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04. Februar 2013, 20:10 Uhr

Nordkoreas Schulen in Japan

Unterricht mit Kim und Kim

Von Heike Sonnberger

Auf Klassenfahrt geht es nach Pjöngjang, der Unterricht findet unterm Diktatorenporträt statt: Eine Schule in Tokio will Kindern Sprache und Kultur Nordkoreas näherbringen. Viele Japaner beobachten die pädagogischen Bemühungen argwöhnisch.

Wenn keine Porträts der nordkoreanischen Staatsmänner Kim Il Sung und Kim Jong Il an den Wänden hingen, würde sich diese Schule kaum von anderen Schulen in Japan unterscheiden. Doch die Koreanische Mittel- und Oberschule in Tokio huldigt den beiden verstorbenen Führern aus der Heimat offen - und eckt damit in Japan an.

Der US-Sender CNN zeigte am Montag, wie Kinder an der Schule den koreanischen Kampfsport Taekwondo trainieren und traditionelle Tänze lernen. Die Lehrer würden auf Koreanisch unterrichten, und einmal im Jahr organisiere die Schule eine Fahrt in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang, heißt es in dem Bericht.

Die Porträts der beiden Diktatoren seien ein Zeichen der Dankbarkeit gegenüber denen, die die Schule jahrelang mitfinanziert hätten, sagte Rektor Gil-ung Shin.

In Japan, wo Nordkorea den meisten Menschen mindestens unheimlich und oft auch zutiefst verhasst ist, kommt so etwas nicht gut an. Und so weigert sich die Regierung von Premierminister Shinzo Abe, die nordkoreanische Schule in Tokio wie andere private Auslandsschulen zu fördern.

An staatlichen Oberschulen die Schulgebühr erlassen

Mit Kriegsrhetorik und Raketentests provoziert Pjöngjang seit Jahren den Nachbarn jenseits des Japanischen Meers. Die neue Regierung in Japan reagiert mit nationalistischer Härte. Das trifft auch die Schule in Tokio: Ende Dezember verkündete Premierminister Abe, Pjöngjang nahestehende Einrichtungen könnten auch künftig nicht mit finanzieller Unterstützung rechnen. Solange Japan die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Nordkorea aufrechterhalte, könne man Kindern an nordkoreanischen Schulen im Land nicht das Schulgeld zahlen, hieß es zur Begründung in einem Bericht der japanischen Zeitung "Yomiuri Shimbun".

Im Jahr 2010 hatte Abes Vorgängerregierung beschlossen, Jugendlichen an staatlichen Oberschulen die Schulgebühr zu erlassen. Internationale Privatschulen können ebenfalls von der Regel profitieren. Ob das allerdings auch für Einrichtungen gelten soll, die von Nordkorea unterstützt werden, war von Anfang an umstritten.

Die endgültige Entscheidung habe die Regierung seither aufgeschoben, schreibt die südkoreanische Zeitung "Hankyoreh" auf ihrer Internetseite. Das betreffe landesweit mehr als 70 Schulen mit rund 8000 Schülern, von denen etwa jeder zweite einen südkoreanischen Pass habe.

Seit den fünfziger Jahren habe die Regierung in Pjöngjang die Schulen großzügig gefördert, berichtet das Blatt weiter. Doch seit die Wirtschaft in Nordkorea brachliege, sei auch die finanzielle Hilfe für Japan fast völlig versiegt. Der Leiter der Tokioter Schule Shin sagte, manchen Einrichtungen gehe es so schlecht, dass sie ihre Lehrer nicht pünktlich bezahlen könnten.

Vorbereitung auf ein Leben in Japan

Viele der Schulen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg für die Zuwanderer und Zwangsarbeiter aus dem zuvor von Japan besetzten Korea gegründet. Sie sollten den Kindern die Sprache und Traditionen ihrer Heimat und ein Gemeinschafts- und Selbstwertgefühl vermitteln. Bis heute werden Koreaner in Japan häufig diskriminiert, ihre Kultur wird wenig wertgeschätzt.

Auf der Website der Schule heißt es, man wolle die Schüler nicht nur koreanische Geschichte, Kultur und Sprache lehren, sondern auch Wissen über Japan und andere Länder vermitteln. Die Schüler sollten so auf ein Leben in Japan mit Studium oder Job vorbereitet werden.

Über die Sorge, dass junge Koreaner an der Koreanischen Mittel- und Oberschule in Tokio auf die Ideologie des Erzfeindes gedrillt würden, können viele Schüler nur lachen. "Die Leute denken, wir bekommen eine Gehirnwäsche. Das stimmt nicht", sagte die 17-jährige Schülerin Kyong Rae Ha dem Sender CNN. Ihre Schule sei nicht anders als andere internationale Schulen in Japan.

Der ebenfalls 17 Jahre alte Sang Yong Lee sagte, er werde hier nicht zum Spion ausgebildet. "Das ist einfach ein Ort, an dem ich zeigen kann, dass ich stolz darauf bin, ein Koreaner in Japan zu sein." Die meisten der 650 Schüler leben bereits ihr ganzes Leben lang in Japan und sprechen fließend Japanisch. Das Land der beiden Kims, die streng von den Wänden ihrer Schule blicken, haben sie noch nie besucht.

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