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Mission eines Starkochs: Britische Schüler flüchten vor gesundem Essen

Die fetten Jahre an britischen Schulen sind vorbei, statt Fish 'n' Chips kommen Obst 'n' Gemüse auf den Tisch. Nur: Die dicken Kinder nehmen Reißaus, Eltern mosern. Der Brokkoli-Boykott ist ein herber Rückschlag für Fernsehkoch Jamie Oliver und seine Kantinenrevolution.

Julie Critchlow wurde zum Gesicht des Widerstandes. Als das gesunde Essen im September zur Pflicht in britischen Schulkantinen wurde, startete sie eine Rettungsaktion für Kinder, die nun "hungern mussten": Zusammen mit zwei weiteren Müttern karrte sie einkaufswagenweise Hamburger, Pommes und Sandwiches zur Schule in Rotherham in der Grafschaft South Yorkshire. In jeder Mittagspause.

Durch den Zaun versorgten sie erst nur ihre eigenen Kinder, später verkauften sie das Essen an bis zu 60 Schüler pro Tag. "Die wollen den überteuerten, fettarmen Mist nicht essen", wetterte Critchlow in der britischen Presse. Ihre Mitstreiterin Sam Walker zeigte wenig Verständnis für das Engagement des Fernsehkochs Jamie Oliver, der den neuen Speiseplan erst möglich gemacht hatte: "Er zwingt unsere Kinder, pingeliger beim Essen zu werden."

Der Starkoch Jamie Oliver hatte eine Offensive für gesundes Schulessen gestartet. Seine Mission: weg mit Chicken Nuggets, Fischstäbchen und "Turkey Dinosaurs", her mit echtem, frischem Gemüse und Obst. In seiner Show "Jamie's School Dinners" warb er für eine kleine Ernährungsrevolution - und rannte auch bei der Regierung offene Türen ein, die prompt Unterstützung von über 400 Millionen Euro für den Umbau von Schulküchen und besseres Essen versprach.

"Feed me better" heißt Olivers Kampagne. Viele Schüler allerdings nehmen seitdem Reißaus zu mobilen Frittenhütten in Schulnähe, und auch Eltern rebellierten - allen voran die zornigen Mütter von Rotherham. Sie wurden von Zeitungen "Fleischpasteten-Mamis" genannt. Nachdem die Schule versucht hatte, die Frauen zu vertreiben, und schließlich sogar die Polizei holte, gaben sie ihr Geschäft auf. Und stimmten versöhnlichere Töne an.

Der Anti-Oliver-Effekt: Viele Schüler flüchten

Eigentlich gehe es gar nicht darum, die Kinder mit Junk-Food zu versorgen, erklärten die Mütter einem Reporter der britischen Zeitung "Times". "Ich habe 'Supersize Me' gesehen. Keiner, der bei Verstand ist, würde seinen Kindern täglich Fast Food geben", so die Mutter Marie Hamshaw. Sie seien nur strikt dagegen, dass die Regierung sich so stark in die Angelegenheiten der Eltern einmische: "Dieses Land wird zu Big Brother", sagte Hamshaw in dem Interview. Und: "Wenn die Kinder etwas nicht mögen, essen sie es nicht."

Das scheint sich vorerst zu bewahrheiten. Der stille Widerstand der Schüler ist jetzt erstmals gemessen worden. Nach einer am Montag veröffentlichten BBC-Umfrage essen seit den Neuerungen rund sechs Prozent weniger Kinder in den Kantinen - in einigen der 59 befragten Schulen gingen die Zahlen sogar um 30 Prozent zurück. Viele Schüler boykottieren förmlich das gesunde Essen.

Judy Hargadon, Leiterin des nationalen Ernährungsprogrammes, macht sich noch keine Sorgen und hält den Brokkoli-Boykott für die normale, vorübergehende Folge einer drastischen Umstellung. Der BBC sagte sie, der anfängliche Rückgang sei erwartet worden: "Die Kinder müssen sich noch damit anfreunden, mehr gesundes Essen zu sich zu nehmen. Das wird eine Weile dauern." Irene Carroll ist Vorsitzende der Gesellschaft, die die Schulkantinen mit Essen versorgt. Sie sieht das Problem in den Elternhäusern: "Was sie außerhalb der Schule essen, ist das Problem. Es ist ein hartes Stück Arbeit, die Kinder dazu zu erziehen, das gesunde Essen anzunehmen", sagte Carroll.

Dass die Regierung an dem Programm festhalten wird, steht vorerst außer Frage. Im Europa-Vergleich sind die Briten die Dicksten. Bei den Jungs zwischen elf und 15 leidet jeder Dritte an Übergewicht, bei den Mädchen sind es sogar 45 Prozent. Mittlerweile hat selbst das Militär Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden: Nach einer Studie des National Audit Office genügt nur noch ein Drittel der 16-Jährigen den Gewichtsvorgaben, zwei Drittel sind zu schwer.

Und Julie Critchlows Kinder? Die meiden die Schulkantine - und essen nach dem Stopp der Fastfood-Lieferungen mittlerweile zu Hause.

smv/dpa/AFP

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