Aus Seoul berichten Malte E. Kollenberg
Er fror, er hungerte, er durfte nicht lernen. Jeden Tag kämpfte Ok Taek-yeon ums Überleben. Dann floh er mit seiner Familie über China nach Südkorea. Ok Taek-yeon ist 26 Jahre alt und bereitet sich jetzt aufs koreanische Abitur vor. Er sitzt in einem Klassenzimmer der Yeomyung-Schule für nordkoreanische Flüchtlinge in Seoul und erzählt aus seiner Vergangenheit: 25 Jahre lebte er in Nordkorea. Wenn er an seine Eltern denkt, kommen ihm die Tränen. Beide haben die Flucht nicht überlebt.
Es sei doch nichts Verwerfliches, wenn man aus Hunger sein Land verlasse, sagt er, aber er sei dafür festgenommen worden. "Mein gutes Chinesisch rettete mich, ansonsten wäre ich zwangsabgeschoben worden. Was dann passiert, wissen wir hier alle sehr gut." Wer als "Republikflüchtling" in China gefasst wird, wird abgeschoben. In Nordkorea droht Arbeitslager, oft auch die Todesstrafe.
Neben Ok besuchen rund 70 Schüler die Yeomyung-Schule in Südkorea, alle haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie lernen hier Mathe und Englisch, aber vor allem hilft die Schule ihnen dabei, in Südkorea anzukommen und mit dem Erlebten umzugehen.
Die Schüler sind zwischen 16 und 26 Jahre alt und damit älter als an gewöhnlichen Schulen. Die Schule ist klein, mit engen Zimmern, hat keinen eigenen Sportplatz - eigentlich eine Bedingung, um staatlich anerkannt zu werden. Der einzige große Raum des Gebäudes dient gleichzeitig als Aula, Speisesaal und Musikzimmer. Aus dem einst existierenden großen Ruhezimmer sind mittlerweile zwei Beratungsräume für Psychologen geworden.
Rund ein Drittel der Schüler nimmt Medikamente
Den Schüler fällt es oft schwer, über das Erlebte zu sprechen. Wenn überhaupt, öffnen sie sich gegenüber den Pädagogen der Schule. Dreimal pro Woche kommt eine Freiwillige und führt Gespräche mit den Schülern. "Fachmännische Beratung wird viel dringender gebraucht als eine Lounge", sagt die stellvertretende Schulleiterin Cho Myung-sook. Etwa 30 Prozent der Schüler hätten derart starke psychologische Probleme, dass sie Medikamente nehmen müssten.
Die ganze Schule zeugt von den Erfahrungen der jungen Menschen aus Nordkorea; an den Wänden hängen Bilder, die sie gemalt haben: Sie zeigen Vergewaltigungen, Hinrichtungen, Hunger und Folter.
Alle Schüler haben für die Freiheit ihr Leben riskiert. Sie sind aus einem Land geflohen, an deren Grenze der Schießbefehl gilt. Das totalitäre Regime in Pjöngjang schottet das Land nach außen vollkommen ab. Im Inneren regieren Terror und Willkür.
"Die Kinder erzählen, wie das Blut riecht, wenn jemand bei einer staatlich organisierten öffentlichen Hinrichtung von neun Kugeln durchsiebt wird", sagt die stellvertretende Schulleiterin Cho Myung-sook.
Auch Kim Tae-hui*, 16, hat mit ihren Erinnerungen zu kämpfen. Dabei hat Kim noch Glück gehabt: Im Gegensatz zu vielen ihrer Mitschüler entging sie Vergewaltigung, Sklavenarbeit und dem Straflager. Kim erzählt wie sie aus China nach Nordkorea deportiert worden ist. Weil sie so jung war, hatten die nordkoreanischen Behörden kaum Interesse an ihr. Kaum wieder auf freiem Fuß, probierte sie die Flucht erneut. "Ich kenne die Angst, wenn man den Grenzfluss überquert und in ständiger Angst vor Entdeckung leben muss", sagt sie mit brechender Stimme.
An normalen Schulen werden die Flüchtlinge oft gehänselt
Angekommen in Südkorea sind die Strapazen oft nicht vorbei. Den Schülern fällt es schwer, sich in eine fremde Welt einzugewöhnen. "Im Norden wird nur belogen und betrogen, um zu überleben", sagt Kang Min, 26, der seit einem halben Jahr an der Yeomyung-Schule lernt. Sie seien nicht nur in einer anderen Kultur aufgewachsen, sondern auch in einer anderen Zeit. Nordkoreaner wissen beispielsweise oft nicht, mit Computerspielen umzugehen oder einen Automaten zu bedienen.
Auch der Schulalltag bereitet oft Probleme: Denn kaum ein Bildungssystem ist so sehr auf Konkurrenz ausgelegt wie das südkoreanische. An normalen staatlichen Schulen werden Jugendliche aus Nordkorea oft gehänselt, wenn sie grundlegendste Dinge nicht verstehen. Ein Mittzwanziger mit dem Bildungsstand eines 15-Jährigen ist nicht alltäglich in Südkorea. "Wenn ein 26-Jähriger dann nicht mal die einfachsten Englisch-Vokabeln kann, wird er schnell zum Außenseiter oder - noch schlimmer - kommt in Kontakt mit den falschen Leuten, was ihn zusätzlich runterzieht", sagt die stellvertretende Schulleiterin Cho.
Cho und ihre Kollegen machen regelmäßig Ausflüge mit den Schülern, um ihnen das Leben in Südkorea direkt zu vermitteln, nicht nur über Schulbücher. "Viele unserer Schüler denken am Anfang zum Beispiel bei Basketball ginge es darum, den Ball so lange wie möglich festzuhalten, damit ihn der andere nicht bekommt", sagt Cho.
Auch Demokratie lernen die Schüler gerade in der Praxis: Sie haben die Kampagne "SaveMyFriend" initiiert. Sie erregt in Südkorea derzeit viel Aufsehen. Sie setzen sich damit für ihre Freunde und Bekannten ein, die in China von der Abschiebung bedroht sind. Seit knapp einem Monat demonstrieren täglich Aktivisten, Schauspieler, Sänger und Politiker vor der chinesischen Botschaft in Seoul gegen die Abschiebepolitik in Peking. Seoul hat inzwischen an Peking appelliert, Nordkoreaner nicht mehr einfach abzuschieben, die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton hat sich eingeschaltet, und auch die Vereinten Nationen beschäftigen sich mit dem Thema.
Er habe an der Schule zivilisiertes Gemeinschaftsleben gelernt und Umgangsformen, erklärt Ok Taek-yeon. Ein Kontaktmann der Polizei, der den Flüchtlingen beim Einleben in Südkorea hilft, hatte ihm von der Schule erzählt. Zwar sei das reale Südkorea nicht ganz so reich und glitzernd wie in Serien und Filmen dargestellt, sagt Ok, aber das Leben sei gut - jetzt wo er lernen dürfe.
*Name geändert
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