Rabiate Eltern: Frankreich will Prügelstrafe verbieten

Was in vielen Ländern Europas längst gilt, bedeutet für Frankreich eine kleine Revolution: Noch dürfen Eltern ihre Kinder dort schlagen - aber das will die Regierungspartei UMP jetzt verbieten. Eine Politikerin fordert gar, das Gesetz allen Brautpaaren bei der Hochzeit vorzulesen.

Noch vor knapp zwei Jahren applaudierte fast das ganze Land einem Lehrer, der einen Schüler geohrfeigt hatte. Jetzt scheint das Ideal einer gewaltfreien Erziehung langsam auch in Frankreich anzukommen. Die konservative Regierungspartei UMP hat erstmals einen Gesetzentwurf eingebracht, der körperliche Züchtigung verbietet. In Deutschland ist es bereits seit dem Jahr 2000 gesetzlich verboten, Kinder "körperlich zu bestrafen oder seelisch zu verletzen".

In Frankreich begründete die UMP-Abgeordnete Edwige Antier die Initiative ihrer Partei: "Je eher man die Hand gegen ein Kind erhebt, desto eher wird es ungezogen und aggressiv", sagte sie der Zeitung "Le Parisien".

Anders als in Deutschland hat sich in Frankreich ein autoritärer Erziehungsstil in Elternhaus, Kindergarten oder Schule auch nach der 68er-Bewegung gehalten - und wurde weithin akzeptiert. Nach Umfragen der "Organisation des Familles en Europe" gaben 87 Prozent der französischen Eltern an, eine Tracht Prügel gehöre zu ihren Praktiken. Und 53 Prozent sprachen sich gegen ein Prügelverbot aus, wie es in Deutschland und 17 anderen Ländern der EU schon in Kraft ist.

Das Prügelverbot soll ins Bürgerliche Gesetzbuch

Das einzige, was ein Kind aus Prügelstrafen lerne, sei, "dass man Konflikte mit Gewalt lösen kann und der Stärkere das Recht hat, den Schwächeren zu schlagen", sagte die Abgeordnete Antier. Sie will das Verbot wie in Deutschland ins Bürgerliche Gesetzbuch aufnehmen lassen. Antier geht sogar noch weiter und schlägt für Hochzeiten eine wenig romantische Lektüre des Gesetztestextes vor: Die Paragrafen sollen bei Eheschließungen dem Brautpaar vorgelesen werden, "um die Mentalität zu verändern", so die Parlamentarierin.

Das ist ein ziemlicher Schwenk für Frankreichs Politik. Der ohrfeigende Lehrer im Februar 2008 bekam noch Unterstützung aus der Politik. Der damalige Bildungsminister Xavier Darcos ließ Verständnis anklingen und sagte in einem Interview, dass mehr Lehrer Opfer von Schülergewalt seien als umgekehrt. Ohne jeden Zweifel habe der Lehrer schlecht reagiert, aber der Junge sei schon oft durch eine extrem vulgäre und brutale Art aufgefallen.

Auch Frankreichs Premierminister François Fillon bekundete damals: "Ja, ich unterstütze diesen Lehrer." In einem Radiointerview sagte er, die Ohrfeige sei zwar keine "gute Lösung", doch Lehrer bräuchten "ein wenig Disziplin und ein wenig Respekt", um ihren Unterricht abhalten zu können. "Es ist nicht hinnehmbar, dass ein Schüler einen Lehrer als Arschloch bezeichnet." Der Lehrer hatte vor Gericht ausdrücklich gesagt, als der Schüler ihn beleidigte, habe er mit einer spontanen Reaktion "wie ein Familienvater" gehandelt. Er fand milde Richter und musste am Ende lediglich 500 Euro Geldstrafe zahlen.

Sollte das Gesetz verabschiedet werden, dürfen sich auch Eltern künftig nur noch verbal wehren.

otr/AP

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Forum - Ohrfeige für Schüler - dürfen Lehrer sich wehren?
insgesamt 1360 Beiträge
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1.
Piri 06.02.2008
Zitat von sysopNachdem er beleidigt worden war, verpasste ein Lehrer in Nordfrankreich einem Schüler eine Ohrfeige. Die französische Öffentlichkeit reagiert mit Verständnis. Was meinen Sie, muss sich ein Lehrer alles gefallen lassen?
Was soll diese Frage?! Wir sind nicht in Frankreich und nicht in England und nicht in Italien und nicht in Japan und nicht in Finnland... - wir sind in DEUTSCHLAND. Das ist doch wohl Antwort genug, oder sollen jetzt hier ernsthaft zum eintausendfünfhundertsiebenundzwanzigsten alle geballten Vor- und Nachurteile in Sachen Lehrer en detail neu ausgetobt werden?
2.
pascal 66 06.02.2008
Zitat von PiriWas soll diese Frage?! Wir sind nicht in Frankreich und nicht in England und nicht in Italien und nicht in Japan und nicht in Finnland... - wir sind in DEUTSCHLAND.
Und wozu dann Pisa?
3.
felice4077 06.02.2008
Die Frage ist wirklich witzig. Natürlich dürfen Lehrer - wie alle anderen Bürger auch - sich wehren, wenn sie angegriffen werden. Man nennt das Notwehr, bzw. im französischen Strafrecht légitime défense. Sie müssen dabei nur die Grenze der Gebotenheit einhalten. Eine Verteidigung mittels Ohrfeige gegen bloße verbale Beleidigungen ist nicht geboten. Wenn der Schüler allerdings tätlich wird, eventuell gar bewaffnet ist, wäre auch gegen einen KO-Schlag nichts einzuwenden.
4.
Piri 06.02.2008
Zitat von pascal 66Und wozu dann Pisa?
Bitte? Was hat PISA mit Beleidigungen und Ohrfeigen zu tun? Nebenbei: Frankreich war beim letzten PISA-Test ziemlich abgeschmiert, schon vergessen?
5.
ChristophL 06.02.2008
Zitat von felice4077Die Frage ist wirklich witzig. Natürlich dürfen Lehrer - wie alle anderen Bürger auch - sich wehren, wenn sie angegriffen werden. Man nennt das Notwehr, bzw. im französischen Strafrecht légitime défense. Sie müssen dabei nur die Grenze der Gebotenheit einhalten. Eine Verteidigung mittels Ohrfeige gegen bloße verbale Beleidigungen ist nicht geboten. Wenn der Schüler allerdings tätlich wird, eventuell gar bewaffnet ist, wäre auch gegen einen KO-Schlag nichts einzuwenden.
Wenn sie als Lehrer nicht in ernste Probleme kommen, dann sollten sie sich lieber schlagen und beleidigen lassen. Hier gilt das Notwehr Prinzip: Bis die Unschuld bewiesen... auch wenn sie nur zuhauen um sich zu wehren, wenn die "Gang" von dem besagtem Jugendlichem nämlich aussagt sie hätten den Streit bekommen und er sich nur gewehrt und sie haben keine weiteren Zeugen... Da sehen sie alt aus. In der Praxis passiert leider genau dies häufig.
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