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Palästinensische Juden: "Nationalität gibt es nur, solange Menschen daran glauben"

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Anan Jablonko an seinem Klavier: "Ich brauche kein Etikett"

Im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern scheinen die Fronten klar: hier Juden, dort Muslime. Doch junge Palästinenser jüdischen Glaubens kritisieren den Nationalismus beider Seiten und lehnen jedes Label ab.

Tel Aviv/Jaffa - "Soll ich etwas für Dich spielen?", fragt Anan Jablonko und setzt sich an sein schwarzes Yamaha-Klavier. Der 16-Jährige braucht keine Noten, seine langen Finger gleiten wie von selbst über die Tasten. Seit seinem fünften Lebensjahr ist das Klavier die große Leidenschaft des jungen Israeli, der zugleich Palästinenser und Jude ist. Aus der Küche zieht an diesem Freitagnachmittag der Duft frischer Falafel-Bällchen herüber, die seine palästinensische Mutter Nihad gerade für die sechsköpfige Familie zubereitet. Sein Vater, der aus Polen stammende Jude Anatol, sitzt schon erwartungsvoll am Tisch.

"Du willst wissen, was oder wer ich bin, Jude oder Palästinenser?", fragt Anan. "Also Jude bin ich nach den jüdischen Gesetzen nicht, weil meine Mutter nicht Jüdin ist, und Palästinenser auch nicht so richtig, weil mein Vater Jude ist", antwortet der 16-Jährige. "Ich bin ich selbst, ich brauche kein Etikett und auch kein jüdisches Israel, wie es Netanjahu immer fordert", sagt der schlaksige, schon mehr als 1,80 Meter große Jugendliche.

Gerade diese Forderung, dass Israel ein jüdischer Staat sein müsse, erzürnt die meisten der palästinensischen Israelis - sie machen etwa ein Fünftel der Bevölkerung aus. "Diese Besessenheit, mit der die Forderung nach der jüdischen Natur des Staates erhoben wird, ist Ursache für Rassismus", schrieb der palästinensische Rechtsanwalt Chaled Titi kürzlich in der Zeitung "Jediot Achronot".

Schlägereien im Vergnügungspark

Kurz zuvor hatte ein Skandal ein Schlaglicht auf das gespannte Verhältnis zwischen Jugendlichen der beiden Volksgruppen geworfen. Ein Lehrer hatte zufällig bemerkt, dass der Vergnügungspark "Superland" bei Tel Aviv Klassen aus jüdischen und arabischen Schulen nur an unterschiedlichen Tagen hereinlässt. Prompt erhoben Medien und Politik den Vorwurf des Rassismus. Die Betreiber verteidigten sich, einige Schulen hätten dies so gewünscht, weil es mehrmals zu Schlägereien zwischen jüdischen und palästinensischen Jugendlichen gekommen sei.

Offiziell sind in Israel jüdische und palästinensische Bürger vor dem Gesetz gleich. Aber die Aufstiegschancen in Staat, Militär und Wirtschaft sind für Palästinenser ungleich schlechter als für Juden. So sind nur etwa 1000 Palästinenser unter den 150.000 Mitarbeitern der High-Tech-Branche, schrieb die Zeitung "Haaretz". Das Misstrauen sitzt tief zwischen den beiden Völkern, die schon so lange um das eine Land streiten und sich dabei gegenseitig so verletzt haben.

So halten 62 Prozent der palästinensischen Israelis einer Umfrage von 2011 zufolge ihre jüdischen Mitbürger für einen ausländischen Fremdkörper im Nahen Osten. Und laut einer anderen Umfrage lehnen mehr als die Hälfte der israelischen Juden Palästinenser als Nachbarn ab. Es gebe eine "Apartheid" von unten, schrieb "Haaretz".

"Nationalität gibt es nur, solange Menschen daran glauben"

Anan empfindet diesen Konflikt als künstlich, von Politikern geschürt und benutzt. "Nationalität gibt es nur, solange Menschen daran glauben. Und ich tue das nicht. Es ist doch völlig egal, ob einer dunkle oder helle Haut, eine große oder kleine Nase hat oder Jude oder Moslem ist", sagt er.

Wie die meisten Israelis spricht er neben der Landessprache Hebräisch auch fließend Englisch. Hinzu kommt Küchen-Arabisch, aufgeschnappt zu Hause bei seiner Mutter, das ist schon seltener bei jungen Israelis. Am liebsten ist Anan die universelle Sprache der Musik. Jeden Tag übt er mindestens eine Stunde, zweimal die Woche geht er zusätzlich nachmittags in eine Musikschule. Sport interessiert ihn nicht sehr. "Meine Noten in der normalen Schule? Ich weiß auch nicht, ich bin faul und sie sind trotzdem gut", sagt er und lacht.

Ob er später einmal Berufsmusiker werden will, weiß Anan noch nicht. "Das ist eine ziemlich brotlose Kunst in Israel", sagt er. Am liebsten sind ihm vorerst seine fast täglichen Konzerte vor kleinen Zuhörern: die Kinder in der Kita, die seine Eltern zu Hause betreiben. "Klassik mögen die Kleinen nicht so gern, aber wenn ich die Internationale spiele, sind sie ganz aus dem Häuschen", sagt er augenzwinkernd und schiebt sich ein Falafel-Bällchen in den Mund.


Jan-Uwe Ronneburger/dpa/ade

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