New York: Schluss mit den Schwangeren-Schulen

Von Barbara Hans

Handarbeit statt Hyperbeln, Muttertag statt Mikrobiologie: Schulen für schwangere Mädchen in New York hatten einen ganz eigenen Lehrplan. Mit dem Kuschelkurs ist es nun vorbei - nach 41 Jahren ist der Unterricht speziell für werdende Muttis Geschichte.

"Ich weiß nicht warum, aber die Schule begeistert mich. Und zwar so, dass ich jeden Morgen aufstehe und hingehe", schreibt Jessieven Torres anerkennend auf der Homepage der Martha-Neilson-School. Regelmäßig zur Schule zu gehen, das war für Jessieven und ihre Klassenkameradinnen alles andere als normal. Viele der Mädchen gehörten zu den schlechten Schülern ihrer alten Klasse, schwänzten den Unterricht häufiger, als sie teilnahmen - und schienen mit ihrer Schwangerschaft zu besiegeln, dass sie keine Zukunft haben.

Junge Mütter: Aus für die P-Schools
AP / Detroit Free Press

Junge Mütter: Aus für die P-Schools

Die Martha-Neilson-School, eine der vier New Yorker Schulen für schwangere Mädchen, sollte ihre letzte Hoffnung sein. Unmittelbar nach der Geburt, spätestens aber nach zwei Jahren sollten die Schülerinnen dann zurück zu ihrer alten High School. Das Programm sollte den Mädchen helfen, trotz Schwangerschaft einen Schulabschluss zu schaffen.

Doch anstelle von Abschlüssen produzierten die Schulen in den letzten Jahren vor allem eins: Schulabbrecherinnen mit Baby. Nach 41 Jahren kommt deshalb das Aus für die Einrichtungen. Mit Ende des laufenden Schuljahres stellt die New Yorker Schulbehörde ihr Sonderprogramm für schwangere Schülerinnen ein.

Neben den klassischen Fächern standen bei den P-Schools (P wie Pregnancy, also Schwangerschaft) auch Einheiten zur Kindererziehung und -pflege auf dem Stundenplan. Die Mädchen feierten den Muttertag, nicht den in den USA üblichen Jahresabschlussball ("Prom"). Statt sportlicher Höchstleistungen erbrachten sie Wunderwerke im Fach Handarbeit und nähten zum Beispiel Kissen für Kinderbettchen. Nur konsequent also, dass ein kitschiger Storch die Homepage des Programms für schwangere Schülerinnen ziert.

Die Mütter-Idylle hat ein Ende

Nun soll die Mütter-Idylle ein Ende finden. Eine von der Schulbehörde in Auftrag gegebene Studie hat belegt, wovor Kritiker seit Jahrzehnten warnten: Die P-Schulen erleichtern den Mädchen nicht den Anschluss in ihren alten Schulen - sie erschweren ihn. Die Untersuchung belegt einen Fehlschlag auf ganzer Linie: Wer den Unterricht der früheren Schule geschwänzt hat, geht auch dann nicht hin, wenn Nähen oder Geburtsvorbereitung auf dem Stundenplan stehen. Im Gegenteil. Die Leistungen an den Schwangeren-Schulen sind abgründig, die Fehlstunden-Zahlen horrend und die Möglichkeiten der Schülerinnen, einen Abschluss zu machen, damit begrenzt.

Die Fehlentwicklung beginnt allerdings schon an der ursprünglichen Schule der Mädchen. Viele Teenager mit dickem Bauch wurden an die P-Schools abgeschoben, weil sie schon zuvor durch schlechte Leistungen auffielen. "Die Schwangerschaften bieten den Beratungslehrern die perfekte Gelegenheit, um die Mädchen loszuwerden", sagte Dannette Queen aus der Leitung einer P-School in Harlem der "New York Times". Ihr Vorwurf: Einige würden den Schülerinnen sogar erzählen, dass man in den Schwangeren-Schulen nicht zum Unterricht gehen müsse, um sie ihnen schmackhaft so machen.

Tatsächlich besuchte im Herbst 2006 nur jede zweite Schwangere die P-School, bei der sie gemeldet war, regelmäßig. Und weniger als die Hälfte der Mädchen ging nach der Geburt zurück an die High School. Die Lernerfolge waren schlechter als an anderen staatlichen Schulen, zitiert die "New York Times" die interne Studie.

Das Urteil über die einst hochgelobten Schulen ist vernichtend. Heute gilt die Idee, schwangere Schülerinnen separat zu unterrichten, als antiquiert. Zudem ist die Zahl der Teenagerschwangerschaften in den letzten Jahren in den USA gesunken. Nur noch ein Bruchteil der rund 7000 jungen Mädchen, die pro Jahr in New York ein Kind zur Welt bringen, besucht eine P-School. Die meisten bleiben an ihren High Schools. An fast 40 New Yorker Schulen können junge Mütter ihr Kind während des Unterrichts in eine Kita geben.

Patchwork im Matheunterricht

Dass die jungen Frauen vor allem als werdende Mütter, weniger als wissbegierige Schülerinnen behandelt werden, quittierten US-Zeitungen mit einigem Spott. So wurde an einer Schule eine Patchworkdecke genäht - im Fach Geometrie. "Das hat mit Geometrie zu tun, sie schneiden Vierecke aus", so die Begründung von Schulleiterin Patricia Martin.

Seit die "New York Times" ihr flexibles Mathematik-Verständnis publik machte, darf Martin nur noch mit Erlaubnis der Bildungsbehörde mit Journalisten reden. "Wenn ich die Genehmigung erhalte, würde ich sehr gerne mit Ihnen sprechen", schrieb sie SPIEGEL ONLINE in einer E-Mail. Der Umgang mit den P-Schools ist bei New Yorks Schulbehörde jetzt Chefsache. Doch Leiterin Cami Anderson war für SPIEGEL ONLINE nicht zu erreichen und die Pressestelle nicht bereit, Fragen zu beantworten.

Neu sind die Vorbehalte gegen die P-Schools keineswegs. In den letzten Jahren waren sie weniger wissenschaftlich als weltanschaulich begründet: Die Schulen seien sexistisch, erniedrigend und stigmatisierten ihre Schützlinge, so die Kritik. Die Einwände stammen nicht nur von Außenstehenden: "Mir fällt kein vernünftiger akademischer Grund ein, warum es diese Schulen geben sollte", sagte Benita Miller der "New York Times". Millers Verein "Brooklyn Young Mothers Collective" hat in den P-Schools einmal im Monat einen Workshop angeboten.

Als man sie in den sechziger Jahren einführte, waren die Schulen noch ein wahrer Segen für die Mädchen: Schwangere wurden zuvor aus "medizinischen Gründen" vom Unterricht suspendiert und durften häufig auch nach der Geburt ihres Kindes nicht an ihre Schule zurückkehren. Damals drohte Martha Neilson, die Stadt New York wegen Diskriminierung zu verklagen - und erhielt die Lizenz, eine eigene Schule zu gründen. 40 Jahre später hat die Martha Neilson School nun ausgedient.

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