesbischen Schülerinnen und der Rektorin. Ans Tageslicht gekommen war die verhängnisvolle Affäre, als die über an der Schule kursierende Gerüchte offenbar bestens informierte Rektorin die beiden Schülerinnen zu sich gerufen und auf die Liaison angesprochen hatte. "Danach begann der ganze Ärger", erinnert sich Maria, die vor dem Outing schlaflose Nächte verbrachte.

Rektorin Magola verwehrte daraufhin den beiden Mädchen die Immatrikulation. "Als wir uns im Januar für das nächste Schuljahr einschreiben lassen wollten, haben sie uns abgelehnt. Die Rektorin sagte uns, wir seien betrunken zum Unterricht erschienen. Aber das ist eine Lüge. Sie wollten uns nicht, weil wir ein Liebespaar sind", sagte die jüngere der beiden Schülerinnen dem Internetportal Terra Colombia.

Die Medien des Landes verfolgen den Streit aufmerksam, seit Angela und Maria nach dem kalten Rausschmiss erfolgreich auf Wiederaufnahme in den Schulbetrieb klagten. Hilfe bekamen sie dabei von Gustavo Restrepo Pérez, Ombudsmann des Departements Caldas, dessen Hauptstadt Manizales ist. Er berief sich auf die Gleichheit vor dem Gesetz und die persönliche Freiheit der Schülerinnen.

Mit Erfolg: Kurz vor Ablauf der Frist wurde der Schulverweis gerichtlich aufgehoben. Binnen 48 Stunden musste die Schule den beiden Schülerinnen die Teilnahme am Unterricht wieder erlauben.

"Auf der Straße werden wir alle als Lesben beschimpft"

Doch nach der Niederlage der Schule wurde der Gang zurück in ihre Klassen für die beiden Mädchen zum hässlichen Spießrutenlauf. "Niemals hätte ich gedacht, dass so etwas passieren könnte", sagte die Mutter einer der beiden Schülerinnen, fassungslos ob des hasserfüllten Empfangs. Sie hatte zusammen mit Ombudsmann Gustavo Restrepo und dessen Kollegin María Helena Castrillón die beiden Schülerinnen auf ihrem Weg zurück an die Schule begleitet.

Zwei Sprecherinnen der Schülerschaft rechtfertigten derweil ihre Demonstration: "Auf der Straße werden wir mittlerweile alle als Lesben beschimpft." Ombudsmann Gustavo Restrepo indes kommentierte gegenüber kolumbianischen Journalisten das Verhalten der Schule sarkastisch: "Es fehlt nur noch, dass wir in Manizales neue Schulen einführen müssen - eine nur für lesbische Schülerinnen, eine nur für Schwarze und eine nur für Marihuana-Raucher."

Homosexualität gilt im tief katholischen Kolumbien immer noch als Sünde. Fast 90 Prozent der Einwohner sind Katholiken. Trotz des starken Einflusses der Kirche unterzeichnete der konservative Präsident allerdings jüngst ein Gesetz zur Stärkung von homosexuellen Paaren.

Ganz allein bleiben Angela und Maria am Colegio Leonardo Da Vinci dann aber doch nicht: Einen Tag nach dem bitteren Empfang hatte sich eine Gruppe von Schülerinnen demonstrativ am Eingang versammelt, um das Duo mit symbolträchtigen Umarmungen zu empfangen. Sie hatten eine Liste mitgebracht, auf der mehr als 90 Schülerinnen dafür unterschreiben hatten, dass Angela und Maria wieder ganz normal zur Schule gehen dürfen.

(*Namen geändert)

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