Schlips-Code an Schule: Streber tragen Lila, Versager sind blau

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Eine Schule in London sortiert per Schlips: Lila für die Guten, der Rest muss in Blau und Rot herumlaufen. Damit nicht genug: Die Schüler lernen getrennt und spielen getrennt. Der Rektor hält das für fortschrittlich, die Gewerkschaft verdreht die Augen - und die Kinder beschimpfen sich.

"Die Farbe Lila", das ist ein mehr oder weniger feministischer Film von Steven Spielberg, das ist die evangelische Kirche oder der VfL Osnabrück. Aber am neuen "Crown Woods College" in Greenwich, London, wissen Schüler, die Lila sehen: Da kommt einer von den Schlauen. Die Schule hat eine Art Ständesystem eingeführt, bei dem die Kinder nach Farben sortiert werden. Alle tragen eine Uniform mit einer kleinen Krone sowie einen Schlips in einer bestimmten Farbe. Wer sich mit Lila ausstaffiert, der ist schlau, begabt und auf dem Weg nach oben. Mit Rot und Blau muss der gewöhnliche Rest Vorlieb nehmen. Grün ist die Farbe der Älteren, der Oberstufe.

Schulleiter Michael Murphy, Sohn irischer Einwanderer, ist ganz begeistert von seiner Idee: "Wenn du willst, dass deine Schule Erfolg hat, dann musst du genau so etwas tun", sagte er der britischen Zeitung "The Guardian". Murphy zitiert auch gerne Margret Thatcher: "Du kannst den Markt nicht ignorieren, du musst auf ihn reagieren." Als er die Schule übernahm, habe sie laufend Kinder an Nachbarschulen verloren. Dann bauten Stadt und Staat das "Crown Woods College" in den vergangenen zwei Jahren mit 50 Millionen Pfund komplett neu auf, mit modernen Sportanlagen (Fußballfeld mit Flutlicht), einem therapeutischen Garten, einem Musik- und einem Design-Zentrum. Im Mai wurde es wieder eröffnet und auf einmal gibt es mehr Anmeldungen als Plätze, 1800 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule im Moment.

Rektor Murphy hat die Mittelstufe des Colleges nun zum Neustart in drei "Mini-Schulen" zu jeweils 450 Kindern unterteilt. Jede bekam einen eigenen Namen, der durch eine Farbe symbolisiert wird, die sich neben Uniformen und Schlips auch an den Gebäuden wiederfindet: "Delamere" trägt Lila, "Ashdown" Blau und "Sherwood" Rot. Die Schüler haben separate Schulgebäude und Schulhöfe, die mit Zäunen voneinander getrennt sind. Sie essen zu unterschiedlichen Zeiten, nur Sport und Musik machen sie noch zusammen. Sortiert wird nach der Grundschule, also im Alter von etwa elf Jahren; Murphy behauptet nicht ohne Stolz, dass sich bis jetzt nur zwei Elternpaare über die Einschätzung ihres Kindes beschwert hätten.

Gemeinsam lernen? Früh sortieren!

Seine Interpretation von Schule am "Crown Woods College" ist so etwas wie die Antithese zur Gesamtschule und zum " Gemeinsamen Lernen", das in der Diskussion in Deutschland so häufig angesprochen wird. In seiner Schule werden die Kinder früh sortiert, getrennt voneinander unterrichtet; durch Uniform, Schlips, Namen und Farben erhält die farbliche Sortierung auch noch die Weihe einer besonderen Identität.

Murphy nennt dieses Vorgehen schlicht "Streaming", was bedeutet, dass die Schüler in Gruppen unterrichtet werden, die nach Leistungsstärke gebildet werden. Er hält diese Art, Lernen zu organisieren, für besonders fortschrittlich. Auch die schwächeren Schüler würden profitieren: "Das gemeinsame Lernen in den staatlichen Schulen ist offensichtlich gescheitert. Unser System erlaubt es allen, ihrem Können entsprechend zu arbeiten und die Unterstützung zu bekommen, die sie brauchen." Er wolle, dass seine Schule Erfolg habe, sagt Murphy, und genau dies sei, was dafür zu tun ist. "Auf andere Art und Weise wären wir für die Schüler nicht attraktiv gewesen."

"Wenn du etwas drauf hättest, wärst du auch auf Delamere"

Die Kinder und Jugendlichen am "Crown Woods College" freuen sich, so der "Guardian", sehr darüber, dass ihre Schule jetzt so modern aussieht, über die neuen Gebäude, die schicken Uniformen mit der Krone.

Über die Sortierung schimpfen einige von ihnen aber: Ein Mädchen, 15 Jahre alt, erzählt davon, dass die Lila-Superschüler die Nase ganz weit oben tragen. Die Kinder der unterschiedlichen Schulen würden sich häufig streiten und kloppen. Das haben sie früher vielleicht auch getan, aber nun haben sie einen Grund mehr dazu. Sie selbst gehe nicht auf "Delamere", die lila Schule, sondern auf eine der anderen beiden. "Wenn du mal Freunde hattest, die jetzt zur Delamere gehen - dann sind das jetzt deine Feinde. Sprichst du mit denen, ist das wie ein Verrat gegenüber deiner eigenen Schule." Sie beschimpfen sich auf dem Schulhof durch den Zaun, erzählt die Schülerin, man sage ihnen: "Wenn du etwas drauf hättest, wärst du auch auf Delamere."

Geradezu begeistert über ihre neue Schule ist Justine Kirkham, eine junge Lehrerin an "Sherwood" und "Ashdown": "Früher hatten einige Schüler hier wirklich Probleme, sich zu benehmen. Das ist viel weniger geworden. Wir können das Lernen jetzt viel persönlicher auf die Schüler zuschneiden. Statt immer nur die weniger intelligenten Schüler in der Klasse zu sein, kommen hier auch die Schwächeren gut mit. In gemischten Klassen würden sie nicht so klarkommen."

Harte Kritik übt Kevin Courtney von der Lehrergewerkschaft am "Crown Woods College": "Es ist erschütternd. Die Forschung zeigt eindeutig, dass gemeinsames Lernen wie in Finnland für alle Schüler besser funktioniert, auch wenn manche Leute das nicht wahrhaben wollen." Das System sei rückschrittlich und würde vielleicht den Wettbewerb fördern, aber nicht den Unterricht verbessern. Courtney weist auf eine US-Studie aus den sechziger Jahren hin, bei der Schülern mit blauen Augen erzählt wurde, sie seien ihren Klassenkameraden mit braunen Augen überlegen. Nach kurzer Zeit begannen die blauäugigen Kinder dort ihre Mitschüler zu hänseln. So wie jetzt in London.

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insgesamt 84 Beiträge
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1. Warum nicht gleich ein Etikett ans Ohr ?
jeez 01.08.2011
Den Herrn Rektor hätte man wohl auch besser früh aussortieren müssen. Aber "Schule" war ja schon immer gut darin, Kindern möglicht schnell verschiedene Stempel aufzudrücken. Von daher ist es wohl wirklich ein Fortschritt.
2. .
Hagbard 01.08.2011
Vielleicht erbarmt sich jemand und schenkt ihm eine Ausgabe von The Wave.
3. Schwachsinn
dommi83 01.08.2011
Da frage ich mich doch, was das soll... Sollten Schuluniformen nicht genau so etwas unterbinden? Das ist, als würde man die Lebensmittelampel einführen, aber jedem selbst überlassen, ab wann ein Gehalt "rot" oder "grün" würde. Meiner Meinung nach absolut überflüssiger Mumpitz.
4. Also für mich kling das..
Denkstoerung 01.08.2011
.. ganz nach einem billigen Harry Potter Hogwards-Imitat an.
5. Revival anderer "Zwangserkennungsmittel" möglich?
el-gato-lopez 01.08.2011
Zitat von sysopEine Schule in London sortiert per Schlips: Lila für die Guten, der Rest muss in blau und rot herumlaufen.*Damit nicht genug:*Die Schüler*lernen getrennt und spielen getrennt.*Der Rektor hält das für fortschrittlich, die Gewerkschaft verdreht die Augen -*und die*Kinder beschimpfen sich. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,777381,00.html
Mal vorweg, ich dachte immer, Schuluniformen seien eben dazu da, damit die Kinder sich z.B. nicht über Markenkleidung o.ä. abgrenzen können und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Schülerschaft über soziale/ökonomische/ethnische Schranken hinweg gefördert wird... Aber naja... Segregation ist doch so eine tolle Sache, da weiss man immer gleich wo sein eigenes Plätzchen ist und wenn man ignorieren/hassen/ablehnen etc. darf. Praktisch, dass sich im Vereinigten Königreich die "Geschichtsversessenheit" anscheinend darauf beschränkt, dass man irgendwelche Schlachtdaten auswendig lernt. Würde man davon abschweifen, fiele einem auf, dass auch andere Leute grosse Freude an solchen Zwangserkennungsmitteln hatten... Ich sage nur: "gelbe Sterne"...
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