Blog über britisches Schulessen: Drei Gurkenscheiben für Martha

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Eine einzige Krokette, kaum Gemüse, dafür öfter ein Haar: Eine neunjährige Britin prangert in ihrem Fotoblog das dürftige Mittagessen in ihrer Schule an. Nach zwei Wochen hat Martha schon mehr als 700.000 Leser, erhält Presseanfragen aus aller Welt - und begeistert Jamie Oliver.

Marthas Blog: Eine Krokette und ein Stückchen Pizza Fotos
David Payne

Vor mehr als zehn Jahren ging die Autorin dieses Textes für einige Monate in England zur Schule. Die neuen Mitschüler waren anfangs ganz doof und später ganz toll. Das Internatsleben ebenso. Das Essen nicht. Es war anfangs mies und es blieb mies, paniert und verkocht, bis Fisch und Fleisch nicht mehr auseinanderzuhalten waren. Jaja, die englische Küche, sagten alle. Die können einfach nicht kochen.

Dann kam Jamie Oliver. Plötzlich gehörten zum Essen auf der Insel frische Zutaten und fröhliches Schnippeln in bunten Holzfällerhemden. Der Superstarkoch nahm sich angesichts zu dicker und ungesund essender Kinder auch die Schulküchen Großbritanniens vor. 2005 startete unter großer Medienbeobachtung seine Schulkampagne "Feed me better", die Regierung versprach Hunderte Millionen Euro für besseres Schulessen.

Zumindest in einem kleinen Ort in der schottischen Grafschaft Argyll hat das alles wenig genützt. Seit rund zwei Wochen tritt die neunjährige Martha Payne in ihrem Blog den Fotobeweis an: Ihr Mittagessen besteht aus einem kleinen Stück Käsepizza, einer Krokette, etwas Mais und einem Muffin. "Ich bin ein wachsendes Kind und ich muss mich den ganzen Nachmittag konzentrieren. Das schaffe ich nicht mit nur einer Krokette", schreibt Martha. An einem anderen Tag bestand neben Burger und Wassereis die einzige frische Zutat aus drei schmalen Gurkenscheiben.

Die Fotos und Beschreibungen der Schülerin erregen inzwischen weltweit Aufsehen, über 700.000 Menschen lesen Marthas Blog, Medien aus den USA, Europa und Asien berichten über das dürftige Mittagessen der Kinder in Argyll.

Martha zählt die Haare auf ihrem Plastiktablett

Zuhause hatte sich die Schülerin schon seit längerem über das Essen in der Schulkantine beschwert, doch die Eltern taten dies als zu vernachlässigende Kindernörgelei ab. Bis Martha, die später Journalistin werden will, Anfang Mai eine Kamera mitnahm. "Um häufig schreiben zu können, überlegte ich, einen eigenen Blog aufzuziehen", berichtet Martha. Jetzt hatte sie ein Thema. "Essen ist uns wichtig", sagt Vater David Payne. Die Familie unterhält eine eigene kleine Farm und baut selbst Gemüse an. Umso schockierter war er über die Fotos seiner mittleren Tochter. "Es ist einfach schrecklich, mit was sie ihre Schultage überstehen muss."

Dabei sei das Kantinenessen bei der Schulbesichtigung mit den Eltern noch großartig gewesen. "Am schlimmsten war, dass unsere anderen beiden Kinder gar nichts zu den Fotos sagten. Es war ganz normal für sie." Als er noch zur Schule ging, sei das Essen zwar nicht super gewesen, doch zumindest wurde er satt. "Es hat sich verschlimmert und nicht verbessert", sagt Payne.

Für ihren Blog zählt Martha, wie viele Bissen das Mittagessen dauerte und wie viele Haare sie auf dem schnöden Plastiktablett gefunden hat. Die weltweite Entrüstung über Marthas Fotos hat die Familie völlig überrascht. "Ehrlich gesagt dachten wir, dass die Großeltern und vielleicht ein paar Onkel und Tanten die einzigen Leser sein würden", sagt der Vater. Doch jetzt sendet sogar ein Mädchen namens Annie aus Taiwan Fotos von ihrem Schulessen nach Schottland. Die große Adelung ließ auch nicht lange auf sich warten: Jamie Oliver schickte der Jungautorin ein signiertes Buch und twitterte "Shocking but inspirational blog. Keep going. Big love from Jamie x".

TV-Auftritte mit Jamie Oliver und in Japan lehnte die Familie ab

Seine Tochter vor dem Rampenlicht zu schützen, ist für Hausmann Payne mittlerweile fast ein Vollzeitjob, TV-Auftritte in London mit Jamie Oliver und eine Einladung zu einem Sender in Japan lehnte die Familie ab. "Es wäre aufregend, das alles zu machen, aber ich würde meine Freunde vermissen", sagt Martha. Sie fotografiert und bloggt stattdessen weiter, ungefähr eine dreiviertel Stunde pro Tag verbringt sie damit. Manchmal beantwortet sie Fragen per Mail. Medienanfragen übernimmt ansonsten Daddy.

Mitschüler und Lehrer unterstützen das Projekt, Eltern bedanken sich in Kommentaren für die Einblicke, und selbst die Schulküche gibt sich schon etwas mehr Mühe. Die Kinder der Payne-Familie werden mittlerweile gefragt, ob die Menge ihnen reicht und dass sie so viel Salat und Früchte haben könnten, wie sie möchten.

Die Schule teilte derweil mit, die Speisen würden den festgelegten nationalen Standards entsprechen. Das findet Vater Payne ärgerlich. Und die Gemeinde, die für das Schulessen von 2,50 Euro pro Tag verantwortlich ist, habe ebenfalls lediglich im Radio gesagt, das Schulessen sei völlig in Ordnung - Martha hätte sich einfach etwas anderes aussuchen sollen.

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insgesamt 96 Beiträge
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1. was....
galahad610 23.05.2012
mich mal interessieren würde: was zur hölle kostet da 2,50 pro tag? da macht sich doch einer die taschen voll! und der burgerbratling ist fertig gekauft worden statt ihn selber zu machen!
2. Die bekommen wenigstens Essen
hallo_welt 23.05.2012
Das britische Schulessen ist ja schon mal besser als kein Schulessen, wie oftmals hier bei uns in Deutschland.
3. "Die anderen machen das auch so!"
TylerD. 23.05.2012
---Zitat von SPON--- Die Schule teilte derweil mit, die Speisen würden den festgelegten nationalen Standards entsprechen. ---Zitatende--- Super nur weil es sonst auch schlecht ist, heißt das nicht, dass der eigenen Zustand damit besser wird. Ich hätte jetzt zuerst gesagt, dass der Staat hier in der Pflicht ist die Versorgung der Schüler zu verbessern und das Budget dafür aufstocken muss. Nur wenn das Essen 2,50€ pro Tag kostet beschleicht mich allerdings das Gefühl, dass dort etwas abgezweigt wird. Denn für diesen Betrag gibts zwar kein Festmahl aber eine anständige Mahlzeit ist allemal drinn. Selbst wenn man die Zutaten im Supermarkt kaufen würde, was Küchen in dieser Größenordernung sicherlich nicht tun.
4.
runzel 23.05.2012
Zitat von galahad610mich mal interessieren würde: was zur hölle kostet da 2,50 pro tag? da macht sich doch einer die taschen voll! und der burgerbratling ist fertig gekauft worden statt ihn selber zu machen!
Das würde mich auch interessieren. Die Fotos sind ein Armutszeugnis für die Schulküche. Mensa-/Kantinenessen wird wohl nie der große Hit werden, aber das da??
5. da macht sich einer die Taschen voll?
brik3010 23.05.2012
Ich weiß nicht, welchen Mehrwert- und Umsatzsteuersatz die Briten haben, und um es gleich vorweg zu sagen: was den Kindern da geboten wird, macht mich fassungslos! Ich arbeite in einer Schulkantine an einer Privatschule: bei uns kostet ein Essen 3,30€, das ist die absolute Schmerzgrenze für die Eltern und manchen auch schon zu viel. Von diesen 3,30€ gehen schon mal 19% Mehrwertsteuer ab, dann nochmal 19% Umsatzsteuer (schließlich setzen die Schüler sich hin zum Essen, da wird das besteuert wie im Restaurant). Bleiben 2,06€, aus denen nicht nur ein wenigstens halbwegs vollwertiges Menu gezaubert werden soll, sondern auch die Lebensmittel selber, die Köchinnen, die laufenden Kosten für Geräte, Wasser, Strom, sowie die Arbeitszeit für die Vor- und Nachbereitung (Einkauf, Lagerung, Aufräumen, Spülen, Putzen) finanziert werden muss. Das wird in England nicht viel anders sein. Glücklicherweise läuft der Kiosk bei uns auch über den Mensabetrieb - der Kiosk finanziert die Mensa mit! Andere Schulmensen werden von der Gemeinde unterstützt und/oder arbeiten mit Einrichtungen für arbeitslose Jugendliche oder Behinderteneinrichtungen zusammen, was natürlich den Posten "Angestelltengehälter" drückt...es gibt sogar Schulkantinen, in denen ehrenamtlich Mütter arbeiten.
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