Streik in Chicago: Lehrer legen Schulen lahm

Für 350.000 Kinder bedeutet er schulfrei, für die Eltern ist er ein Ärgernis: Der Arbeitskampf der Chicagoer Lehrer geht in Woche zwei, nachdem Gewerkschafter am Wochenende ihr Veto gegen eine Schlichtung einlegten. Für Präsident Barack Obama wird die Lehrer-Wut zum Wahlkampfproblem.

Lehrerstreik in Chicago: "Wir sind nicht glücklich" Fotos
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Fast schon schien der Lehrerstreik in Chicago beendet - jetzt geht er doch weiter. Damit haben rund 350.000 Schüler und Kindergartenkinder bereits die zweite Woche unfreiwillig frei. Was viele Kinder freuen dürfte, treibt die Eltern zunehmend zur Verzweiflung, wissen sie doch allmählich nicht mehr, wohin tagsüber mit ihren Kindern.

Am Sonntag lag noch ein Einigungsentwurf vor, den die Gewerkschaft für ihre rund 26.000 Lehrer gemeinsam mit der Stadt ausgearbeitet hatte. "Ich denke, jeder möchte zurück in den Klassenraum", sagte der Delegierte Kevin Hough der "New York Times". Aber jeder habe auch Angst vor einem schlechten Ergebnis. Durch die Fortsetzung des Streiks gewinnen die Lehrer nun Zeit, den Einigungsentwurf zu prüfen. Die Präsidentin der Lehrergewerkschaft, Karen Lewis, sagt: "Unsere Mitglieder sind nicht glücklich. Sie wollen wissen, ob sie noch mehr aushandeln können."

Einen derartigen Streik hat es in Chicago seit 25 Jahren nicht gegeben. Landesweit interessieren sich Eltern, Lehrer und Politiker dafür, weil er ein Schlaglicht auf eine Diskussion wirft, die nicht nur Chicago betrifft: Wie können Schulen in ärmeren Großstadtvierteln reformiert werden? Die Gewerkschaft wünscht sich für öffentliche Schulen mehr Geld und mehr Ressourcen, nur das könne helfen, die Qualität zu verbessern. Chicagos Bürgermeister Rahm Emanuel plädiert dafür, dass schwächelnde Schulen geschlossen und mit neuem Personal wieder geöffnet werden. Das sei die beste Chance für Schüler.

Allmählich bringt der Streik auch Präsident Barack Obama in eine Zwickmühle: Denn für seine Wiederwahl im November benötigt er die Unterstützung der Gewerkschaften, und die wenden sich mit dem Streik nun gegen Chicagos Bürgermeister Emanuel - ein Demokrat, der früher für Obama als Stabschef im Weißen Haus gearbeitet hat. Bislang hielt sich Obama in dem Streik zurück, fraglich ist, wie lange noch.

Gewerkschaft fürchtet Entlassung von 6000 Lehrern

Die Lehrer protestieren vor allem gegen ein neues Bewertungssystem. Der Plan sieht vor, dass sie zukünftig eine bessere oder schlechtere Bewertung bekommen, je nachdem wie ihre Schüler in Tests abschneiden. Da sei unfair, beklagt die Gewerkschaft. Denn andere Faktoren würden gar nicht berücksichtigt, Armut und Gewalt beispielsweise könnten Schülerleistungen auch negativ beeinflussen. Die Gewerkschaft befürchtet, dass durch das neue System bis zu 6000 Lehrer entlassen werden könnten.

In dem Einigungsentwurf hat die Gewerkschaft laut "New York Times" ausgehandelt, dass erfahrende Lehrer durch das neue Bewertungssystem zunächst keine Kündigung fürchten müssen. Denn für das erste Jahr ist eine Art Testlauf vereinbart. Außerdem sieht der Entwurf vor, dass in den kommenden Jahren die Lehrer über 17 Prozent mehr Gehalt bekommen. Insgesamt würde sich die Gehaltserhöhung in den kommenden vier Jahren auf 295 Millionen Dollar (rund 225 Millionen Euro) summieren, sagte der Bürgermeister. Das könnte den finanziellen Engpass der öffentlichen Schulen in Chicago verschärfen.

Einige Lehrer wollten die Einigung sofort akzeptieren und wieder unterrichten, doch die Mehrheit votierte für eine Fortsetzung des Streiks. Am Dienstag will sich die Gewerkschaft erneut treffen, wenn sie sich einigen, könnte der Streik am Mittwoch beendet sein. Vielleicht zwingt ein Gericht die Lehrer auch früher zurück in ihre Schulen, denn der Bürgermeister will die Fortsetzung des Streiks gerichtlich verbieten lassen.

In der ersten Woche, das zeigten Umfragen, unterstützten Chicagos Eltern und Wähler noch den Streik. Die Gewerkschaft versuchte auch, viele Eltern auf ihre Seite zu ziehen, indem sie von den Problemen in Schulen erzählten, von fehlenden Klimaanlagen, von fehlenden Büchern und fehlendem Toilettenpapier. Viele Eltern arbeiteten in der ersten Streikwoche von zu Hause, organisierten Babysitter, manche nahmen ihre Kinder auch mit zur Arbeit. Einige Schulen hatten auch geöffnet, um Kinder notfalls aufzunehmen. Allmählich dürfte aber vielen Eltern eher so zumute sein, wie dieser alleinerziehenden Mutter, die sagt: "Ich habe die Nase voll und bin sehr wütend."

fln/AFP/AP/Reuters

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