Pädagogik-Ratgeber: Lasst die Kinder kleckern

Von Dietmar Pieper

Im Dreck spielen: Es gibt ja Waschmaschinen Zur Großansicht
Corbis

Im Dreck spielen: Es gibt ja Waschmaschinen

Weg mit der wahnhaft-übertriebenen Frühförderung! Das fordert der Pädagoge Salman Ansari und kritisiert die "Akademisierung der Kindheit". Sein neues Buch ist ein Plädoyer für das Unfertige und für mehr Flecken auf dem Esstisch.

Das Bild zeigt eine Hyäne. Das Kind fragt: "Ist das ein Hund?" Wie lautet die richtige Antwort?

Natürlich werden die meisten Erwachsenen sagen, dass auf dem Bild kein Hund, sondern eine Hyäne zu sehen ist. Manche fügen vielleicht noch hinzu, dass Hyänen in Afrika leben. Aber es gibt eine bessere Antwort, nämlich eine Gegenfrage: "Sehen Hunde wirklich so aus? Lass uns das Tier genau betrachten. Es hat zwar vier Beine, aber vielleicht gibt es doch Unterschiede zum Hund. Was meinst du?" So spielen die Erwachsenen den Ball zurück, anstatt ihr eigenes Wissen unter Beweis zu stellen. Das Kind denkt nach, es lernt zu lernen.

Das kleine Beispiel stammt aus dem neuen Buch von Salman Ansari ("Rettet die Neugier! Gegen die Akademisierung der Kindheit"). Der Lernpädagoge und promovierte Chemiker schöpft hier aus seiner reichhaltigen Erfahrung, die er seit Jahren in Kitas gesammelt hat. Er kennt die Stärken und Schwächen der deutschen Frühförderung, die zu einem der großen pädagogischen Modethemen geworden ist. Und er hat einen geschulten, naturwissenschaftlich nüchternen Blick, mit dem er wahnhafte Übertreibungen treffend attackiert. Darunter fallen für ihn "Chemiekästen für Kleinkinder, Chinesisch in Kitas, Kinder-Unis für Grundschüler" - also lauter Angebote, die von vielen Eltern sehr geschätzt werden.

Die Kritik ist konstruktiv

Ansaris Stärke ist es, dass er nicht nur gegen die von ihm beklagte "Akademisierung der Kindheit" zu Felde zieht, sondern auch eine Menge konkreter Vorschläge macht, wie Erwachsene den Kindern helfen können, die Welt zu entdecken. In seinen "Forscherdialogen" lässt er Vogelnester bauen und Messbecher füllen, Maisfladen backen und Herbstblätter verbuddeln. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei Kindern aus Migrantenfamilien, die bei solchen Aufgaben konzentriert und doch spielerisch ihren sprachlichen Horizont erweitern können.

Was Ansari will, macht Mühe. Er ist gegen das Fertige und für das Handgemachte. Gegen das Experiment in sieben Lernschritten aus dem Bausatz und für das offene Ausprobieren. Gegen den Baumlehrpfad und für die Nachtwanderung. Das kann alles ziemlich anstrengend sein. Kinderköpfen und Kinderherzen tut es gut.

Noch einmal ein schlichtes Beispiel: Das Kleinkind will unbedingt schon alleine sein Essen löffeln, aber, schreibt Ansari: "Viele Eltern unterstützen diesen unbändigen Drang zur Selbständigkeit nicht, weil sie Angst haben, das Kind könnte sich oder den Esstisch bekleckern." Macht euch locker. Leute, es gibt Waschmaschinen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 95 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Prima
christian339 18.06.2013
Habe ich schon immer gesagt. Bestimmt ein prima Buch! Artikel könnte mehr ins Detail gehen.
2. Akademical Drill ...
mazonspon 18.06.2013
... erfährt man m.E. in nahezu allen Bildungs- und Sozialschichten. Mir erscheint dass frührer eher 'das' Auto das STATUSSYMBOL war nun oft der NACHWUCHS. Wir erleben: Nachhilfe, Musikunterricht, Psychomotorik, mit 4 schon Schwimmkurs, Buchstaben und Zahlen auch schon teils mit 3 Jahren. Die Pädiatrie betrachtet diese Lehr-Lern-Phänomen kritisch! DANKE für den Buchtip. Wir können auch ohne Drill kindgerechte Kinder mit kinderfüllter Kindheit!
3. Meine Kinder, ...
emeticart 18.06.2013
... durfen Kinder sein. Sie dürfen kleckern, rumtollen und auch mal quatsch machen. Sie müssen, im wahrsten Sinne des Wortes, "begreifen". Sicherlich, gibt es auch Regeln und Grenzen. Wenn ich mir aber, teilweise in meinem Bekanntenkreis anschaue, was deren Kinder alles nicht dürfen, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Man sieht auch, dass diese Kleinen, ein schlechtes Körpergefühl haben. Ich halte es meist so: Was hab ich als Kind gerne gemacht oder hätte ich gerne gemacht- das dürfen dann meine Kinder. Übrigens: Meine Kinder konnten schon sehr früh Hunde und Hyänen auseinander halten- ich lese mit ihnen sehr viel, seit Anfang an- statt fern zusehen.
4.
Blaue Fee 18.06.2013
Zitat von mazonspon... erfährt man m.E. in nahezu allen Bildungs- und Sozialschichten. Mir erscheint dass frührer eher 'das' Auto das STATUSSYMBOL war nun oft der NACHWUCHS. Wir erleben: Nachhilfe, Musikunterricht, Psychomotorik, mit 4 schon Schwimmkurs, Buchstaben und Zahlen auch schon teils mit 3 Jahren. Die Pädiatrie betrachtet diese Lehr-Lern-Phänomen kritisch! DANKE für den Buchtip. Wir können auch ohne Drill kindgerechte Kinder mit kinderfüllter Kindheit!
Das eine schliesst das andere doch nicht aus. Während die Kinder in der Schule/im Kindergarten mit der akademischen Seite des Wissens konfrontiert werden, können Eltern am Wochenende und in den Ferien praktisch und spielerisch an die Dinge herangehen. Beim Opa im Gemüsegarten helfen, abends im Gras liegen und die Sterne betrachten oder Oma/Mama beim Kochen assistieren und dabei die Eigenschaften von Backpulver oder das Verhalten von Wasser mit Öl kennenzulernen ist doch kein Akt und macht ausserdem beiden Spass.
5. Baby-Schwimmen
zerr-spiegel 18.06.2013
Zitat von mazonspon..., mit 4 schon Schwimmkurs, ...
Den sollte ein Kind schon mit 1 hinter sich haben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik SchulSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Querweltein
RSS
alles zum Thema Erziehung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 95 Kommentare
  • Zur Startseite
Buchtipp


Social Networks

Entdecken Sie außerdem SchulSPIEGEL auf...