Austausch-Log Japan: Ab ins perfekt geordnete Chaos

In Tokio fühlt sich Austauschschüler Max Larson, 16, inzwischen nicht mehr hilflos, die schillernde Hektik der japanischen Hauptstadt schreckt ihn nicht - schließlich beherrscht er jetzt die Sprache. Dabei graut es ihm permanent vor dem Rückflug in die Heimat.

Austausch-Log Japan: Schillerndes Tokio, ländliches Shikoku Fotos
Tatsuya Kishimoto

Ich bin seit gefühlten drei Wochen hier, dabei sind es schon sechs Monate. Ich denke viel über das Vergangene nach und frage mich, wo der Dezember, der Januar und Februar hinverflogen sind. Und bevor sich in meinen Gedanken auch nur ein Hauch Aufklärung bilden kann, werde ich wieder in diesen tosenden Strom geworfen, der mein japanisches Leben ist.

Auch wenn es noch vier Monate sind, so erwartet mich doch jeden Tag mein in die Zimmerecke geschobener Koffer und mit ihm eine grimme Erwartung: die Rückkehr nach Deutschland. Der Gedanke wäre schön, wenn er nicht eine so erfüllende Phase meines Lebens unwiderruflich zu Ende brächte. Denn ich habe in diesem anfangs so fremden Land eine neue Heimat gefunden und mir graut vor dem Countdown.

Ich versuche, meine restliche Zeit in Japan gut zu nutzen und lasse keine Gelegenheit aus, Neues zu entdecken. Deswegen freute ich mich auch sehr auf die Hochzeitsfeier in Tokio, zu der mich meine Gastfamilie mitnahm. Ich hatte diese überwältigende Stadt gleich nach meiner Ankunft schon einmal besucht.

Doch jetzt fand ich vieles anders als erwartet. Ich war nicht länger mehr oder weniger hilflos, ich beherrsche jetzt die Sprache. Ich bin nicht bei jeder Kleinigkeit überspannt, ich lebe. Das Gespräch mit dem Bahnhofsangestellten, den ich nach dem Weg fragen musste, erwartete ich nicht mehr mit düsterer Vorahnung. Und ich stellte erfreut fest, dass meine größte Sorge war, ob ich in Tokio mit meinem Dialekt aus der Gegend um Kobe gut klarkommen würde.

Der richtige Ort, um seine Geldbörse zu verlieren

An meinem freien Nachmittag machte ich mich auf den Weg in die Innenstadt und stieß immer wieder auf perfekt geordnetes Chaos. Trotz unglaublicher Menschenmassen funktioniert hier alles bestens: der Nahverkehr, der Rhythmus der Ampeln, das Vorwärtskommen auf den überfüllten Gehwegen und die gegenseitige Rücksichtnahme.

Sogar eine dumme Unachtsamkeit meinerseits bereitete keine Schwierigkeiten. Als ich aus der vielleicht überfülltesten Buchhandlung der Welt kam, stellte ich fest, dass ich mein ausnahmsweise gut gefülltes Portemonnaie neben einem Stapel Bücher vergessen hatte. In Panik rannte ich die sieben Stockwerke zurück hinauf und fand mich inmitten Scharen von Liebhabern japanischer Animes, japanischer Zeichentrickfilme, wieder.

Da zwängte sich ein junger Japaner durch die Menge und fragte mich, ob es meine Geldbörse sei, die er gefunden hatte. Wenn man schon etwas verlieren muss, dann scheint Japan der richtige Ort dafür. Denn wie ich auch von anderen gehört habe, war meine Erfahrung nicht ungewöhnlich.

Am Vorabend der Hochzeit waren wir zu einem klassisch japanischen Abendessen eingeladen - dem wohl besten Essen meines Lebens! Da mein Bruder sich schon vorher mit billigen Reisbällchen aus einem Supermarkt den Appetit verdorben hatte, konnte ich auch noch seinen Teller leeressen - dies war wahrlich nicht der Zeitpunkt, meine besten Manieren herauszukehren.

Ausflug in ein uraltes Badehaus

Einen besonderen Ausflug machte ich mit meiner Gastfamilie auf die Insel Shikoku, der kleinsten und vielleicht ländlichsten der vier Hauptinseln Japans. Per Tunnel durch Berge und auf Brücken über zahllose Meerengen war schon die Anreise ein kleines Abenteuer. Die bewaldeten und meist unbevölkerten Berge zeigten mir wieder einmal den Gegensatz zwischen Stadt und Land, der in Japan so extrem ist.

Nach dem schillernden und erdrückenden Tokio fühlte sich die Stadt Matsuyama auf Shikoku unsäglich befreiend an. Dort hatte meine Gastfamilie ein mit Tatami-Matten ausgelegtes Zimmer in einem traditionell eingerichteten japanischen Hotel gebucht.

Wir besuchten von dort das berühmte Dogo Onsen. Dieses mehr als tausend Jahre alte Badehaus ist wegen seiner Heilquellen ein Kurort und Pilgerziel vieler Japaner - sogar für die Kaiserfamilie, die seit Jahrhunderten hierherkommt. Ein leichter Duft von Bambus liegt in der Luft, und die Wand verzieren mythische Wesen, die einen in die Vergangenheit tragen, wenn man die Augen schließt - in eine Zeit, in der hier wohl noch keine jungen, blonden Ausländer badeten.


Max Larson hat auch eine Facebook-Seite und freut sich über Nachrichten.

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Karte

Fläche: 377.944 km²

Bevölkerung: 126,536 Mio.

Hauptstadt: Tokio

Staatsoberhaupt: Kaiser Akihito

Regierungschef: Shinzo Abe

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