Schwedische Vorort-Jugendliche: Jenseits von Bullerbü
Als in Schweden im Frühjahr Autos brannten, sprachen plötzlich alle über Husby, einen Vorort von Stockholm: über die Probleme, Kriminalität, gescheiterte Integration. Viele Jugendliche hat das verletzt. Sie kämpfen für ihr Viertel - auch wenn es manchmal schwerfällt.
Gegen 18 Uhr, kurz bevor er auf die Straße geht, schaut er in den E-Mail-Eingang: Hat die Polizei geschrieben? Ein Lehrer vielleicht? Gab es Ärger heute? Der Rechner steht in einer Wohnung im Erdgeschoss eines Häuserblocks, keine Bilder an den Wänden, kein Teppich auf dem Laminat. Der 25-jährige Daniel Ghirmai arbeitet hier, er gehört zu jenen jungen Menschen, die auf Husby aufpassen sollen, einen Vorort von Stockholm. Er geht durch sein Viertel, spricht mit den Bewohnern. Und er betreut Ungdomsvärdar, was auf Deutsch etwa so viel heißt wie Gastgeber für Jugendliche. Eine Art jugendliche Bürgerwacht.
Die U-Bahn braucht 20 Minuten vom Hauptbahnhof in ein anderes Schweden. Hochhaus reiht sich an Hochhaus, ein paar Bäume verdunkeln den kleinen, zentralen Platz des Ortes, Männer mit grauen Haaren und Schnauzbart sitzen vor Geschäften, die mit orientalischen Delikatessen werben, an der Wand des Supermarkts steht "Fuck" und "Husby Somalia".
Rund 12.200 Menschen leben in Husby, die Arbeitslosenquote ist mit rund neun Prozent fast dreimal so hoch wie in Stockholm, acht von zehn Bewohnern haben wie Daniel Ghirmai ausländische Wurzeln. Jahr für Jahr nimmt Schweden im europäischen Vergleich sehr viele Flüchtlinge auf - 2012 suchten rund 43.900 Menschen Asyl, bei 9,5 Millionen Einwohnern. In Deutschland waren es rund 77.500 Bewerber, bei 82 Millionen Einwohnern. Daniel, sehr höflich, offen und zuverlässig, kam in Eritrea zur Welt, über Jugoslawien und Italien flüchtete er mit Eltern und Geschwistern nach Schweden. Mit seiner dunklen Haut und seinem krausen, kurzem Haar fällt er hier nicht auf. Hier fällt auf, wer blond ist: "Was bist du für eine?", fragt ein junger Mann. "Polizistin, oder was?"
Viele Jugendliche misstrauen der Polizei. "Sie fühlen sich schikaniert", sagt Daniel. Er selbst habe früher oft seinen Ausweis zeigen müssen, weil er anders aussieht als der "Medelsvensson", der Durchschnittschwede.
Brennende Autos, zertrümmerte Scheiben
Vereinzelt hätten Jugendliche in den vergangenen Jahren gegen Beamte rebelliert, sagt die örtliche Polizei. Im Mai allerdings eskalierte die Situation - nicht zum ersten Mal in Schweden. Die BBC berichtete, die "Washington Post", SPIEGEL ONLINE. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb, die Jugendlichen sehnten sich vor allem nach Respekt, die Krawalle sollten den Staat zu mehr Achtung zwingen.
Das alles passte nicht in das Bild, das viele von Schweden haben. Jene, die nur die roten Häuser kennen, die Elche, Bullerbü.
Selbst schwedische Journalisten waren verschreckt: Viele trauten sich in der Zeit nur mit Leibwächtern nach Husby. Daniel schmunzelt. Er sagt, er fühle sich in Husby sicherer als in Stockholm. In den Krawall-Nächten lief er bis in die Morgenstunden durch sein Viertel. "Geht nach Hause! Geht nach Hause", habe er zu den Jugendlichen gesagt.
Ausgelöst hatte die Randale der Tod eines 69-jähriges Mannes in Husby. Er soll Polizisten mit einer Machete bedroht und die Beamten sollen in Notwehr geschossen haben. In den Tagen danach brannten Autos im Großraum Stockholm, 32 verletzte Polizisten, 400 Anzeigen. Und es wurde viel geredet und geschrieben über Kriminalität in Vororten, über gescheiterte Integration, über angestaute Wut.
Gut versorgt, aber nicht gebraucht
Jerzy Sarnecki, Professor am Institut für Kriminologie von Stockholms Universität, kennt diese Probleme aus Großstädten wie Paris und London. Er spricht von einer "urbanen Unterklasse", von jungen Menschen, die keine Arbeit haben, keine guten Schulabschlüsse. Junge Menschen, die sich von der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen, vom schwedischen Staat gut versorgt, aber nicht gebraucht. Schweden nennen das utanförskap, außen vor sein.
Daniel und den anderen jungen Leuten gefällt es nicht, wenn andere so über ihren Ort sprechen. Es verletzt sie. Wer gehört schon gern zu einer Problemgruppe? Daniel kennt einige der Steinewerfer. Es seien pubertierende Jungen gewesen, die Langeweile hatten. Eine Minderheit, wegen der jetzt alle schlecht über Husby denken. Erst die Medienberichte hätten junge Männer aus anderen Vierteln und Städten angelockt. Das vermutet auch der Polizeichef des Ortes.
Er habe sich immer wohl gefühlt in Husby, sagt Daniel. Er würde nie in die Stadt ziehen, sagt Ali, 25. Sie sei enttäuscht, dass Journalisten nicht über das Positive in Husby berichtet hätten, sagt Noshin, 21. Über das Zusammengehörigkeitsgefühl beispielsweise. "Journalisten haben Schmutz auf Husby geworfen", sagt ein junger Mann.
Husby ist ihre Vergangenheit, nicht ihre Zukunft
Husby gehört zur Vergangenheit von Daniel, Ali, Noshin und den anderen Jugendlichen, die sie verteidigen gegen Angriffe von außen. Dabei wissen sie selbst, dass in Husby nicht ihre Zukunft liegt. Aber selbst wenn sie den Vorort verlassen, kommen viele nicht richtig an. So sagt Noshin, die in Schweden geboren und aufgewachsen ist, die in Stockholm Abitur gemacht hat und jetzt studiert: "Eigentlich komme ich nicht aus Schweden." Und Ali: "Schwede bin ich nur, wenn ich ins Ausland reise."
Daniel erzählt, in seiner Klasse am Stockholmer Gymnasium sei er der einzige Schwarze gewesen. Zu seinem 17. Geburtstag habe er alle Mitschüler eingeladen, gekommen ist einer. Die Eltern, sagt Daniel heute, hätten ihren Kindern verboten, nach Husby zu fahren, zu gefährlich.
Daniel sagt, früher habe er selbst Mist gebaut. Dann, am Gymnasium, trainierte er täglich in der Mannschaft Eishockey. Das habe ihn von der Straße geholt. Ab Herbst möchte er Sozialpädagogik studieren - und weiter mit den Ungdomsvärdar arbeiten.
"Die Jugendlichen hängen hier fest"
Vor fünf Jahren hat der Bezirk Rinkeby-Kista, wozu auch Husby gehört, die ersten Ungdomsvärdar engagiert. Sie gehen noch zur Schule oder studieren, sie sind selbst in einem der Vororte aufgewachsen. Die Stadt bezahlt sie dafür, das zu tun, was viele Jugendliche abends und am Wochenende tun: rumhängen. So sollen sie die manchmal große Kluft zwischen Behörden und Jugend überbrücken. Sie wollen Vorbild sein und inspirieren. Sie hören zu, wenn Jugendliche Probleme haben und nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen.
Ob das hilft? Ja, sagen die örtliche Polizei und die Stadtteilverwaltung. Nein, sagt ein junger Mann. Warum? Weil sie nicht aus Husby kämen, sondern aus Kista, so wie Noshin, die zu Fuß fünf Minuten bis Husby braucht. "Kista", sagt er, "Kista ist eine Reise. Die Jugendlichen hängen hier fest."
An diesem Dienstagabend hat die Polizei keine E-Mail geschrieben, Lehrer auch nicht, alles ruhig in Husby. Zu sechst, immer in gemischten Teams, gehen Daniel, Noshin, Ali und die anderen Ungdomsvärdar bis 1 Uhr durch den Ort, immer dorthin, wo Jugendliche sich aufhalten.
Einige Jungs haben sich Wasserbomben gekauft und wollen sie füllen. "Dürfen wir?", fragt ein Zehnjähriger unsicher. "Ja, ihr dürft", sagt Noshin. Daniel grüßt fast jeden, schüttelt die Hand, klopft auf die Schulter, umarmt. Am Sportplatz kicken ein paar junge Männer, andere schauen zu, fahren Rad, quatschen, lachen viel, trinken Wasser statt Alkohol, schließlich sind fast alle gläubige Muslime. Kinder, Jugendliche, junge Männer alle gemeinsam, eine große Gruppe. Nur Frauen sieht man kaum.
"Wir können ja keine Geschenke verteilen"
Auf der Straße erinnert vereinzelt noch verkohltes Blech an die brennenden Autos. Ein Zettel am Supermarkt informiert über das Theaterstück "På min gata", Auf meiner Straße. Es will die Krawalle "mit dem Herzen reflektieren". Die örtliche Polizei sagt, sie habe die Zusammenarbeit mit den Bewohnern verstärkt. Zwei junge Männer standen wegen der Krawalle vor Gericht, 90 Prozent der Ermittlungen hat die Polizei inzwischen eingestellt, ergaben Recherchen von "Sveriges Radio", darunter auch die internen Ermittlungen zum Tod des 69-Jährigen. Der schwedische Integrationsminister besuchte Husby mehrmals. Ansonsten alles wie immer. Bis zu den nächsten Krawallen.
Daniel und seine Ungdomsvärdar versuchen inzwischen weiter für ihren Ort zu werben und andere Jugendliche zu unterstützen. Dabei fällt es ihnen selbst manchmal schwer an Husby zu glauben - auch wenn sie das so direkt nicht zugeben. Ali sagt irgendwann in der Nacht: "Natürlich wäre es besser, wenn alles etwas gemischter wäre. Aber wir können ja keine Geschenke verteilen und so die Schweden hierhin locken."
Daniel Ghirmai hat im Sommer seine eigene Wohnung in Stockholm bezogen. Er sagt: "Eines Tages muss man hier rauskommen."
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