Zwangsferien in Dänemark: Lasst uns endlich wieder in die Schule

Von Julia Müller, Kopenhagen

Zwangsferien in Dänemark: "Lasst uns rein" Fotos
Julia Müller

Kaum zu glauben: In Dänemark sehnen sich die Kinder zurück in die Schule. Wegen eines Tarifstreits dürfen seit drei Wochen 52.000 Lehrer nicht unterrichten. Der Staat will sich nicht einmischen, Unternehmen bauen Büroräume in Kinderzimmer um, Eltern engagieren Privatlehrer.

Er hätte nie gedacht, dass er das einmal sagen würde, aber er vermisst die Schule. Nicklas Jønsson, 17, fehlen seine Freunde - und auch die Lehrer. Spät aufstehen, Basketball spielen, fernsehen, rumhängen: Jeder Tag fühle sich an wie Wochenende, und das seit fast drei Wochen. Viele dänische Schüler denken inzwischen ähnlich.

Seit Ostern sind im ganzen Land die Gesamtschulen und einige weitere Bildungseinrichtungen geschlossen. Rund 52.000 Pädagogen dürfen nicht unterrichten. Ihre Arbeitgeber, die kommunalen Schulbehörden, haben sie ausgesperrt. Betroffen sind etwa 566.000 Jungen und Mädchen an dänischen Gesamtschulen, den Folkeskoler, hier lernen Kinder von der Vorschule bis zur 9. Klasse. Die unfreiwilligen Ferien sind das Ergebnis eines erbitterten Tarifstreits: Auf der einen Seite stehen die großen Lehrergewerkschaften, auf der anderen die Kommunen, sie werden vertreten durch die Organisation Kommunernes Landsforening.

Die Kommunen verlangen von den Lehrern längere Unterrichts- und Anwesenheitszeiten: Sie sollen künftig 25 Stunden die Woche unterrichten und bis etwa 16 Uhr in der Schule präsent sein, Gesamtschulen würden damit zu Ganztagsschulen. Außerdem sollen Schulleiter künftig das Verhältnis von Unterrichts- und Vorbereitungszeit künftig selbst festlegen dürfen. Die Lehrergewerkschaften lehnen das ab. Sie fürchten, dass so die Qualität des Unterrichts leidet und dänische Schulen zu "Discount-Schulen" verkommen. Auch viele Eltern äußern sich skeptisch und fragen: Wann haben die Kinder dann noch Zeit zum Spielen?

Anders als in Deutschland arbeiten Lehrer in Dänemark nicht als Beamte, sondern als Angestellte. Rund 95 Prozent sind in Gewerkschaften organisiert, entsprechend heftig reagieren sie im Arbeitskampf auf diese ungewöhnlich harte Maßnahme. Dabei setzen sie auf möglichst kreative Aktionen, mit denen sie um Verständnis werben: In den vergangenen Tagen tanzten sie unter anderem bei einem "Lunch Beat" vor dem Kopenhagener Rathaus, luden zu Konzerten mit Protestsongs ein und bildeten eine knapp 35 Kilometer lange Menschenkette von Roskilde bis nach Kopenhagen.

Eltern nehmen ihre Kinder mit zur Arbeit

Jeden Tag gebe es bis zu sieben verschiedene Aktionen, sagt die Lehrerin Sasia Hviid Nielsen, sie unterrichtet seit zwei Jahren an der Hendriksholm Skole in einem Kopenhagener Vorort. Anfangs sei sie noch euphorisch gewesen. "Inzwischen macht mich die ganze Situation traurig. Wir wollen arbeiten und dürfen es nicht." Wie viele andere Lehrer hat sie ihr Profilfoto bei Facebook durch eine graue Silhouette ersetzt, auf knallgelbem Hintergrund steht das Wort "Lockoutet" - "ausgesperrt".

Die Eltern stellen diese unverhofften Ferien vor massive Probleme: Wer keinen Urlaub mehr hat und von Familien und Freunden nicht unterstützt wird, muss die Kinder mit zur Arbeit nehmen; so hat beispielsweise die Carlsberg-Brauerei Büroräume kurzerhand in Kinderzimmer umgewandelt.

Rolien Créton nahm ihre Tochter und deren Freundin mit zu einer Pressekonferenz: Die beiden Mädchen malten, während die neue Premierministerin von Grönland über Uranabbau und die Unabhängigkeit von Dänemark referierte. "Die Situation ist absurd", sagt die Journalistin. "Langsam wird es langweilig, immer nur zu spielen und gar nichts mehr zu lernen", sagt ihre achtjährige Tochter. "Ich will später einmal einen guten Job haben, dafür müssen wir doch zur Schule gehen", sagt ihre Freundin mit ernster Miene.

Mutter bezahlt Privatlehrer

Auch Michelle Hviid macht sich Sorgen um die Schullaufbahn ihres Sohnes, deswegen hat sie Privatlehrer organisiert. Einmal in der Woche paukt der 14-Jährige jetzt Französisch und Mathe. "Das kann sich natürlich nicht jeder leisten, es entsteht ein Ungleichgewicht", sagt die Mutter.

Besonders problematisch ist der lange Unterrichtsausfall für die Schüler der neunten Klasse: Im Mai stehen ihre Abschlussprüfungen an, danach entscheidet sich, welche weiterführende Schule sie besuchen. In einem Interview mit der Tageszeitung "Politiken" schätzte die Gewerkschaftssprecherin Jeanne Jacobsen, dass kein Neuntklässler mehr auf die vorgeschriebene Stundenzahl kommt. Ob das durch verkürzte Sommerferien oder Nachmittagsunterricht aufgeholt werden sollen, ist unklar.

Richtige Notfallpläne gibt es nicht. Berit Mørkeberg gehört zu den wenigen Gesamtschullehrern, die derzeit arbeiten dürfen, denn sie hat einen anderen Vertrag als ihre jüngeren Kollegen. Seit 35 Jahren unterrichtet sie schon, eine Situation wie diese hat sie noch nie erlebt: "Unsere Schule ist wie ausgestorben. Statt normalerweise 50 Lehrer sind wir im Moment nur zu fünft." Sie dürfen nur ihre eigenen Klassen in den vorgesehenen Stunden unterrichten. Danach müssen die Kinder wieder nach Hause gehen.

Zurzeit bekommen die Lehrer kein Gehalt. Das Geld in den Streikkassen reiche für etwa zwei Monate, heißt es bei den Gewerkschaften. "Ich habe das Gefühl, dass die Kommunen einfach so lange weitermachen, bis uns das Geld ausgeht", sagt die Lehrerin Sasia Hviit Nielsen. Wann die Schulen wieder geöffnet werden, ist auch nach knapp drei Wochen Ausnahmezustand unklar. Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt erklärte, sie betrachte die Aussperrung als "normalen Tarifkonflikt", in den sich die Regierung erst mal nicht einmischen werde.

"Es ist ein einziges Desaster und niemand übernimmt die Verantwortung", sagt eine andere Mutter. "Wie soll ich meinen Töchtern erklären, dass sie nicht in die Schule können, weil die Verhandlungspartner nicht miteinander reden?"

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1. Lehrer nicht mehr verbeamten!
mischpot 21.04.2013
Aus welchem Grund sollen Lehrer Beamte sein? Jede Schule für sich ist ein kleines Unternehmen mit dem Ziel Schüler zu erziehen und auszubilden. Sind Lehrer Beamte haben Sie keine Triebfeder und sitzen Ihr Tagewerk bis zur Pension mit Besserwisserlichtätigkeiten aus und arbeiten strikt nach Aufgabenkatalog. Dass dieses System keine Zukunft hat ist offensichtlich. Daher Schulreform ändern. Fr. "Dr." Schavan hat nichts zu stande gebracht und Fr. Wanka nimmt man bis jetzt noch nicht einmal war. Kein Wunder das Deutschland in der PISA Studie immer schlechter abschneidet. Der Fisch fängt immer am Kopf an zu stinken.
2. Artikel
berteb 21.04.2013
Zitat von mischpotAus welchem Grund sollen Lehrer Beamte sein? Jede Schule für sich ist ein kleines Unternehmen mit dem Ziel Schüler zu erziehen und auszubilden. Sind Lehrer Beamte haben Sie keine Triebfeder und sitzen Ihr Tagewerk bis zur Pension mit Besserwisserlichtätigkeiten aus und arbeiten strikt nach Aufgabenkatalog. Dass dieses System keine Zukunft hat ist offensichtlich. Daher Schulreform ändern. Fr. "Dr." Schavan hat nichts zu stande gebracht und Fr. Wanka nimmt man bis jetzt noch nicht einmal war. Kein Wunder das Deutschland in der PISA Studie immer schlechter abschneidet. Der Fisch fängt immer am Kopf an zu stinken.
Und das hat jetzt genau was mit dem Artikel zu tun? Übrigens: Gerade dadurch, dass Lehrer verbeamtet sind, können die im Artikel (den Sie ja nicht gelesen oder nicht verstanden haben)beschriebenen Situationen nicht entstehen.
3. Kopfschütteln - über hiesige Zustände
joha617 21.04.2013
In einem Land wie Dänemark mit hoher Bildungsqualität streiken Lehrer massenhaft, weil sie Bedingungen ablehnen, die hier üblich sind. Ich unterrichte 25,5 Stunden und damit schon drei Stunden weniger als meine Kollegen an Real- und Hauptschulen in NRW. Und an einer Ganztagsschule unterrichte ich regelmäßig bis 15:30h mit einem großen Anteil an Aufgaben, Gesprächen und logistischen Herausforderungen, die weder wahrgenommen noch honoriert werden - und auch nicht in eine Kalkulation einfließen, wenn Belastung und Qualität von Unterricht in die Waage kommen sollen. In Deutschland sind nicht einmal 25% der Lehrer angestellt: Würde hier die Mehrheit der Lehrenden monatelang streiken, wenn im Bildungsbreich unfassbar dämliche Entscheidungen getroffen würden .... vermutlich würden die Eltern schon nach zwei Wochen lautstark gegen die Lehrerinnen und Lehrer ihrer Kinder wettern, weil Kinder zuhause zu anstrengend sind und bei der Tagesgestaltung im Weg sind. Nach den Debatten um Bildung der letzten 10 Jahre haben Entscheidungsträger und Gesellschaft immer noch nicht begriffen, welche Konsequenzen es hat, wenn in Bildung nicht investiert wird: Anstände Arbeitsbedingungen gelten als wichtiger Indikator für Motivation, Arbeitszufriedenheit - und Qualität. Bei einem Unternehmen würden Betriebsrat und Arbeitsschutz permanent auf der Matte stehen, wenn die Bedingungen so wie in vielen Schulen wären. An einer Unterrichtsstunde hängen didaktische Vor- und Nachbereitung, Binnendifferenzierung, Inklusion, Leistungsbeurteilung, Motivation und Materialbeschaffung. Jeder, der einen Referendar kennt, kann ja mal fragen, wieviele Stunden Arbeitszeit man in eine einzige Unterrichtsstunde investieren kann -wenn man Wert auf Qualität hat.
4.
testuser300 21.04.2013
Zitat von mischpotAus welchem Grund sollen Lehrer Beamte sein? Jede Schule für sich ist ein kleines Unternehmen mit dem Ziel Schüler zu erziehen und auszubilden. Sind Lehrer Beamte haben Sie keine Triebfeder und sitzen Ihr Tagewerk bis zur Pension mit Besserwisserlichtätigkeiten aus und arbeiten strikt nach Aufgabenkatalog. Dass dieses System keine Zukunft hat ist offensichtlich. Daher Schulreform ändern. Fr. "Dr." Schavan hat nichts zu stande gebracht und Fr. Wanka nimmt man bis jetzt noch nicht einmal war. Kein Wunder das Deutschland in der PISA Studie immer schlechter abschneidet. Der Fisch fängt immer am Kopf an zu stinken.
Genau deswegen verbeamtet man ja hier in Deutschland die Lehrer, um Streiks wie den beschriebenen in Dänemark zu verhindern.
5. Hinweis
SilverTi 21.04.2013
---Zitat--- Anders als in Deutschland arbeiten Lehrer in Dänemark nicht als Beamte, sondern als Angestellte. ---Zitatende--- Folgenden Hinweis möchte ich an dieser Stelle geben: Nicht alle Lehrer in Deutschland sind verbeamtet (was aber aus dieser Aussage hervorgehen könnte)! Die Lehrer in Sachsen sind ebenfalls angestellt; in unserem Bundesland gibt es nämlich keine Verbeamtung. Ich finde die Entwicklung in Dänemark sehr traurig. Wie kann ein Staat seinen Bildungsauftrag nur so vernachlässigen? Allerdings sehe ich die Entwicklung in Deutschland ähnlich... Die Bildungspolitik spart leider an den falschen Enden ... und immer geht es zu Lasten derjenigen, die diese Bildung genießen sollten: die Schüler.
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